Graffiti-Aktion  An der Wiesmoorer Freilichtbühne entsteht ein großer Zauberwald

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 06.03.2023 18:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Künstler Andreas Kutzner (von links) und Ingo Oltmanns sowie Wiesmoors Stadtmanagerin Ute Rittmeier haben das Kunstprojekt vorgestellt. Fotos: Cordsen
Die Künstler Andreas Kutzner (von links) und Ingo Oltmanns sowie Wiesmoors Stadtmanagerin Ute Rittmeier haben das Kunstprojekt vorgestellt. Fotos: Cordsen
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Sechs Graffiti-Künstler aus Deutschland und den Niederlanden verwandeln einen alten Unterstand am Wochenende in ein Gesamtkunstwerk. Was haben sie vor?

Wiesmoor - Im Rücken der Wiesmoorer Freilichtbühne werden ab dem kommenden Wochenende Zauberer ihr magisches Unwesen treiben. Vielleicht werden dort Feen umherflattern, Kobolde keckern und andere mystische Fabelwesen auf wundersame Weise in Erscheinung treten. Sechs Graffiti-Sprayer aus ganz Deutschland, drei davon vom Graffiti-Verein Ostfriesland, aber auch zwei echte Szenegrößen aus Köln und ein Künstler aus der Nähe von Groningen, werden dann den bislang eher abgeranzten Wellblech-Unterstand hinter den Publikumsrängen in einen Zauberwald verwandeln.

Was und warum

Darum geht es: Der Unterstand der Wiesmoorer Freilichtbühne wird von Graffiti-Sprayern in ein Kunstwerk verwandelt.

Vor allem interessant für: Wiesmoorer, Kulturinteressierte und alle, die Graffiti-Kunst spannend finden.

Deshalb berichten wir: Die Stadt Wiesmoor und die Künstler haben im Vorfeld der Aktion eingeladen und ihre Ideen skizziert.

Den Autor erreichen Sie unter: o.cordsen@zgo.de

57 Meter lang, 2,50 Meter hoch ist die „Leinwand“, auf der das Gesamtkunstwerk entsteht. 420 Sprühdosen hat die Stadt Wiesmoor dafür im Auftrag der Künstler geordert. Der örtliche Baubetriebshof hat dafür die gesamte Fläche vorab gereinigt, das Areal von Unrat befreit, OSB-Platten vor die Wellblechverkleidung geschraubt, damit die Künstler eine glatte Oberfläche für ihre Werke haben, und die Platten in „Schwarzgrün“ grundiert, einer Farbschattierung, die auch als Anthrazit durchgehen würde.

Stadt wollte die rumpelige Ecke aufwerten

Dass sich der vormals olle Unterstand in einen fantasievollen Zauberwald verwandelt, hat Stadtmanagerin Ute Rittmeier initiiert. „Der Unterstand war in den vergangenen Jahren ja eher ein Abstellplatz, an dem viel Unfug getrieben wurde, wo Leute selbst auch mit Sprühdosen Zeichen hingeschmiert haben, aber nichts, was schön und wertig war“, sagt sie. „Schon länger hatten wir aber die Idee, dass man den Ort wirklich aufwerten und da zum Beispiel tolles Catering anbieten könnte – und uns gefragt, was man da machen könnte. Graffiti war da eine Idee, die uns schon länger im Kopf herumspukte.“ Als sie dann im Spätsommer von Werken des Graffitivereins Ostfriesland in Emden mitbekommen hatte, habe sie den Kontakt gesucht. „Das war toll. Und da habe ich gedacht, das könnte super passen.“ Beide Seiten fanden zueinander. Hinzu komme: „Indem das ein echtes Graffito von richtigen Künstlern ist, hoffen wir, dass dann der Ehrenkodex gilt und nicht andere Leute kommen und das überschmieren.“

Andreas Kutschner sah sich den Kartonberg voll bestellter Sprühdosen vorab schonmal an.
Andreas Kutschner sah sich den Kartonberg voll bestellter Sprühdosen vorab schonmal an.

„Für uns ist toll: Die Stadt ist nicht mit Vorgaben gekommen, sondern hat uns kreativ wirklich freie Hand gelassen“, sagt Andreas Kutzner aus Aurich vom Graffitiverein Ostfriesland. „Und wir selbst sind dann, weil es auch so ein etwas verwunschenes Waldstück ist, schnell aufs Thema ,Zauberwald‘ gekommen, das wir hier umsetzen möchten.“ Zeit zu reifen hatten die Ideen: Eigentlich sollte die Aktion schon im November starten, musste aus Termingründen aber verschoben werden. „So schaffen wir es aber immer noch vorm Saisonstart“, sagt Ute Rittmeier.

Welche magischen Ideen entfalten sich?

Was genau die kreativen Köpfe ausgeheckt haben, da hüllen die Verantwortlichen sich aktuell noch ein wenig in die Zaubermäntel des Schweigens, doch können Interessierte sich das Ganze am kommenden Samstag und Sonntag, 11. und 12. März, jeweils ab 9 Uhr im Entstehen und nach dem Wochenende als fertiges Gesamtkunstwerk aus der Nähe ansehen. Einige Wochen an Ideenplanung haben die Kreativen jedenfalls ins Projekt gesteckt, Konzepte geschrieben, Ideen skizziert, Vorzeichnungen gemacht, sich Gedanken über die Farbgebung gemacht, Bestellungen für die benötigten Farbtöne an die Stadt Wiesmoor gereicht, sich untereinander ausgetauscht – denn immerhin arbeiten sechs Künstler zeitgleich am ineinanderfließenden Gesamtkunstwerk. „Jeder von uns hat eine Menge Ideen entwickelt und eingebracht, und jetzt schauen wir mal, wie wir das zusammenbringen“, sagt Kutzner. Ein bisschen visuelles Improvisationstheater sei das am Ende auch, wenn es darum geht, die Abschnitte der einzelnen Künstler zusammenzubringen. „Da entsteht vieles spontan, aber das macht es auch spannend.“ Publikum ist herzlich willkommen.

Insgesamt rund 420 Farbdosen hat die Stadt Wiesmoor für die Künstler geordert.
Insgesamt rund 420 Farbdosen hat die Stadt Wiesmoor für die Künstler geordert.

Der Auricher – studierter Elektro-Ingenieur – stammt gebürtig aus Berlin, hat in den frühen 90ern in den Frühphasen seines Sprayerschaffens noch Reste der Berliner Mauer besprüht und ist seit Langem bundesweit in der Szene vernetzt. Wie auch Ingo Oltmanns, der in Marienhafe aufgewachsen ist, nun in Aurich lebt und als Lehrer arbeitet. Oltmanns sagt: „Wir nehmen gern und oft auch bekannte Comicfiguren, die wir zum Teil nach unseren Vorstellungen verändern und in einen Hintergrund einbetten. Es soll ja auch interessant sein für die Leute. Und das Ganze arbeiten wir dann in einen Hintergrund ein, machen uns vorher Gedanken, wie wir das Ganze aufbauen und wie wir die Ebenen übereinanderlegen.“

Kunstwerk könnte 100 Jahre lang halten

Die sechs Künstler, die dabei sind, sind T-Roc und Term aus Köln, Rafe 81, Rek One und Disco vom Graffitiverein Ostfriesland sowie Sign 74 aus der Nähe von Groningen. Wer genau hinter welchem Zeichen steckt und inwiefern die Künstler untereinander nicht sogar noch die Zeichen tauschen: Auch das verbergen die Sprayer geheimnisvoll grinsend unter dem Zaubermantel des Schweigens. Was ihnen aber wichtig zu betonen ist: wie toll die Stadt sie bei den Vorbereitungen unterstützt habe – samt der Vorbereitung der Leinwand, der Übernahme der Kosten für Farben und Vorarbeiten (zusammen mehr als 4000 Euro) sowie der Unterbringung der zugereisten Künstler in einer Ferienwohnung in Aurich.

Zahlreiche Pastelltöne werden im Kunstwerk zu sehen sein.
Zahlreiche Pastelltöne werden im Kunstwerk zu sehen sein.

Rittmeier hält das für eine sinnvolle Investition: „Für uns ist das ein weiterer Schritt im Bestreben, die Freilichtbühne aufzuwerten und zu einem attraktiveren und spannenderen Ort zu machen.“ Die wird ab Sonntagabend um ein mehr als 140 Quadratmeter großes Gesamtkunstwerk reicher sein, das nach Hoffnung aller Beteiligten von Dauer sein wird. Kutzner sagt: „Weil der Unterstand überdacht ist und da wenig direktes Sonnenlicht einstrahlt, dürften die Farben sogar 100 Jahre lang halten.“ Und Ingo Oltmanns stützt die Hoffnung der Stadt: „Weil das hier ein echtes Kunstwerk ist, glaube ich schon, dass da die Ehre gilt, dass das nicht überschmiert wird – anders als etwa unter der Nessebrücke in Leer, wo das Ganze in einem Workshop mit Jugendlichen entstanden ist und dann andere Sprayer das zum Teil übersprüht haben. Wir haben zumindest mit den Kunstwerken, die wir so erstellt haben, etwa dem Dschungel in Aurich, die Erfahrung gemacht, dass da nicht viel passiert. Und notfalls können wir da mit Farbresten, die wir haben, immer noch schnell eingreifen und nachbessern.“

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