Personalwechsel im Rat Aurich Ein scharfzüngiger Kritiker kommt zurück
Im Oktober 2021 wurde Hendrik Siebolds tränenreich aus dem Auricher Rat verabschiedet. Der Linken-Ratsherr war überraschend nicht wiedergewählt worden. Nun kommt er zurück.
Aurich - Er gehört zu den meistzitierten Politikern in Aurich, obwohl seine Fraktion im Rat nur zwei Sitze hat: Hendrik Siebolds (Die Linke) ist ein brillanter Redner und scharfzüngiger Kritiker. Der Politikwissenschaftler, der seit einem Motorradunfall 1988 im Rollstuhl sitzt, arbeitet sich akribisch in Themen ein. Er seziert Probleme und bringt Sachverhalte messerscharf auf den Punkt. Die Markthalle beispielsweise bezeichnete er einmal als „toten Klotz, der die Sicht über den Platz blockiert“. Der SPD warf er vor, sie habe die Schaffung bezahlbaren Wohnraums vergeigt, „und zwar kampflos, wortlos, emotionslos“. Im September 2021 war Siebolds nach 25 Jahren Ratszugehörigkeit (anfangs für die Grünen) völlig überraschend nicht wiedergewählt worden. Nun ist er zurück auf der politischen Bühne: In der Ratssitzung am 16. März übernimmt der 61-Jährige das Mandat von Gerhard Wulff (65), der aus gesundheitlichen Gründen ausscheidet.
Am 14. Oktober 2021, seinem 60. Geburtstag, war Siebolds aus dem Rat verabschiedet worden. So manches Ratsmitglied verdrückte eine Träne, als der Linken-Ratsherr in der Stadthalle zum Abschied sagte: „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sich das Leben von einer Sekunde auf die andere ändern kann. Vor 33 Jahren hat mich ein Autofahrer vom Motorrad in den Rollstuhl katapultiert.“ In dieser Situation habe er gelernt, was ein soziales System bedeutet. „Bitte denkt zuerst an die, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen“, sagte er zu den Ratskollegen. „Helft denen, die es brauchen. Die Starken schaffen es alleine.“
„In Diskussionen manchmal verbissen“
Damals hatten Siebolds und sein Fraktionskollege und langjähriger Freund Reinhard Warmulla vereinbart, dass sie sich das Mandat teilen werden. Nach der Hälfte der Wahlperiode, also im Mai 2024, wollte Warmulla sein Mandat niederlegen, und Siebolds sollte nachrücken. Dazu kommt es nun nicht. Die neue, alte Zwei-Mann-Fraktion besteht wieder aus Warmulla und Siebolds.
Auch Mitglieder anderer Fraktionen freuen sich auf das Wiedersehen. CDU-Fraktionschef Arnold Gossel sagt über Siebolds: „Wir haben uns immer gut verstanden. In Diskussionen ist er manchmal sehr verbissen. Er meint immer, nur sein Weg ist richtig. Da würde ich mir wünschen, dass er ein bisschen flexibler ist.“ Richard Rokicki von der Auricher Wählergemeinschaft (AWG) sagt: „Wir haben unabhängig von unseren Ansichten immer ein gutes Verhältnis gehabt. Ich halte sehr viel von Hendrik. Er ist ein guter Politiker und immer sachlich. Da gibt′s nie persönliche Angriffe.“
„Ein bisschen Lampenfieber ist dabei“
Siebolds ist politisch voll im Stoff. Er hat auch in seiner Abwesenheit weiterhin Unterlagen studiert und sich von den Parteifreunden informieren lassen. Den Ratssitzungen blieb er jedoch fern. Er hätte sie im öffentlichen Teil ja als Zuschauer verfolgen können. „Das habe ich auch mit Rücksicht auf die Kollegen nicht gemacht“, sagt er. „Das ist dann so wie in der Firma, wenn der alte Chef da immer rumhängt, obwohl er eigentlich raus ist.“
Nun freut sich Siebolds auf seine Rückkehr. „Ich bin gespannt auf die Kollegen. Ich kenne ja noch nicht alle. Das ist ein bisschen das Gefühl, als ob man ein halbes Jahr zu spät in eine neue Schulklasse käme. Ein bisschen Lampenfieber ist dabei.“ Obwohl Wulffs Rückzug sein Comeback erst möglich macht, bedauert Siebolds diesen Schritt: „Wir wären ein super Dreierteam gewesen. Aber das hat ja leider nicht geklappt bei der Wahl.“
„Das tut mir einfach nicht gut“
Wulff ist Ortsbürgermeister von Brockzetel und Wiesens, und das will er auch bleiben. Daran hängt sein Herz. Seit einer Covid-Erkrankung sei er jedoch nicht mehr fit genug, um gleichzeitig im Rat zu sitzen, sagt der 65-Jährige. Der Arbeitsaufwand in einer Zwei-Mann-Fraktion sei enorm. „Ich war viermal die Woche im Rathaus. Das tut mir einfach nicht gut. Da muss man dann irgendwann die Konsequenzen ziehen.“
Im Rat nahm der langjährige VW-Betriebsrat nie ein Blatt vor den Mund. „Er trägt sein Herz auf der Zunge“, sagen sowohl Parteifreunde als auch Mitglieder anderer Fraktionen. „Ich sage, was ich denke“, sagt der ehemalige Sozialdemokrat, der die SPD einst wegen der Agenda 2010 verließ. Sein Noch-Ratskollege Warmulla sagt über Wulff: „Es hat mich immer wieder beeindruckt, wie er Sachverhalte klar und authentisch – ohne viel Schnörkel – auf den Punkt bringen konnte. Ich habe in der relativ kurzen Zeit der Zusammenarbeit im Rat viel von Gerd gelernt.“