Stadt und Bürger im Dialog  Gibt es einen Stimmungswandel zum Verkehr in der Innenstadt?

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 07.03.2023 17:04 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Dieses Bild zeigt das grobe Prinzip, wie der Verkehr künftig auf der Neutorstraße geführt werden soll. Aber: Geht es nach der Verwaltung, soll alles einheitlich gepflastert und ebenerdig sein. Grafik: Stadt Emden
Dieses Bild zeigt das grobe Prinzip, wie der Verkehr künftig auf der Neutorstraße geführt werden soll. Aber: Geht es nach der Verwaltung, soll alles einheitlich gepflastert und ebenerdig sein. Grafik: Stadt Emden
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Die Stadt stellte bei einer Veranstaltung für Bürger ihren Vorschlag für die Neutorstraße vor. Viele wollen eine Lösung ohne Autos.

Emden - Wer lautstarke Proteste, Ärger und Missmut erwartet hatte, sah sich getäuscht: Bei der öffentlichen Informationsveranstaltung der Stadt im VHS-Forum zur künftigen Verkehrsführung im Zentrum von Emden hat sich am Montagabend überraschend ein ganz anderes Stimmungsbild ergeben. Denn: Der Mehrheit der knapp 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehen die vor einigen Tagen vorgestellten Vorschläge der Stadt, wie der Autoverkehr auf der Neutorstraße zwischen der Straße Agterum und dem Rathaus dauerhaft verringert werden soll, offenbar noch nicht weit genug. Der Stimmung im Saal zufolge favorisieren viele sogar eine Lösung ohne Autos.

Was und warum

Darum geht es: die künftige Verkehrsführung in der Emder Innenstadt

Vor allem interessant für: alle Verkehrsteilnehmer, die in Emden unterwegs sind, sowie diejenigen, die sich für den Wandel der Innenstädte interessieren

Deshalb berichten wir: Die Stadt Emden hat ihre Pläne und Vorschläge für die Innenstadt Bürgern und Bürgerinnen in einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt. Wir waren dabei.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Auch Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) zeigte sich überrascht von dem Stimmungswechsel, der sich zumindest bei dieser Informationsveranstaltung abzeichnete. Er hatte die gerade für beendet erklärten Verkehrsexperimente in der Innenstadt seit dem Sommer 2021 vorangetrieben und dafür vor allem in den sozialen Medien viel Gegenwind bekommen. „Jetzt sehe ich mich eher getrieben“, sagte er dieser Zeitung. Während der Veranstaltung räumte er zugleich ein, die Dinge „nicht immer ausreichend kommuniziert und nicht alle mitgenommen zu haben.“ Das soll besser werden.

Sie standen bei der Infoveranstaltung Rede und Antwort: (von links) Chef-Stadtplaner David Malzahn, Stadtbaurätin Irina Krantz, Oberbürgermeisterin Tim Kruithoff, Moderatorin und Stadtsprecherin Theda Eilers, Stadtmarketing-Leiterin Martje Merten und Hinrich Post von der Straßenverkehrsbehörde. Foto: H. Müller
Sie standen bei der Infoveranstaltung Rede und Antwort: (von links) Chef-Stadtplaner David Malzahn, Stadtbaurätin Irina Krantz, Oberbürgermeisterin Tim Kruithoff, Moderatorin und Stadtsprecherin Theda Eilers, Stadtmarketing-Leiterin Martje Merten und Hinrich Post von der Straßenverkehrsbehörde. Foto: H. Müller

Die Strategie der kleinen Schritte

Die Stadtverwaltung bevorzugt zwar eigentlich ebenfalls eine reine Fahrradstraße für die Neutorstraße. Sie glaubt aber, dass die Zeit für diese radikale Lösung noch nicht reif ist. Der Oberbürgermeister warb mehrmals und nachdrücklich für seine Strategie der der kleinen Schritte. „Wir wollen eher auf Überzeugung setzen“, sagte er. Das Ziel einer komplett autofreien Neutorstraße könne nur in einem längeren Prozess erreicht werden. Es sei „ein sehr komplexes Unterfangen“. Mit einem Fingerschnipp kriege man das nicht hin.

Gleichwohl deutete Kruithoff an, wie die von ihm propagierten „kleinen Schritte“ konkret aussehen könnten. Als Beispiele nannte er vorübergehende Sperrungen der Neutorstraße an Sonnabenden oder zu anderen Anlässen. Dafür will die Stadt elektrisch versenkbare Poller an den Enden des Straßenabschnittes installieren - ähnlich wie am Neuen Markt.

Knackpunkt bleiben die Randgebiete der City

Knackpunkt bei fast allen denkbaren Lösungen für die Neutorstraße bleibt der Verkehr in den Randgebieten der Innenstadt. Dazu gehören neben der Ringstraße und dem Philosophenweg vor allem die Stadtteile Groß Faldern und Klein Faldern, über die Autofahrer seit Beginn der Einbahnstraßenregelung in der Neutorstraße häufig ausweichen. Unter anderem aus der Friedrich-Ebert-Straße kommen seitdem Klagen über die zunehmende Verkehrsbelastung sowie Gefährdungen von Fußgängern und Radfahrern.

Knapp 150 Emderinnen und Emder waren auf Einladung der Stadt in das VHS-Forum gekommen. Die Infoveranstaltung wurde auch live im Internet übertragen. Foto: H. Müller
Knapp 150 Emderinnen und Emder waren auf Einladung der Stadt in das VHS-Forum gekommen. Die Infoveranstaltung wurde auch live im Internet übertragen. Foto: H. Müller

Eine Patentlösung haben die Stadt- und Verkehrsplaner dafür noch nicht gefunden. Im Dialog mit den Anliegern wollen sie aber weiter nach Möglichkeiten suchen, die Situation vor allem in den Faldern-Vierteln zu entschärfen. „Wir nehmen die Interessen der Anlieger wahr und sehr ernst“, sagte der Oberbürgermeister. Es sei „völlig klar“, dass es „eine Gesamtlösung“ geben muss.

Stadt hat Maßnahmen für Faldern „im Köcher“

Hinrich Post von der Straßenverkehrsbehörde der Stadt kündigte an, die Situation in Faldern „unter die Lupe“ zu nehmen. „Wir haben schon mehrere Maßnahmen im Kopf und auch schon im Köcher“, sagte er. Weitere Einzelheiten nannte er nicht. Während der Infoveranstaltung brachten mehrere Bewohnerinnen und Bewohner dieser Viertel auch Einbahnstraßenregelungen ins Spiel, um den Autoverkehr zu beruhigen.

Die Friedrich-Ebert-Straße im Emder Stadtteil Faldern ist seit der Einbahnstraßen-Regelung in der Neutorstraße zu einem Nadelöhr geworden. Foto: Päschel/Archiv
Die Friedrich-Ebert-Straße im Emder Stadtteil Faldern ist seit der Einbahnstraßen-Regelung in der Neutorstraße zu einem Nadelöhr geworden. Foto: Päschel/Archiv

Mehrere Wortbeiträge drehten sich auch um die Möglichkeit, den Autobahnring zu nutzen statt durch die Innenstadt zu fahren. Das biete sich an, wenn man nicht in die Innenstadt müsste, aber beispielsweise von Harsweg nach Borssum oder von Uphusen nach Larrelt fahren wolle, hieß es. „Wir predigen das schon immer“, sagte Kruithoff. Doch alle Appelle dazu scheinen bislang nicht richtig zu fruchten. Ein Besucher der Infoveranstaltung schlug vor, den gesamten Bereich innerhalb des Wallrings so unattraktiv für den Kraftverkehr zu machen, dass Autofahrer quasi gezwungen werden, den Autobahnring zu nutzen. Dafür bekam er Beifall.

Planungen fürs Parken sind auf dem Weg

Unterdessen geht die Stadt parallel zu den Planungen für die Neutorstraße auch das Thema Parken an. Darauf dränge auch der Einzelhandel, hieß es. Die Dringlichkeit sei der Verwaltung „sehr bewusst“, sagte Stadtbaurätin Irina Krantz. Man sei bei diesem Thema aber „schon weiter als es den Anschein hat“. Die Stadt werde im April ein Konzept für die Parkraumbewirtschaftung in der Innenstadt und den umliegenden Gebieten vorstellen. Auch die Bebauungspläne für die Standorte neuer Parkhäuser seien in Arbeit. Krantz: „Wir denken den Parkraum mit“.

Der von der Stadtverwaltung favorisierte Vorschlag für die Neutorstraße im Abschnitt zwischen dem Knotenpunkt Agterum und dem Rathaus sieht unter anderem vor, die derzeit geltende Einbahnstraßen-Regelung in Nord-Süd-Richtung beizubehalten. An beiden Seiten sollen extra breite Schutzstreifen für Radfahrer angelegt werden. Die etwa 300 Meter lange Achse, die derzeit die Fußgängerzonen im Zentrum noch voneinander trennt, soll komplett neu gestaltet und mit Klinkern gepflastert werden. Entlang der gläsernen Neutor-Galerie ist eine Baumreihe geplant.

Diesen Vorschlag stellt die Stadtverwaltung an diesem Dienstag auch dem zuständigen Ratsausschuss für Stadtplanung und Umwelt vor. Klar positioniert hat sich in dieser Frage schon die FDP-Fraktion. Sie unterstützt diesen Vorschlag und sieht ihre Auffassung durch die Beiträge von Bürgerinnen und Bürgern während der Infoveranstaltung bestärkt, teilte Fraktionsvorsitzender Erich Bolinius mit.

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