Osnabrück Zeugen Jehovas: Welche Rolle spielt die Religion bei der Tat von Hamburg?
Der Amokschütze von Hamburg ist laut Behörden ein ehemaliges Mitglied der Zeugen Jehovas. Was hat die Religion mit der Tat zu tun?
Der Amokschütze von Hamburg war offenbar selbst Mitglied der Zeugen-Jehovas-Gemeinde, die er am Donnerstag angegriffen hat. Laut Behörden gibt es Hinweise darauf, dass der 35-jährige Philipp F. die Religionsgemeinschaft „nicht im Guten verlassen” hat.
Hamburgs Polizeipräsident Ralf Martin Meyer erklärte, jemand habe im Januar ein anonymes Hinweisschreiben an die Behörden geschickt, mit der Bitte, den späteren Täter zu überprüfen, weil der „an einer psychischen Erkrankung leiden könnte”. Philipp F. habe laut dem Schreiben eine besondere Wut auf religiöse Anhänger, vor allem Zeugen Jehovas.
Auf einer eigenen Homepage, die Phillip F. offenbar angelegt hat, schreibt es, er sei in einem streng religiösen Elternhaus aufgewachsen. Mit den Hamburger Opfern sei er aber nicht verwandt, so die Behörden.
Ob Philipp F. von seiner Gemeinde ausgeschlossen wurde oder nicht – dazu gebe es unterschiedliche Aussagen.
Bei der Pressekonferenz in Hamburg meldete sich neben Behördenvertretern und Journalisten auch Michael Tsifidaris zu Wort, ein Sprecher der Zeugen Jehovas in Norddeutschland. Er erklärte, dass der Täter nicht ausgeschlossen worden sei, sondern sich „aus welchen Gründen auch immer zurückgezogen hat und aus der Gemeinde ausgetreten ist”.
Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen sieht einen Zusammenhang zwischen dem Ausstieg aus der Gemeinde und der Tat. Der Experte für die Zeugen Jehovas sagte im Gespräch mit unserer Redaktion, der Täter sei in eine Gemeinde eingedrungen, „in der er zuvor offenbar jahrelang emotionalen Halt und Trost erlebt hat“.
Im Gegensatz zu den USA, wo ein Religionswechsel normal sei, sei Religionszugehörigkeit in Deutschland rigider. Berichte von Aussteigern zeigten, welch massive Auswirkungen es haben könne, wenn Strukturen plötzlich wegbrächen. Die neue Freiheit müsse gestaltet werden.
„Die Zeugen Jehovas sind eine geschlossene Gruppe, die in Krisen Halt geben können. Es gibt durchaus Menschen, die dort zufrieden sind. Die Strukturen können stabilisieren.“ Persönliche Entfaltung sei jedoch nicht möglich. „Die Menschen werden kleingehalten“, sagte Utsch. Die Religionsgemeinschaft sei streng hierarchisch organisiert.
Tatsächlich unterscheidet sich das freie Leben außerhalb einer Gemeinde stark vom Leben eines Zeugen. In der Religion sei es wichtig, Kontakt zur restlichen Welt zu vermeiden und ein unscheinbares Leben mit viel Gebet zu führen, sagte Utsch. In einem vielzitierten Aufsatz bezeichnet der Religionspsychologe die Zeugen Jehovas als „die Sekte schlechthin”.
Grundlage der Religion ist eine spezielle Bibelfassung und -auslegung, in der unter anderem der Name „Jehova” als Gottesname verwendet wird. Laut Utsch beeindruckten die Mitglieder „durch ihr hohes persönliches Engagement und ihr oftmals glaubwürdiges Auftreten”.
Hinter der Fassade erweise sich die Gemeinschaft aber „sehr schnell als restriktive Organisation, die von den Anhängern und Anhängerinnen blinden Gehorsam erwartet und für kritische Rückfragen, Einwände oder Bedenken keinen Raum hat”. Es herrsche ein geschlossenes ideologisches System, das jedem Einzelnen seinen Platz zuweise. Dazu gehöre, dass Mitglieder rund 17 Stunden pro Monat in Missionstätigkeit investieren müssten. Der Einsatz werde protokolliert. Vor diesem Hintergrund „kann man sich den inneren Druck ausmalen, unter dem jedes Mitglied stehen mag”, so Utsch.
Die Bibel nehmen die Zeugen Jehovas wörtlich, so Utsch, sie gelte in der Religionsgemeinschaft als wissenschaftlich und historisch wahr. Andere Religionen hielten die Mitglieder „für einen Teil der vom Teufel durchdrungenen Außenwelt”. Persönlicher Kontakt zu Nicht-Zeugen sei zu vermeiden.
Die Religionsgemeinschaft sei streng hierarchisch strukturiert. An der Spitze stehe in den USA ein Gremium aus acht Männern. Die Lehre der Zeugen bezieht sich auf eine Endzeitlehre, wonach nur besonders Fromme am Ende der Welt erlöst werden.