Berlin  Sex am Filmset: Wieso braucht man neuerdings Experten für Intimität?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 20.03.2023 07:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Intimität, aber hoffentlich gut koordiniert: Emma Stone und Ryan Gosling in der romantischen Komödie „Crazy, Stupid, Love“. Foto: imago-images/Mary Evans
Intimität, aber hoffentlich gut koordiniert: Emma Stone und Ryan Gosling in der romantischen Komödie „Crazy, Stupid, Love“. Foto: imago-images/Mary Evans
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„Bridgerton“, „Sex Education“ und „Luden“: Immer mehr Filme und Serien arbeiten mit Intimitätskoordinatoren. Wozu braucht man die Expertinnen fürs Intime? Wir haben eine gefragt: Paula Alamillo Rodriguez.

Immer häufiger nehmen Filmproduzenten Geld für eine zusätzliche Kraft am Set in die Hand. Wenn die Darsteller sexuelle Szenen spielen, begleiten neuerdings Intimitätskoordinatoren den Dreh. Was ist das für ein Beruf? Und wozu braucht man ihn überhaupt? Die Frage geht an Paula Alamillo Rodriguez. Die 35-Jährige arbeitet in dem neuen Gewerk und berichtet aus ihrer Praxis:

Frage: Frau Alamillo Rodriguez, warum braucht es überhaupt Initimitätskoordinatoren? Was kann schiefgehen, wenn keiner am Set ist?

Antwort: Intime Szenen stellen eine besondere Herausforderung für Schauspieler dar. Im schlimmsten Fall können sie traumatisieren. In den vergangenen Jahren ist viel Forschung dazu entstanden, was im Kopf von Schauspielern passiert. Und es hat sich herausgestellt, dass die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit verschwimmen kann. Für den Körper kann eine physisch oder emotional intime Szene sich echt anfühlen. Und damit kann sie im Hirn auch echte Spuren hinterlassen, die Jahre danach noch eine Rolle spielen können.

Frage: Es geht also nicht nur um das, was man im weitesten Sinn als MeToo-Situationen beschreiben würde.

Antwort: Nein, das ist ein beliebtes Missverständnis. Wir sind nicht die Sex-Polizei, die sexuelle Übergriffe am Set verhindern soll. Die passieren schließlich nicht nur in intimen Szenen, sondern auch am Catering und auf der Party nach Drehschluss. Bei Übergriffen ist die gesamte Produktion zuständig, nicht nur ein Initimitätskoordinator. Bei uns geht es um Arbeitssicherheit, die auch dort relevant ist, wo alle guter Absicht sind. Genau wie bei Kampfszenen besteht auch bei intimen Szenen ein Verletzungsrisiko, wenn auch vor allem ein seelisches; die Verfolgungsjagd betreut deshalb ein Stunt-Koordinator, die Sexszene betreuen wir.

Frage: Das berühmte Negativ-Beispiel ist Bernardo Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris“ aus dem Jahr 1972.

Antwort: Und da ist alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann. Beim „Letzten Tango von Paris“ haben sich Marlon Brando und Bertolucci abgesprochen, eine Vergewaltigungsszene mit Butter als Gleitmittel zu improvisieren – ohne das vorher mit der betroffenen Kollegin Maria Schneider abzusprechen. Brando war damals 48 Jahre alt, sie war 19 und wusste nicht, was passiert. Viel später hat sie darüber gesprochen, dass der Dreh für sie wie eine Vergewaltigung war und sie traumatisiert hat. Bertolucci dagegen hat sein Vorgehen auch später gerechtfertigt und gesagt, dass Kunst eben Opfer erfordert. Er wollte, hat er gesagt, ihre Reaktion als Mädchen und nicht als Schauspielerin. Das zeigt die ganze Mentalität in der Branche und wie viel hier zu tun ist.

Frage: Ist das eine extreme Ausnahme oder steckt etwas Systemisches in dem Fall?

Antwort: Es wäre schön, wenn es eine Ausnahme wäre. Leider ist es aber die Regel, dass intime Szenen unvorbereitet gedreht werden – aus mangelnder Professionalität und auch aus Scham, über sexuelle Dinge zu reden. Dann sagt die Regie einfach: Macht mal. Bei einer Kampfszene wäre das undenkbar, bei der Intimität wird das Risiko ausgeblendet. Die Schauspieler und Schauspielerinnen werden allein gelassen, und niemand achtet darauf, wie man die Grenze zwischen der Rolle und der privaten Person bewahrt.

Frage: Können Sie am Beispiel einer Szene beschreiben, wie Sie mit Regie und Darstellern arbeiten? Vielleicht aus der Amazon-Serie „Luden“, die Sie begleitet haben.

Antwort: Eine sehr komplexe Szene haben wir mit Stefan Konarske und Noah Tinwa erarbeitet. Erstens spielt Noah eine trans Person, weshalb uns auch eine Transgender-Beauftragte beraten hat: Ilonka Petruschka. Zweitens ist die Intimität in dieser Szene nicht einvernehmlich; Noahs Figur will zwar Sex, aber in diesem Moment ist es trotzdem ein Übergriff. Wir mussten die Nuancen herausarbeiten, wo die Figur etwas zulässt und wo nicht. Einvernehmen ist eine komplexe Sache und es ist hilfreich, wenn auch Filme zeigen, dass hier nicht alles schwarz oder weiß ist. In diesem Fall haben wir uns ganz auf die Choreografie konzentriert und anatomisch präzise gearbeitet.

Frage: Und die eigentliche Gefahr, dass sie den Darstellern zu intim sein könnte, haben Sie jetzt noch nicht mal ausgesprochen: Wie geht es dem Opferdarsteller mit dem Übergriff?

Antwort: Und wie geht es Stefan, der den Übergriff spielt? Heutzutage gibt es ein Bewusstsein für die Darsteller der Opfer. Aber natürlich ist es auch belastend, einen Täter zu spielen. Das hinterlässt ein unglaublich schlechtes Gefühl. Um das zu vermeiden, trainieren wir mit den Darstellern aus der Szene rein- und rauszugehen. Eine Möglichkeit sind Rituale: Wir haben vor der Szene wirklich einen bewussten Schritt in die Fiktion gemacht; und danach haben die beiden sich an der Hand genommen und denselben Schritt rückwärts wieder rausgemacht. Es gibt die verschiedensten Methoden, die man unter dem Wort „De-Roling“ zusammenfasst: Die Rolle rausschütteln, verbalisieren. Es geht darum, den Unterschied zwischen Spiel und Wirklichkeit für den eigenen Körper erfahrbar zu machen.

Frage: Wird das am Set immer beachtet oder muss man schlicht um das Zeitfenster für solche Übungen kämpfen?

Antwort: Das De-Roling muss nicht lange dauern, aber man muss es einplanen: Im Drehplan gibt es Zeitfenster fürs Einleuchten, fürs Schminken – und nach einer intimen Szene brauchen wir dann eben auch unsere fünf Minuten. Am Ende spart Intimacy Coordination aber Zeit ein. Wenn man vorher eine saubere Choreografie einübt, dann muss man vor der Kamera nicht mehr groß rumprobieren und dreht viel effizienter.

Frage: Nacktszenen, besonders von Frauen, landen heute früher oder später illegal auf Pornoseiten. Wie geht die Intimitätskoordination damit um?

Antwort: Das ist natürlich ein Problem. Ich rede mit den Schauspielerinnen darüber und wir suchen gemeinsam Lösungen. Eine einfache besteht in Kameraeinstellungen, die das Gesicht und die Nippel nie gemeinsam zeigen. Damit ist es für eine Pornoseite gleich viel uninteressanter. Es gibt dann keinen Screenshot von der Schauspielerin, den man als pornografisch empfinden würde.

* Unter dem Künstlernamen Paulita Pappel ist Paula Alamillo Rodriguez auch die Frau hinter den feministischen Pornoseiten „Lustery.com“ und „hardwerk.com“

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