Hamburg  Vier Dinge im Alltag, bei denen Frauen noch immer benachteiligt sind

Pia Hinrichs
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Von Pia Hinrichs
| 07.03.2023 19:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Im Drogeriemarkt oder beim Friseur bezahlen Frauen häufig mehr - nur weil sie Frauen sind. Foto: Imago Images/ imagebroker
Im Drogeriemarkt oder beim Friseur bezahlen Frauen häufig mehr - nur weil sie Frauen sind. Foto: Imago Images/ imagebroker
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Die Debatte um Diskriminierung von Frauen rückt zunehmend in die Mitte der Gesellschaft – den vielen Frauenrechtlerinnen der vergangenen Jahrzehnte sei Dank. Doch noch immer hinterlässt das Patriarchat seine Spuren: Und dies kann sich auch in kleinen, aber nicht unerheblichen Dingen des Alltags widerspiegeln.

Wenn es um Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern geht, schauen die meisten zunächst auf die schlechtere Bezahlung von Frauen und Benachteiligung in der Arbeitswelt. Längst ist der Begriff „Gender Pay Gap“ in der Debatte um gleiche Bezahlung daher ein geläufiger Kampfbegriff. Dass Frauen jedoch auch im Alltag nicht selten benachteiligt werden, wird schnell außer Acht gelassen.

Lesen Sie hier: Anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März klärt unsere Redaktion auf, ob Frauen tatsächlich mehr verdienen als Männer.

Ob im Drogeriemarkt oder beim Friseur: Frauen müssen oft die Erfahrung machen, dass Dienstleistungen oder Produkte teurer sind, bloß weil die Zielgruppe weiblich ist. Unter den Schlagwörtern „Gender Pricing“ oder „Pink Tax“ häufen sich die Studien und Erfahrungsberichte zu ebendiesem Phänomen: Trotz gleicher Leistung, nicht selten gar für identische Produkte, sind die Preise für Frauen merklich höher.

So zeigt eine Stichprobe der Verbraucherzentrale Hamburg aus dem Jahr 2019 beispielsweise, dass Einwegrasierer für Frauen – bei gleicher Klingenzahl, gleichem Griff und gleichen Inhaltsstoffen – bis zu 38 Prozent mehr kosten als das Pendant im Herrenregal.

Beim Kauf von Rasierschaum oder -gel sind die Differenzen bei den Preisen laut Erhebung sogar noch größer: Hier zeigen die Preisschilder bei exakt gleichen Inhaltsstoffen teilweise sogar mehr als den doppelten Preis. Dabei unterscheiden sich die Produkte lediglich in Design und Farbe – bei letzterer setzt die Verpackungsbranche im Übrigen in fast allen Fällen auf Pink.

Natürlich könnten weibliche Konsumentinnen auch einfach im Nachbarregal nach zwar weniger pinken, aber dafür günstigeren Produkten Ausschau halten. Wo dies für Frauen jedoch nicht mehr möglich ist: im Dienstleistungssektor. Wie eine Studie der Antidiskriminierungsstelle aus dem Jahr 2017 zeigt, müssen Frauen vor allem beim Friseur und bei der Reinigung tiefer in die Tasche greifen.

Bei rund neun von zehn Friseuren würden Kurzhaarschnitte zu unterschiedlichen Preisen angeboten. Frauen müssen der Studie zufolge hierbei im Durchschnitt satte 12,50 Euro mehr bezahlen. Jede dritte Wäscherei macht laut Studienergebnissen ebenso Unterschiede zwischen Frau und Mann: Hier kostet die Reinigung von Damenblusen durchschnittlich 1,80 Euro mehr als die von Herrenhemden.

Der Marketing-Professor der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf, Martin Fassnacht, gibt Frauen im Gespräch mit dem „Tagesspiegel“ allerdings nur wenig Grund zu Hoffnung: „Frauen sind eher bereit, für Schönheit im weitesten Sinne mehr zu bezahlen“, gibt dieser zu bedenken. Da sich die Gesellschaft daran gewöhnt habe, dass Frauen beispielsweise für eine Frisur mehr bezahlen, sei es noch nicht absehbar, dass es in naher Zukunft zu angeglichenen Preisen kommen könnte.

Mit dem Mythos, dass die Schlangen vor Damentoiletten nur länger sind, weil sich Frauen mehr Zeit lassen, räumt eine Studie der belgischen Universität Gent auf. Dass Frauen länger auf ein freies WC warten müssen, wird von den Wissenschaftlern bestätigt: Während Männer den Ergebnissen zufolge nur durchschnittlich elf Sekunden in der Warteschlange vor öffentlichen Toiletten warten, müssen Frauen dort mehr als sechs Minuten verbringen.

Nicht selten brauchen Frauen in Sanitäranlagen aufgrund der Menstruation länger, oder einfach weil sie mehr Kleidungsschichten als Männer tragen. Der eigentliche Grund für deutlich längere Schlangen vor Damentoiletten geht der Studie zufolge jedoch aus der architektonischen Gegebenheit von öffentlichen Toiletten hervor.

Logischerweise beanspruchen Urinale in Männertoiletten weniger Raum als die Einzelkabinen der Damen. Jedoch werde dies von der Gebäudeplanung laut Wissenschaftlern nicht beachtet, sodass Männer- und Frauentoiletten für gewöhnlich die gleiche Fläche zugeteilt werde. Dies habe zur Folge: Männertoiletten können schlicht und ergreifend von mehr Herren zur gleichen Zeit genutzt werden – und die Schlange vor den Damentoiletten wächst.

Sehen Sie in diesem Video eine Zusammenfassung der Studienergebnissen: Die wahren Gründe, warum Warteschlangen vor Damentoiletten so lang sind.

Mithilfe von menschenähnlichen Puppen, den sogenannten Crashtest-Dummys, sollen die Auswirkungen von Verkehrsunfällen auf den menschlichen Körper simuliert werden. Nachdem die Wissenschaftlerin Mary Ward mutmaßlich als erster Mensch in einen Autounfall verwickelt war, stieg das Sicherheitsbedürfnis im Straßenverkehr enorm an – Crashtest-Dummys waren hierfür ein nützliches Mittel in puncto Sicherheit.

Umso absurder erscheint angesichts der Unfallgeschichte der Wissenschaftlerin, dass erst im vergangenen Jahr der erste weibliche Crashtest-Dummy konstruiert wurde. Bislang waren diese nämlich immer an den männlichen Körperbau mit Größe und Gewicht des Norm-Mannes ausgerichtet, wie Astrid Linder, Erfinderin des ersten weiblichen Crashtest-Dummys im Gespräch mit der „BBC“ erklärte.

Bei einem Autounfall sei der Wissenschaftlerin zufolge entscheidend, dass Frauen in der Regel ein geringeres Gewicht und anderen Muskelbau sowie Körperschwerpunkt haben. Was die Datenlücke in der Verkehrsbranche in vergangenen Jahrzehnten zur Folge hatte, belegen Studien auf eindrückliche Weise.

So wird die Sterblichkeit von Frauen bei Verkehrsunfällen bis in die 2000er-Jahre hinein noch auf 18 Prozent höher geschätzt als bei Männern, wie die Studie einer US-Bundesbehörde für Straßen- und Fahrzeugsicherheit zeigt. Aufgrund von technologischen Fortschritten sei der Fahrzeugbau jedoch inzwischen derart fortgeschritten, dass Frauen in neueren Auto-Modellen zunehmend geschützter seien.

Auch in der Medizin fällt der weibliche Körper nicht selten dem Männer-Maßstab zum Opfer. Unter dem Begriff „geschlechtersensible Medizin“ versteht man unter Ärztinnen und Ärzten das Problem, dass das Mediziner-Lehrbuch noch immer häufig typische Symptome eines Norm-Mannes lehrt und Krankheitsanzeichen von Frauen somit oft nicht gleich erkannt werden.

Warum auch hier noch immer eine Datenlücke – oder im englischen „Gender Data Gap“ – klafft, erklärt Fachärztin Ute Seeland gegenüber der Techniker-Krankenkasse. Da es Frauen lange verwehrt war Medizin zu studieren, sei die Ärzteschaft eindeutig männlich dominiert gewesen. „Damit war der Blickwinkel sehr einseitig, es wurden vorwiegend männliche Körper und Lebenswelten beim Beurteilen von Krankheiten untersucht“, erklärt die Medizinerin.

Das ziehe zum Beispiel mehr Nebenwirkungen von Medikamenten bei Frauen nach sich, da die Dosierungsvorgabe sich häufig noch immer am männlichen Körperbau orientiere. Jedoch kann es noch drastischer gehen: Auch Fehldiagnosen aufgrund der Datenlücke weiblicher Körper seien keine Seltenheit.

„Ein Klassiker ist der Herzinfarkt“, sagt Ute Seeland. So würden Frauen in der Regel abweichende Symptome zeigen als Männer, wenn diese von einem Herzinfarkt betroffen seien. Anstelle des Bruststechens trete bei Frauen vielmehr Müdigkeit, Schmerzen im Kiefergelenk oder Übelkeit auf.

Noch immer würden daher Herzinfarkte bei Frauen später erkannt werden als bei Männern. So würden Frauen im Durchschnitt zumeist erst eine halbe Stunde später mit Verdacht auf Herzinfarkt in eine Klinik kommen, wie der NDR berichtet.

Weitere Beispiele, bei denen Frauen in der Medizin benachteiligt sind, zeigt folgendes Video:

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