Hamburg Briefe und Blumenmeer: So trauert Hamburg nach der Amoktat
Am Donnerstagabend erschoss ein Amoktäter sieben Menschen in Hamburg-Groß Borstel. Am Tatort trauern Anwohnern, Angehörige und Mitfühlende.
Wo sich am Freitag noch Journalisten und Kameraleute aus der ganzen Welt versammelten, herrscht am Sonntagabend gespenstische Stille. Lediglich zwei Polizisten halten noch Wache von dem Gebäude der Zeugen Jehovas, in dem am Donnerstag acht Menschen bei einer Amoktat ihr Leben ließen – darunter auch der Täter.
Noch immer liegt Schnee vor dem Königreichssaal in Hamburg-Groß Borstel. Es sind nur noch wenige weiße Flecken, aber sie passen zur gedrückten Stimmung im Hamburger Nieselwetter. Inzwischen liegen etliche Blumen vor dem grauen Bürogebäude. Es hat etwas gedauert, bis die Kerzen und Gebinde niedergelegt werden durften. Zuerst musste die Spurensicherung ihre Arbeit beenden. Der 135 Mal auf das Gebäude und die Menschen schoss, die sich zu einem Gottesdienst versammelt hatten.
Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas ist tief erschüttert. Etliche Briefe und Notizen, die zwischen den Tulpen und Gestecken im Regen langsam aufweichen, tragen Hinweise auf Bibelstellen. Philipper 4, Psalm 18 – überall geht es um Not und die Suche nach Beistand durch Gott, aber auch um Vergebung. Auf einem DIN-A4-Blatt, das in eine Klarsichtfolie gesteckt wurde, steht mit schwarzem Filzstift geschrieben: „Herr, vergib Ihnen, denn Sie wissen nicht, was sie tun!“ Es ist der erste Satz, den Jesus bei seiner Kreuzigung sprach, zu finden im Lukasevangelium. Die Wörter umringen ein gemaltes Kreuz, verstärkt durch neongrünen Textmarker.
Ein Nachbar, der sich als Daniel vorstellt, kommt am Sonntagabend das erste Mal an den Tatort. Er selbst sagt, er sei nicht mehr religiös. Seitdem Gott ihm vor zwei Jahren seine Frau nahm, gehe er nicht mehr in die Kirche. Eine Kerze wollte er dennoch vor dem Gotteshaus der Zeugen Jehovas niederlegen. Doch die Tankstelle nebenan verkaufe nur Blumen. Also legt er Tulpen vor dem Königreichssaal ab, in dessen Tür noch immer ein Einschussloch vom blitzschnellen Eingreifen der Polizisten zeugt,
In einer anderen Schutzhülle steckt ein langer Brief, computergeschrieben. Er richtet sich an die lieben Schwestern, Kinder und Brüder. Eine lange Trauerbekundung anderer Zeugen Jehovas: „Euer unvorstellbares Leid kann nur unser liebevoller himmlischer Vater lindern und, was noch tröstlicher ist, sehr bald vollständig heilen.“
Die Verfasser klammern sich an ihren Glauben. Eine Frau klammert sich an ihren Begleiter. Gerade erst hat sie dem Polizisten, der mit einer Kollegin für den Objektschutz abgestellt wurde, beschrieben, wo sie vor ihrer Flucht am Donnerstagabend iPad, Schlüssel und Jacke im Versammlungssaal zurückgelassen hat. Mehrere Gemeindemitglieder kommen hinzu, reden kurz, umarmen sich. Fragen möchten sie nicht beantworten. Aber ja, die Blumen könne man natürlich fotografieren.
Wie lange der Objektschutz noch aufrechterhalten wird, weiß der Polizeibeamte nicht. Er war selbst bei der Schießerei nicht im Einsatz. „Ich hatte kurz vorher Feierabend.“ Es klingt erleichternd. Es gebe noch mehrere Mitglieder der Hamburger Gemeinde, die bei ihrer Flucht vor dem Täter persönliche Gegenstände im Königreichssaal zurückgelassen haben. Die Polizei begleitet sie ins Gebäude oder holt die Jacken und Taschen, je nachdem, wie es die Überlebenden wünschen. Die Frau, die iPad und Schlüssel vermisst, geht am Ende hinein. Ihre Wangen sind gerötet. Der Blick fest. Sie schlingt die Arme um ihren Körper. Der Beamte löst das Sicherheitssiegel an der Tür. In der Glasscheibe klafft noch ein Einschussloch.
Die Blumen verteilen sich auf zwei Reihen. Hinter dem Zaun der persönliche Brief, die großen Gestecke aus weißen Blumen – Gerberas, Schleierkraut und natürlich Lilien, auch die wurden schon in der Bibel erwähnt, im Matthäus-Evangelium. Vor dem Zaun trauert der Stadtteil, wortwörtlich. Auf einem Pappschild steht „Groß Borstel trauert mit euch“, auf einem weißen Zettel „Trauer und Wut über das fehlende Waffenverbot“ Spaziergänger halten inne. Anwohner verlangsamen ihren Schritt, nicken traurig. Ein Mann sagt, er sei selbst Zeuge Jehovas, käme allerdings aus Bremen und habe das Bedürfnis gehabt, vorbeizufahren. „Schlimm sei das alles.“ Die Polizisten verschließen die Tür von innen. Im Versammlungssaal geht das Licht an. Die Überlebende sucht ihre Jacke.