Berlin „Im Westen nichts Neues“ : Kommt jetzt die Remarque-Fortsetzung?
Vier Oscars hat „Im Westen nichts Neues“ gewonnen. Verfilmt Regisseur Edward Berger auch Remarques Folgeroman „Der Weg zurück“? Wir haben ihn gefragt.
Bester internationaler Film, beste Kamera, beste Musik und bestes Szenenbild: Mit vier Preisen gehört die deutsche Netflix-Produktion „Im Westen nichts Neues“ zu den großen Gewinnern der Oscar-Nacht. Erich Maria Remarque hat den Stoff seines Welterfolgs später im Roman „Der Weg zurück“ noch einmal aufgegriffen. Denken Netflix und der Regisseur Edward Berger darüber nach, die Geschichte auch im Film weiterzuerzählen? Schon vor den Oscars hatten wir Gelegenheit, mit dem Regisseur darüber zu sprechen.
Frage: Herr Berger, Remarque hat „Im Westen nichts Neues“ einen zweiten Roman folgen lassen. War unter den Hunderten SMS, die Sie nach den Oscar-Nominierungen erreicht haben, auch ein Angebot für die nächste Verfilmung?
Antwort: Nein. Aber ich habe für einen Podcast gerade mit dem Kameramann Roger Deakins gesprochen. Der hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, an einer Fortsetzung zu arbeiten. Meine erste Reaktion: Wie meinst du das? Unsere Hauptfigur stirbt doch am Ende. Na ja, sagt er, ich meine einen Film über Weimar, über die Zeit zwischen den Kriegen. Und da dachte ich plötzlich: Das könnte mich interessieren.
Frage: Na, also! Wann geht es los?
Antwort: Eigentlich versuche ich meiner Geschichte zu entfliehen und neuen Ideen auch in anderen Ländern nachzugehen. Zuerst wollte ich selbst „Im Westen nichts Neues“ nicht verfilmen. Aber dann kam dieser Film und war einfach unausschlagbar, einfach, weil er viel mit mir zu tun hatte, mit meiner Geschichte, mit meinen Wurzeln. Dorthin treibt es einen immer wieder zurück. Genauso könnte ich mir vorstellen, dass in einigen Jahren irgendetwas in mir rumort und ich noch einmal etwas über die deutsche Geschichte erzählen möchte. Dass es dann wieder Remarque sein wird, denke ich nicht. Aber vielleicht wird es ja Weimar, denn dort haben sich viele Weichen in unserem Land gestellt. Diese Zeit prägt uns bis heute noch.
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Hier können Sie den Trailer von Edward Bergers „Im Westen nichts Neues“ sehen:
Frage: Kriegsfilme waren zuletzt formal sehr auffällig: Clint Eastwood hat dieselbe Geschichte erst aus amerikanischer, dann aus japanischer Sicht erzählt, Tarantino hat Hitler sterben lassen, Sam Mendes in Echtzeit erzählt. Hatten Sie auch so ein Konzept?
Antwort: Unser Leitstern war Remarques Nüchternheit. Wir haben versucht, die Zuschauer am Kragen zu packen und mit durch den Matsch zu ziehen – in den Schuhen von Paul Bäumer. Gleichzeitig haben wir die Kamera immer einen Hauch entfernt gehalten, um in der lakonischen Beobachtung zu bleiben. Und wir haben nur mit einer einzigen Kamera gedreht. Bei den meisten Filmen würde man große Schlachtszenen mit zwei, drei Kameras einfangen wollen. Aber es gibt bei Remarque nur eine einzige Figur, die alles erlebt: Paul Bäumer. Also sehen wir nichts als sein Gesicht und das was er selbst sieht. Dafür reicht eine Kamera.
Im Video – mit diesem Karteikarten-Chaos hat Edward Berger Remarques Roman zum Drehbuch gemacht:
Frage: Remarque hat den Krieg selbst erlebt. Lewis Milestone, der 1930 die erste Verfilmung von „Im Westen nichts Neues“ gedreht hat, war bei der US-Armee. Wissen Sie, was Ihre Groß- oder Urgroßväter in der Kriegszeit erlebt haben?
Antwort: Bis in den Ersten Weltkrieg reichen die Erzählungen in unserer Familie nicht zurück. Und bezüglich des Zweiten Weltkriegs: Die Familie meiner Mutter stammt aus der Schweiz. Mein Großvater aus dieser Linie war also nicht im Krieg und ist Ende der 30er Jahre auch früh verstorben. Mein Großvater väterlicherseits war Österreicher und hat in Deutschland gelebt. Bei Kriegsbeginn war er in seinen späten Vierzigern; er ist nicht eingezogen worden. Über familiäre Erfahrungsberichte aus den Kriegen verfüge ich also nicht – leider oder vielleicht eher glücklicherweise.