Berlin  Tom Schilling, wie schmeckt eigentlich ein Pfau?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 10.03.2023 05:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Tom Schilling verspeist in der Bestseller-Verfilmung „Der Pfau“ einen der titelgebenden Vögel. Foto: dpa
Tom Schilling verspeist in der Bestseller-Verfilmung „Der Pfau“ einen der titelgebenden Vögel. Foto: dpa
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Tom Schilling verspeist in der Bestseller-Verfilmung „Der Pfau“ den titelgebenden Vogel als Curry. Im Interview spricht er über Fleischgerichte, die Filmtiere seines Lebens und erklärt, warum er seine Band nach nur einem Album umtaufen musste.

In der Verfilmung von Isabel Bogdans Satire „Der Pfau“ (ab 16. März im Kino) spielt Tom Schilling einen Banker. Und das nicht zum ersten Mal in seiner Karriere. Wie hält er es selbst mit dem Geld? Weiß er, was seine Kollegen verdienen? Und gönnt er Elyas M‘Barek seine hohen Gagen? Wir haben nachgefragt.  

Frage: Herr Schilling, in Ihrem neuen Film dreht sich alles um einen Pfau, der am Ende im Curry landet. Gab es beim Catering wenigstens einmal dasselbe?

Antwort: Vielleicht ...

Frage: Vielleicht? War das Essen von der Art, dass man lieber nicht genau nachfragt?

Antwort: Es gab auf jeden Fall einmal Curry. Wer weiß schon, was da drin war.

Frage: Filmtiere sind eine Herausforderung. Zählen Sie mal ein paar auf, mit denen Sie gearbeitet haben?

Antwort: Ich habe natürlich oft mit Hunden gespielt und auch mit einer Ziege gekämpft. Im Film „Die Goldfische“ war ich ein Banker, der unter dem Deckmantel einer Tiertherapie Schwarzgeld schmuggelt. Das Therapietier war ein Kamel und hat meine Figur am Ende auffliegen lassen. Es erschnuppert das Bargeld im Hosenbein. Es hat riesigen Spaß gemacht, das zu drehen. Wenn ich mit Tieren arbeite, werde ich immer ganz ruhig und empathisch. Es ist eine Floskel, aber Tiere sind wirklich die besseren Schauspieler – weil sie nicht spielen. All das, was uns Menschen im Weg steht, wie zum Beispiel Scham und Eitelkeit, kennen sie nicht. Das gilt meistens auch für Kinder.

Frage: Bürohunde verbessern das Betriebsklima. Keiner wird laut, wenn ein Dackel im Körbchen schläft. Ist das am Set genauso? Oder machen Tiere hier eher Druck, weil sie den Drehplan stören könnten?

Antwort: Tiere und Kinder steigern in meiner Erfahrung das Wohlbefinden aller Beteiligten. Vielleicht nicht das der Regie und Produktion, denn Tiere sind natürlich auch herrlich unberechenbar.

Tom Schillings „Der Pfau“ – hier geht‘s zum Trailer:

Frage: Sie sind ein Großstadtkind. Haben Sie privat Tiere?

Antwort: Als Kind hatte ich zwei Hamster, die nicht sehr alt geworden sind. Einer hatte Hodenkrebs.

Frage: Das wird bei einem Nagetier diagnostiziert?

Antwort: Das war nicht nötig; man sah das Problem leider sehr deutlich, mit jedem Tag mehr. Eigentlich hätte ich auch heute gern einen Hund oder eine Katze. Aber es ist nicht vernünftig. Wir haben zu viel um die Ohren und in der Stadt ist es für ein Tier sowieso nicht das Richtige. Falls wir Berlin je verlassen, kaufe ich sofort einen Hund.

Frage: Vegetarier sind Sie nicht, oder? Immerhin haben Sie womöglich einen Pfau gegessen.

Antwort: Stimmt. Ich mag Fleisch, aber esse es sehr selten. Selbst einkaufen tu ich Fleisch nur für die Kinder, weil sie gerne Salami essen, und dann noch einmal an Weihnachten – da mache ich eine Gans.

Frage: Könnten Sie ein Tier selbst töten?

Antwort: Das habe ich schon, wenn auch eher aus Versehen. Vor Jahren waren wir angeln und ich hatte einen Fisch gefangen, der zu klein zum Essen war. Ich wollte ihn vom Haken befreien, dabei habe ich ihn sehr verletzt, sodass ich ihn töten musste. Ich habe nie wieder geangelt.

Frage: Im aktuellen Film spielen Sie schon wieder einen Banker. Was bedeutet Ihnen Geld? Ist es ein Maßstab für Wertschätzung und Erfolg?

Antwort: Wo Geld die einzige Form der Wertschätzung ist, wäre ich misstrauisch. Natürlich ist es auch ein Erfolgsmaßstab; aber das ist dann nicht der Erfolg, der mich glücklich macht. Andere Erfolge sind nachhaltiger. Um mal einen ganz blöden Vergleich zu bringen: In meinem Haus gibt es eine ältere Dame, die mit einer Freundin gern einen trinkt. Manchmal leider auch zu viel; und dann liegt sie da und kommt nicht mehr hoch. Ich habe herausgefunden, wo sie wohnt – was nicht ganz einfach war – und sie sicher nach Hause gebracht. Das war für mich ein echter Erfolg. Ein Erfolg, den ich immer noch in mir spüre. Wenn ich vor Jahren für einen Film gut bezahlt wurde, macht das heute nichts mehr mit mir.

Frage: Ist Geld am Set überhaupt ein Thema? Wissen Sie, was Ihre Kollegen verdienen? Oder schweigt man darüber, damit niemand neidisch wird?

Antwort: Es kommt immer drauf an. Bei einem Mainstream-Film geht es natürlich um Geld. Elyas M‘Barek muss man seine hohe Gage neidlos zugestehen. Er spielt auch viel Geld ein. Wenn ich auf Kollegen neidisch bin, ist es nicht wegen des Geldes. Ich bin neidisch auf gute Rollen, weil ich interessante Filme machen möchte. Aber es ist ein destruktives Gefühl. Also sage ich mir: Raus aus der Neidfalle, immer schön dankbar sein und bei sich selbst bleiben. Es ist nicht immer leicht.

Frage: Sie sind glücklich mit dem, was Sie schaffen? Oder wachsen mit den Erfolgen auch Ihre Erwartungen?

Antwort: Also, ich habe schon Phasen, in denen ich denke: Wenn dies oder das geklappt hätte, würde mein Leben jetzt ganz anders aussehen, besser. In meinem Beruf geht es aber auch viel um Glück und um Akzeptanz. Die beste Geschichte ist immer noch die von Christoph Waltz. Der war schon immer ein begnadeter Schauspieler. Aber von denen gibt es natürlich viele, entdeckte und unentdeckte. Und wie viele Kollegen war er einigermaßen unglücklich mit dem, was er spielen konnte. Bis Simone Bär, diese tolle, leider gerade verstorbene Casterin, Quentin Tarantino auf ihn aufmerksam gemacht hat. Dann hat er „Inglourious Basterds“ gedreht und sein Leben hat sich um 180 Grad gedreht.

Frage: Haben Sie schon mal irgendwas nur fürs Geld gemacht?

Antwort: Ich mache sicherlich Kompromisse – aber nur fürs Geld? Da fällt mir gerade nichts ein. Ich war in Geld-Dingen immer sehr konservativ. Das Mantra meiner Eltern hieß: Nie Schulden machen. Das habe ich verinnerlicht. Mein Job ist unsicher. Manchmal hat man zu tun, manchmal nicht. In den ersten Jahren war ich deshalb total verunsichert. Wenn ich im Winter keine Arbeit hatte, dachte ich: Das war‘s; deine Karriere ist vorbei. Bis ich begriffen habe, dass in den Wintermonaten einfach weniger gedreht wird – weil die Tage so kurz sind. Das macht bei Außenszenen natürlich einen Riesenunterschied. Damals habe ich gelernt, ein Polster zurückzulegen, damit ich eben nicht alles machen muss. Das ist wichtig: Jeder Film bleibt sichtbar und wird Teil deiner Visitenkarte. Und es passiert leider selten, dass Arthouse-Regisseure einen Soap-Darsteller für den Film engagieren, der in Cannes dann die Goldene Palme holt.

Frage: Zumindest in Deutschland. George Clooney, Bruce Willis – in Hollywood haben viele große Stars mit Serien angefangen.

Antwort: Und in Deutschland denken wir: Soap und Vorabendserien sind Trash – dann kann es mit dem Schauspieler auch nicht weit her sein. Aber oft ist das Gegenteil der Fall. Gute Schauspieler zeichnet aus, dass sie auch aus schlechten Vorlagen und wenig Zeit spannende Szenen herstellen.

Frage: Legen Sie Ihr Geld an?

Antwort: Geld zu vermehren finde ich widersinnig. Was bei mir vermehrt wird, muss irgendwo anders doch fehlen. Irgendjemand muss das bezahlen. Entweder als Opfer einer Blase oder einfach die kommenden Generationen. Wachstum kommt nicht aus dem Nichts; dazu muss vorher etwas sterben. Wahrscheinlich ist es auch nicht klüger, gar nichts mit seinem Geld zu machen. Aber so mache ich es.

Frage: Was Sie sich leisten können, ist eine zweite Karriere als Musiker. Sie haben zwei Alben rausgebracht und schon für das zweite den Bandnamen geändert. Wieso das?

Antwort: Ich wollte immer auf dem Wave-Gothic-Treffen spielen; und ich kann mir nicht vorstellen, dass man da eingeladen wird, wenn man „Tom Schilling and the Jazz Kids“ heißt. Deshalb heißen wir jetzt: „Die Andere Seite“.

Frage: Und? Sind Sie eingeladen worden?

Antwort: Sind wir. Mission completed.

Tom Schilling im Video zum Song „Das Lied vom Ich“:

Frage: Das neue Album heißt „Epithymia“. Und was das bedeutet, konnte ich nicht mal googeln.

Antwort: Eigentlich sollte es ganz platt „Neue Lieder über die Liebe und den Tod“ heißen. Aber dann habe ich auf Deutschlandfunk ein Feature über Sehnsucht gehört und bin auf den Begriff Epithymia gestoßen. Das kommt aus dem Griechischen und steht für eine unbestimmte Sehnsucht, für ein mysteriöses und unstillbares Verlangen und das Gefühl der eigenen Unvollkommenheit. Divine homesickness (zu Deutsch: Göttliches Heimweh) – das trifft es ganz gut.

Frage: Das klingt intensiv und sehr persönlich. Ist Singen noch intimer als die Schauspielerei?

Antwort: Ja, für mich ist es auf jeden Fall so. Vielleicht liegt es aber nur daran, dass ich es nicht so ausgiebig mache. Ich habe noch nicht diese Gig-Härte, wie man unter Musikern sagt. Wenn man wenig spielt, fühlt es sich eben nackt an.

Frage: Und beim Schauspiel kann man sich hinter der Rolle verstecken.

Antwort: Kommt drauf an. Reden wir über Johnny Depp – den ich sehr verehre, dann gebe ich Ihnen recht. Bei Dustin Hoffman oder Kate Winslet beispielsweise ist es schon intim und persönlich. Das ist jedenfalls mein Gefühl. Für mich ist Spielen auch total privat. Und gleichzeitig müsste das Singen es nicht sein: Viele Musiker haben eine Stage-Personality. Die gehen auf die Bühne und verwandeln sich in ihr Alter Ego. Ich nicht.

Frage: Ich habe auch deshalb nach der Intimität gefragt, weil mir auffällt: Kinder mögen es ab einem gewissen Alter gar nicht, wenn ihre Eltern singen. Meine verbieten mir inzwischen Gute-Nacht-Lieder. Und früher in der Kirche neben meiner Mutter ging es mir auch so.

Antwort: Stimmt, wenn man in der Kirche neben seiner singenden Mutter saß – schwierig. Das kenne ich auch. Mein Vater hat sich das Singen damals gar nicht erst getraut. Merkwürdigerweise geht es mir heute noch so, wenn meine Mutter unvermittelt laut lacht. Das finde ich oft überraschend und – sehr nah. Singen löst das auch aus. Zu Hause singe ich eigentlich trotzdem die ganze Zeit. Meine Kinder haben sich dran gewöhnt und schalten auf Durchzug. Sobald es in die Öffentlichkeit geht, sind sie aber nicht mehr so entspannt.

Frage: Wir sollten das Thema wechseln, falls unsere Mütter mitlesen.

Antwort: Ist doch gut. Vielleicht entsteht daraus ein gutes Gespräch, nach dem man sich noch viel näherkommt. Nähe kann eben ein bisschen unangenehm sein; aber das muss man aushalten. Insofern wäre mein Plädoyer, dass wir ab sofort alle noch viel mehr singen.

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