Berlin Expertin: Wie romantische Komödien unseren Sex verderben
Tiefe Blicke, Knutschen, „magische Penetration“: Romantische Komödien zerstören unsere Vorstellung vom Sex. Das sagt eine Expertin. Hier verrät sie, wie Intimität im Kino wirklich aussehen sollte.
„Macht mal!“ So klang über Jahrzehnte die typische Regieanweisung vor Sex-Szenen. Was nicht nur regelmäßig unangenehme bis hin zu traumatisierenden Erlebnissen zur Folge hat, sondern auch schlechte, stereotype Bilder.
So berichtet es zumindest Paula Alamillo Rodriguez. Die 35-Jährige arbeitet als Initimitätskoordinatorin. In dem noch neuen Filmgewerk geht es darum, die Schauspieler vor intimen Szenen zu beraten. Intimitätskoordinatoren stecken Grenzen ab und arbeiten exakte Choreografien aus, damit am Set niemand in seinen Gefühlen verletzt wird.
Expertinnen wie Alamillo Rodriguez achten dabei nicht nur auf die Stars, sondern auch auf das Bild, das ihre Filme vom Sex vermitteln. Wie viel dabei schiefgehen kann – gerade auch in vermeintlich harmlosen Genres wie der romantischen Komödie – hat die Expertin uns im Interview verraten.
Frage: Frau Alamillo Rodriguez, als Intimitätskoordinatorin geht es Ihnen um die Stars – aber auch um uns Zuschauer und unser Bild der Sexualität. Was sind die Stereotype, die Sie vermeiden wollen?
Antwort: Sexualität wird in Filmen regelmäßig als Klischee dargestellt. Nichts verfälscht unsere Vorstellung vom Sex mehr als romantische Komödien. Da passiert immer dasselbe: Ein Paar, natürlich hetero, guckt sich tief in die Augen. Dann kommt wildes Rumknutschen und dann folgt übergangslos die Penetration. Am Ende kommt ein simultaner Orgasmus oder ein Schnitt, der die beiden am nächsten Morgen unter der Decke zeigt.
Frage: Was fehlt Ihnen dabei?
Antwort: Daran ist so viel problematisch: Wir sehen keine Kommunikation, weder Männer noch Frauen sprechen darüber, was sie sich im Bett überhaupt wünschen, Penetration wird als der einzige richtige Sex dargestellt und sie kommt dann auch noch magisch zustande, ohne dass man zum Beispiel die Hand zur Hilfe nimmt. Es wird alles Wichtige ausgespart, und in dieser Aussparung steckt eine Lüge.
Frage: Mit der Standardszene verbreiten Filme also ein falsches Bild vom Sex …
Antwort: … und zusätzlich sind sie schlechtes Kino. Was erzählen denn diese Bilder, für die tagelang gedreht wird? Nichts. Dieser Standardsex erzählt nichts über die Figuren, die Geschichte wird nicht vorangetrieben, die Konflikte werden nicht weiterentwickelt. Es sind leere Bilder, die nicht mehr sagen als: Sie waren im Bett. Dabei sagt Sex natürlich ungeheuer viel über uns aus; und dieses Potenzial verschenken fast alle Filme. Wer sich da Mühe gibt, macht den besseren Film.
* Unter dem Künstlernamen Paulita Pappel ist Paula Alamillo Rodriguez auch die Frau hinter den feministischen Pornoseiten „Lustery.com“ und „hardwerk.com“