Berlin „Man kann überall traurig sein“: Rapper BRKN über mentale Gesundheit
Er schreibt Tagebuch, befasst sich mit Therapie und macht Rap wieder weich: BRKN hat seine EP „Rahat“ veröffentlicht und erzählt, wie „Rahat“ schmeckt. Ein Gespräch über seinen Vater, der Drogentherapeut für Migranten ist, türkische Geleewürfel und Gefühle.
BRKN ist ein „Disemvoweling“ – ein Wort, bei dem alle Vokalbuchstaben weggelassen werden. BRKN heißt demnach eigentlich Berkan, genauer Andaç Berkan Akbiyik. Er wird 1991 in Berlin Kreuzberg geboren, ist Sohn eines Drogentherapeuten und einer Diplompsychologin und studierter Architekt. Akbiyik genoss eine musikalische Ausbildung, lernt Klavier, Saxofon und noch weitere Instrumente als Autodidakt.
Der Berliner hat sich aber nicht auf Architektur, sondern auf die Musik konzentriert und ist in der Szene kein Unbekannter. So hat er schon mit Fatoni, RAF Camora und Nico von K.I.Z zusammengearbeitet – sogar mit Herbert Grönemeyer. Am 10. März erschien (neben drei bereits veröffentlichten Alben) seine vierte EP „Rahat“. Aber was heißt „Rahat“ eigentlich? Und welche Gefühle sollen die sechs Songs bei den Hörern auslösen? Das erzählt der 32-Jährige im Interview:
Frage: Berkan Akbiyik, wenn man Ihre neue EP anhört, entsprechen Sie nicht unbedingt dem Klischee eines deutschsprachigen Gangsterrappers. Sie machen Rap wieder weich – ist das ein Kompliment?
Antwort: BRKN: Ich glaube, Miri (Anm. d. Red.: Journalistin Miriam Davoudvandi) hat diesen Spruch sehr lange benutzt. Von daher ja, finde ich cool.
Frage: Ist sie diejenige, die im Intro „Rahat“ zu hören ist?
Antwort: Nein, das ist eine andere Freundin, das ist Eda Vendetta, eine Influencerin aus Berlin.
Frage: Sie sagt am Ende des Intros einen Satz auf Türkisch, was bedeutet er?
Antwort: Bu rahatsızlık bizi genertecek ya – diese Unruhe wird uns noch umbringen. Gemeint ist, dass uns diese Welt, besser gesagt wir uns selbst, irgendwann um den Verstand bringen.
Hier können Sie das Intro zu „Rahat“ hören:
Frage: Der Satz klingt auf Türkisch viel ausdrucksstärker als auf Deutsch. Warum rappen Sie nicht in einer anderen Sprache?
Antwort: Hauptsächlich, weil es die Sprache ist, in der ich denke und mit der ich mich am besten ausdrücken kann. Aber tatsächlich habe ich mir schon länger vorgenommen, in meinen Songs öfter zwischen Türkisch und Deutsch zu wechseln – vor allem, weil ich das im echten Leben relativ häufig mache. Vielleicht sollte ich beim Textschreiben weniger nachdenken und einfach die Sprachen mixen. Wenn ich das bei anderen Leuten höre, finde ich das eigentlich ganz geil.
Frage: Ist Deutsch denn eine schöne Sprache? Der Satz „Ich liebe dich“, klingt beispielsweise nicht so ausdrucksstark, wie er eigentlich sollte.
Antwort: Joar. Deutsch klingt oft relativ hart – dafür kann man sich sehr präzise und gewählt ausdrücken. Vielleicht klingen andere Sprachen dafür dramatischer, pathetischer.
Frage: Die Frage zu Ihrem Song „Sad in Mérida“ richtet sich direkt an Ihr Herz: Wie kann man in Mexiko unter Sonne und Palmen traurig sein?
Antwort: Man kann überall traurig sein.
Frage: Aber was ging in dieser Zeit in Ihnen vor?
Antwort: Ich habe in Mérida knapp vier Wochen alleine Urlaub gemacht und meinte noch zu einem Kumpel, ob er mir nicht ein paar Beats schicken will. Der sagte aber „ne, mach bitte einfach Urlaub“ – und damit hatte er auch recht. Anstelle von Songs habe ich dann jeden Tag in mein Tagebuch geschrieben. Wenn man das vier Wochen lang macht, wird man mit seiner inneren Gefühlswelt konfrontiert. Es hat gedauert, bis ich den Urlaub genießen, meine Gedanken sortieren und den Kopf frei machen konnte.
Frage: Schreiben Sie auch abseits des Urlaubs Tagebuch?
Antwort: Ich mache das eigentlich relativ regelmäßig – nur die vergangen Wochen wieder etwas weniger. Mir hilft das einfach, meine Gedanken zu sortieren und mir selber etwas auf die Schliche zu kommen. Überhaupt wahrzunehmen, was eigentlich in meinen Kopf vorgeht. Damit meine ich die guten Gedanken, als auch die schlechten, die etwas Selbstsabotage-mäßiger sind. Wenn man all das aufschreibt, merkt man erst, dass vieles davon eigentlich völliger Quatsch ist.
Frage: In einem Interview werden Sie, passend zu Ihrem Song „Therapie“ gefragt, ob Sie wieder eine Therapie begonnen haben. Sie antworten: „Nein, der Weg dahin ist mir zu kompliziert. Ich schaffe es nicht, mich aufzuraffen, mich darum zu kümmern.“ Warum?
Antwort: Wo soll man da anfangen? Bei den meisten Praxen sind die Wartelisten sehr lange – zumindest bei denjenigen, die von gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Wenn man da anruft und nach einem Platz fragt, bekommt man mit Sicherheit eine Absage. Beträgt die Wartezeit „nur“ sechs Monate, ist das schon ein richtiger Jackpot. Wenn ich aber nur daran denke, mir zwanzig Praxen rauszusuchen und alle einzeln abzuklappern – dann ist mir das schon zu viel. Vielleicht bin ich aber auch einfach ein Prokrastinierer. Ein Beispiel: Mein Handy ist fast kaputt – es funktioniert nur noch so, dass ich es über mich ergehen lasse. Eigentlich habe ich eine Versicherung, die dafür aufkommt. Ich könnte es einschicken, mache es aber nicht, sonst müsste ich mich um den ganzen Papierkram kümmern. Das ist definitiv eine Schwachstelle von mir.
Hier sehen Sie das Musikvideo von BRKN zu „Therapie“:
Frage: Ihr Song „Seit Du weg bist“ scheint sich an eine ganz bestimmte Person zu richten. Wie hat sie auf die Veröffentlichung reagiert?
Antwort: Die Person, über die es in dem Song geht, die hat vergangenes Jahr nicht mal mehr auf meine Geburtstagsnachricht reagiert. Daher habe ich keine Ahnung, was die wohl darüber denkt. Das ist nun mal so, das ist nicht mehr meine Sache.
Frage: Ihre EP heißt „Rahat“. Das Erste, was Google bei „Rahat“ vorschlägt, ist: „Rahat Lokum“ – ein Rezept für türkische Geleewürfel.
Antwort: Ich habe das noch nie gegessen! Aber ein Freund hat mir das geschickt, der ist Rumäne, das wird da auch gegessen. Rahat bezieht sich aber nicht auf das Essen. Das ist ein Adjektiv und kann mit „ruhig“ oder „gemütlich“ übersetzt werden. Wenn man das auf Türkisch sagt, möchte man ausdrücken: Entspann Dich, mache Dir keine Sorgen. Wenn man innere Unruhe verspürt, hat man „kein Rahat“
Frage: Und Ihre EP soll Rahat auslösen?
Antwort: Hm, ne. Ich weiß nicht, ob die etwas Bestimmtes auslöst. Das ist einfach etwas, das mich beschäftigt. Wenn man die Songs anhört, merkt man vielleicht, dass ich kein Rahat, keine Ruhe habe.
Frage: Wie kann man Rahat erreichen? Ich beispielsweise komme beim Kochen zur Ruhe.
Antwort: Es gibt viele Sachen, die mich beschäftigen. Und das hört auch nicht auf, wenn ich bei mir zu Hause einmal Kokos-Curry koche. Das ist eher eine Lebensaufgabe.
Frage: Wenn mit Rahat keine Geleewürfel gemeint sind – wie schmeckt dann Ihre EP?
Antwort: Boah, die ist ziemlich abwechslungsreich! Das wäre eine Mahlzeit mit verschiedenen Komponenten, die sich alle gut ergänzen. Ich würde sagen: Ein leckerer Teller mit einem Rote-Beete-Salat und karamellisierten Haselnüssen. Das habe ich letztens gegessen, das hat richtig krass geschmeckt!
Frage: Haben Sie ein Rezept, dass Sie an Ihre Kindheit oder Heimat erinnert?
Antwort: Es gibt ein paar Sachen, die mich an meine Eltern, an mein Zuhause erinnern. Zum Beispiel mit Hackfleisch gefüllte Auberginen. Das heißt Karnıyarık, habe ich zwar noch nie selber gekocht, ist aber sehr lecker.
Frage: Ihr Vater ist Drogentherapeut für Migranten. Ich wusste gar nicht, dass man sich darauf spezialisieren kann?
Antwort: Das Konzept hat er sich selbst überlegt. Er war der Meinung, dass Leute sich besser entwickeln können, wenn sie sich geborgen fühlen – unter Menschen, mit denen sie sich identifizieren. Und wahrscheinlich sind sie dann eher gewillt, Hilfe anzunehmen und sich auf eine Therapie einzulassen. Mein Vater hat mir damals erzählt, dass er das Konzept dem Berliner Senat vorgeschlagen hat – das hat denen aber nicht so gefallen. Ich war aber noch sehr jung, als er das gemacht hat.
Frage: Ist Ihnen trotzdem eine Sache im Kopf geblieben, die Ihr Vater von seinem Job erzählt hat?
Antwort: Die Menschen, die bei meinem Vater in Therapie waren, haben sich nach ihrer Sitzung oft getroffen – in einem von drei Cafés in Kreuzberg, wo kein Alkohol ausgeschenkt wurde. Das haben sie gemacht, um nicht in Versuchung geraten und zusammen clean zu bleiben. In diesen Cafés habe ich nach der Grundschule sehr oft Zeit verbracht und mit den Leuten geredet. Die waren wie Brüder und Onkels für mich. Ich wusste nicht, dass irgendeiner von denen mal etwas mit Drogen zu tun hatte, dafür war ich noch zu jung. Ich habe da einfach nur meine Cola getrunken und meinen Käsekuchen gegessen. Vielleicht hat das unterbewusst etwas mit mir gemacht. Aufgefallen ist mir aber nichts. Ich weiß nur, dass einer der Leute mal meinte, er sei rückfällig geworden. Was das bedeutet, habe ich zu dem Zeitpunkt aber nicht verstanden. Keine Ahnung, warum ich mir das trotzdem gemerkt habe.
Frage: Ihre Mutter und Vater waren sehr hinterher, dass Sie eine gute musikalische Ausbildung genießen: Mit sechs Jahren Klavierunterricht, mit neun Jahren lernten Sie Saxofon. Ihre erste EP erschien 2014, sie hieß „Yeah Bitch Yeah“. Wie stolz waren Ihre Eltern?
Antwort: Weiß ich nicht mehr. Als wir die EP rausgebracht haben, war das aber sehr professionell aufgezogen – mit Musikvideo und einer CD. Da haben die gemerkt, dass das alles Hand und Fuß hat und ich das ernst nehme. Ich glaube, das war ihnen wichtig. Vielleicht fanden meine Eltern den Titel aber so schlimm, dass sie ihn nie angesprochen haben.
BRKN geht mit seiner neuen EP „Rahat“ auf Tour, hier sehen Sie die Daten:
Frage: Sie haben mal in einem Interview behauptet, dass Sie keine politischen Songs mehr machen möchten – kann man als Musiker überhaupt nicht-politisch sein?
Antwort: Was ich damit meinte, ist eher: Wenn Leute politische Songs machen, klingen die immer sehr ernst, nach „Ey, ihr müsst jetzt zuhören!“ Ich glaube, vielen vergeht dann einfach schon die Lust, sich die Musik reinzuziehen – außer bei denjenigen, die sich ohnehin schon mit dem Thema befassen. Viel zugänglicher sind für mich Songs, die ins Gesamtbild passen und so eher repräsentieren, wie ich und viele andere sind. Politischer Aktivismus nimmt nicht einhundert Prozent meines Lebens ein, aber er findet statt, neben vielen anderen Sachen. Genauso sollte das auch in der Musik sein. Wenn eine politische Botschaft in einem Song durchklingt und damit einen Denkanstoß gibt – dann finde ich das gut. Man kann als Musiker Stellung beziehen, ohne das ganze Kapital von Karl Marx in den Song mit einzubauen. Kendrick Lamar beispielsweise macht einen Song, in dem es über alles Mögliche geht – dann baut er zwei Sätze ein, die deutlich auf Rassismus aufmerksam machen und dann geht der Song weiter. Die Message packt dich trotzdem. Dann finde ich das geil.
Frage: Sie werden trotzdem in jedem Interview auf etwas Politisches, nämlich Ihre Migration angesprochen. Dabei sind Sie selbst in Deutschland geboren und aufgewachsen. Nervt das nicht?
Antwort: Mich stört das nicht so. Als ich aber meine Mama erzählt habe, dass ich bei Linda Zervakis im Podcast war, und die Leute mit Migrationshintergrund einlädt, war sie sauer. Da hat sie gesagt: Es reicht doch jetzt, du bist doch hier geboren, warum musst du dich immer noch mit dem Thema rumschlagen? Mama hat da eher die Schnauze voll als ich. Meine Generation geht an die Sache aber vielleicht mit einer anderen Motivation ran.