Neues EU-Gesetz  Stehen die ostfriesischen Fischer vor dem Aus?

Hannah Weiden
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Von Hannah Weiden
| 10.03.2023 17:07 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In Greetsiel liegt die größte Krabbenkutter-Flotte Ostfrieslands. Foto: Ortgies/Archiv
In Greetsiel liegt die größte Krabbenkutter-Flotte Ostfrieslands. Foto: Ortgies/Archiv
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Am Freitagvormittag haben sich die Fischer in Greetsiel zu einem Krisentreffen zusammengefunden. Grund ist eine geplante EU-Verordnung, die das Fischen im Wattenmeer unmöglich machen würde.

Greetsiel - „Ich brauch ja gar nicht großartig erzählen, worum es geht. Es geht um unsere Existenz und um den Bestand unseres Berufszweigs“, sagt Gerold Conradi. Er ist einer der Sprecher der Greetsieler Fischer und hatte seine Kollegen am Freitagvormittag zu einem Krisentreffen in das Greetsieler Feuerwehrhaus eingeladen. Grund sind Pläne der EU-Kommission für eine nachhaltigere Fischerei, die es den ostfriesischen Fischern bis spätestens 2030 verbieten soll, mit Grundschleppnetzen – also Netzen, die den Meeresgrund berühren – in Schutzgebieten zu fangen. Große Teile dieser Schutzgebiete liegen im Wattenmeer.

Was und warum

Darum geht es: Die EU plant eine neue Verordnung, die das Krabbenfischen im Wattenmeer quasi verbietet. Die ostfriesischen Fischer sind frustriert.

Vor allem interessant für: Alle Fischer und diejenigen, die sich für ostfriesische Tradition und Wirtschaft interessieren.

Deshalb berichten wir: Die Fischer hatten in Greetsiel zu einem Krisentreffen eingeladen.

Die Autorin erreichen Sie unter: h.weiden@zgo.de

Dass das Thema ernst ist, zeigt die Teilnehmerzahl: Alle Plätze im Feuerwehrhaus sind besetzt, einige der Anwesenden müssen sogar stehen. Schätzungsweise 70 Fischer und weitere Interessierte sind der Einladung gefolgt.

Von einer Krise in die nächste

Wenn die neue EU-Regel käme, bleiben aus Sicht der Fischer kaum noch Fanggebiete vor der Nordseeküste, in denen Krabbenfischerei betrieben werden kann. „Dann haben wir keine Zukunft mehr und können unsere Schiffe an die Kante legen“, sagt Conradi. Dieses Schicksal würde dann aber nicht nur die Fischer und ihre Familien betreffen, sondern auch die verarbeitenden Betriebe, den Handel und vor allem auch den ostfriesischen Tourismus.

Die Greetsieler Fischer sehen wegen einer möglichen EU-Verordnung ihre Existenz gefährdet. Foto: Archiv/Wagenaar
Die Greetsieler Fischer sehen wegen einer möglichen EU-Verordnung ihre Existenz gefährdet. Foto: Archiv/Wagenaar

Die Enttäuschung und Verzweiflung ist den Greetsieler Fischern am Freitagvormittag deutlich anzumerken. „Wir haben erst die Coronakrise überstanden. Dann haben wir die hohen Dieselpreise überstanden. Aber nun gehen sie uns endgültig an den Kragen“, sagt Dirk Sander, Vorsitzender des Landesfischereiverbandes Weser-Ems.

Auch die Fischer aus dem Publikum lassen ihren Unmut raus: „Wir leben von und mit der Natur. Und nun vertreiben sie uns von den Gebieten, von denen wir seit Generationen leben“, sagt einer der Fischer. Ein anderer sagt: „Will die EU denn dann auch die Sturmfluten verbieten? Die machen mehr kaputt als wir in 100 Jahren!“

Unterstützung von der Politik

Viele hätten ein falsches Bild von der Fischerei. „Wir fischen sehr schonend und berühren den Boden nur“, erklärt Conradi. Es gebe Studien, die bewiesen, dass von der Fischerei kein großer Schaden im Wattenmeer ausgehe – gleichzeitig würden die Flussmündungen für die großen Schiffe ausgebaggert und „Windräder für die vermeintlich grüne Umweltpolitik überall in den Meeresboden gerammt“. Da die Fischer von dem Meer lebten, hätten sie nichts davon, ihre eigene Lebensgrundlage und die ihrer Nachfolger zu zerstören. „Aber das interessiert die Minister gar nicht“, sagt einer der Fischer aus dem Publikum.

Unterstützung bekommen die Fischer am Freitag auch von Krummhörns Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos) und Andreas Eden, Kurdirektor aus Neuharlingersiel. Eden: „Wenn die Fischerei wegfällt, verlieren wir in Ostfriesland unser Alleinstellungsmerkmal. Der Tourismus ist ein Stück weit von der Fischerei abhängig.“ Für Hilke Looden ist klar, dass die Verwaltung die Fischer unterstützt: „Das ist gar keine Frage.“ Die Fischerei und die Familienbetriebe stellten ein ostfriesisches „Kulturerbe“ dar, das mit der neuen Verordnung dann „auf einmal weg wäre“, sagt sie.

Demo der Fischer ist in Büsum geplant

Für die Fischer aus Greetsiel ist klar, dass sie unter diesen Bedingungen keine Zukunft haben können. Sie wollen sich deshalb am 23. März an einer großen Demonstration im schleswig-holsteinischen Büsum (Kreis Dithmarschen) beteiligen, wo vom 22. bis 24. März die Agrarministerkonferenz, unter anderem mit Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne), stattfindet. Außer den Fischern wollen daran auch Landwirte teilnehmen.

„Büsum wird eine Pflichtveranstaltung für uns alle“, so Conradi. Die Greetsieler Fischer werden mit ihren eigenen Schiffen vor Ort sein. Er organisiere auch eine Busfahrt. Da die Fischer aber „nichts mehr zu verlieren haben“, wird das laut Dirk Sander vermutlich „nur der Anfang sein“. Am 16. März findet zudem ein Treffen zwischen dem Landwirtschaftsministerium und Vertretern der Fischer in Neuharlingersiel statt.

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