Hamburg So hat sich meine Einstellung zur „Letzten Generation“ geändert
Die Aktivisten der „Letzten Generation“ blockieren seit Monaten Straßen in Deutschland, regelmäßig stehen sie deshalb vor Gericht. Unsere Autorin hat die Gruppe über Monate intensiv begleitet. So hat sich ihre Einstellung zu den Aktivisten verändert.
Amtsgericht Tiergarten, erster Stock, Sitzungssaal 2092: Eine Klimaaktivistin der „Letzten Generation“ steht wegen einer Straßenblockade vor Gericht. In ihrer Verteidigung erläutert sie die Dringlichkeit des Handelns, weist auf Studien hin. Fast zwei Stunden wird sie sprechen. Die Richterin unterbricht sie am Anfang ihrer Verteidigung und wendet sich an mich im Zuschauerraum: „Sie müssen ganz schön viel schreiben, vielleicht lassen Sie sich lieber das Material geben.“ Die Aktivistin nickt, die Richterin und ich auch. Es ist einer der wenigen Momente, in dem Aktivisten der „Letzten Generation”, Justiz und Presse einer Meinung sind.
Mehr als zwei Monate habe ich die Gruppe intensiv begleitet. Ich war bei Gerichtsprozessen, Klebe-Trainings und Vorträgen dabei, mit zahlreichen Aktivisten habe ich über ihre Motivation und ihre Ziele gesprochen.
In den ersten Gesprächen haben mich die Bedingungslosigkeit und die Entschlossenheit der Aktivisten beeindruckt. „Ich bin bereit, ins Gefängnis zu gehen“ – über diesen Satz musste ich oft nachdenken. Wann und aus welchen Gründen wäre ich bereit, meine Freiheit aufzugeben? Bis heute kann ich diese Frage nicht beantworten. In jedem Fall müsste es sehr dringend sein, eine unmittelbare Bedrohung.
Die Punkte erfüllt der Klimawandel. Trotzdem gehe ich ins Büro, statt mich auf die Straße zu kleben. Wahrscheinlich, weil ich die Dringlichkeit ein Stück weit ausblende und weil ich die Folgen des Klimawandels selbst noch nicht spüre. Sicher aber auch, weil ich das Narrativ vom Weltuntergang alarmistisch finde. Ich glaube nicht, dass man Menschen überzeugen kann, indem man sie wütend macht.
Wenn ich die Aktivisten gefragt habe, warum sie sich für diese Protestform entschieden haben, habe ich immer ähnliche Antworten bekommen. Man habe bereits alles andere probiert und das hätte nichts gebracht. Sie würden selbst hohe Kosten in Kauf nehmen, um uns alle zu retten.
Sie berufen sich auf Beispiele des zivilen Widerstandes und sehen sich in der Tradition der Freedom Riders, die gegen die Rassentrennung in den USA gekämpft haben. Die Freedom Riders brachen die vorgeschriebene Rassentrennung in Bussen und fuhren durch das Land. Damit provozierten sie die offensichtlich rassistische Regierung, ihre rassistischen Gesetze immer wieder durchzusetzen und sich dadurch selbst zu entblößen. Die Aktion und das Ziel und der Adressat konnten in einen logischen Zusammenhang gebracht werden.
Das ist bei der „Letzten Generation“ nicht der Fall. Schon bei den Straßenblockaden und dem Lahmlegen von Flughäfen denken nicht alle sofort an 9-Euro-Ticket und Gesellschaftsrat. Uneindeutig bleibt auch der Adressat: Richtet sich der Protest gegen die Autofahrer, die langsamer fahren sollen, oder gegen die Bundesregierung, die ein Tempolimit erlassen soll? Bei Aktionen in Museen oder gegen das Grundgesetz-Denkmal ist ein Zusammenhang mit dem Anliegen dann überhaupt nicht mehr erkennbar.
Und genau diese Lücken in der ansonsten stimmigen Erzählung der „Letzten Generation” führen zu den Diskussionen über Rettungsgassen und Sekundenkleber statt über Klima-Kipppunkte und CO₂-Ausstoß.
Bei einem Klebe-Workshop, den ich besucht habe, erzählten die Trainerinnen von genau solchen Diskussionen mit Autofahrern. Es gelinge nur selten wirklich über Klimaschutz zu sprechen, die meisten seien einfach nur wütend und genervt.
Über die Protestform selbst wird in der Gruppe meiner Meinung nach nur wenig diskutiert, auch die möglicherweise erheblichen Konsequenzen spielen kaum eine Rolle, werden mitunter verharmlost. Bei dem Workshop erzählten die Trainerinnen in Anekdoten von ihren Aufenthalten in Polizeigewahrsam. Sie würden in den Zellen Lieder singen, oft auch kleine Notizen an die nächsten Aktivisten irgendwo in der Zelle verstecken. Es sei daher gut, dass die Zellen nicht saubergemacht würden, so könne man kommunizieren.
Auch das Vokabular für Straßenblockaden finde ich verniedlichend, fast schon albern. Aktivisten, die Protest durchführen, nennen sich Bienen, die Leitung des Protests Bienenkönigin. Andere, die aufsehenerregende Veranstaltungen wie die Berlinale stören, heißen Wildbienen. Wer dabei fotografiert und den Protest unterstützt, ist eine Hummel. Die einzelnen Regionen in Deutschland sind nach Pflanzen benannt. Die Region Osnabrück heißt „Wilde Malve“, Schleswig-Holstein „Strandflieder“.
So sprechen im Klebe-Workshop viele von Ansagen der Bienenkönigin und Aufgaben der Hummeln, aber niemand von langfristigen Folgen wie Gefängnisaufenthalten und wirtschaftlichen Ruin durch Prozesskosten und Bußgelder. Die Trainerinnen zählen vielmehr lässig die Zahl ihrer Strafbefehle auf.
Mich überrascht, dass niemand nachfragt, ob man Polizeigewahrsam vermeiden könne oder wie lange der Aufenthalt dauert. Vielleicht kommen ohnehin nur entschlossene Klimaschützer, aber es liegt es auch an der außergewöhnlichen Freundlichkeit der Gruppe. Ob bei Klebe-Workshops oder in Polizeigewahrsam: Die Mitglieder der „Letzten Generation” kümmern sich umeinander, und das sehr gut. Nach der Haftentlassung warten andere Aktivisten wie beim Workshop mit Keksen und Tee.
Die Trainerinnen und auch andere Gesprächspartner schwärmen vom Zusammenhalt der Gruppe, von der gemeinsamen Mission Weltrettung, bei der alle bedingungslos mitarbeiten. Dabei sind sie oft pathetisch und davon durchdrungen, auf der richtigen Seite zu stehen und die Menschheit zur Not zu ihrem Glück zu zwingen.
Aus dieser Perspektive lassen sich auch meine Fragen nach der Finanzierung der Gruppe und ihrer inneren Struktur als Belanglosigkeiten abtun. Wen interessiert, was mit Spendengeldern passiert, wenn doch die Welt untergeht?
Sagen Sie uns Ihre Meinung:
Der Religionspsychologe Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, mit dem ich über die Gruppe gesprochen habe, sieht in dieser Endzeit-Angst Parallelen zu einer Sekte. Ihn beunruhigt, dass sich intelligente und rechtschaffene Menschen derart in eine Enge treiben lassen, dass sie ihre Ausbildung abbrechen und Straftaten begehen.
Die Frage nach den Finanzen bleibt: Mehr als 900.000 Euro an Spenden hat die Gruppe im letzten Jahr eingesammelt. Hinzu kommt Geld vom Climate Emergency Fund, einer Nichtregierungsorganisation, die Klimaaktivisten auf der ganzen Welt unterstützt. Wofür das Geld ausgeben wird, zeigt ein Transparenzbericht. Ein Großteil der Kosten geht demnach für Miete von Wohnungen und Autos drauf. Einige Aktivisten verschreiben sich Vollzeit der Gruppe und erhalten von einem Berliner Verein bis zu 1300 Euro Gehalt. Weil die „Letzte Generation” keine Rechtsform hat, lassen sich viele Angaben nicht überprüfen.
Einblick in die Struktur geben die Aktivisten im Gespräch kaum, interne Dokumente geben mehr Aufschluss. Klar ist: Die „Letzte Generation” ist keine demokratisch organisierte Bewegung. Es gibt eine sogenannte „funktionale Hierarchie”. Ein Organigramm, das unserer Redaktion vorliegt, zeigt, dass ein Kernteam von sechs Personen die Entscheidungen trifft. Sieben weitere halten den Kontakt zu den Arbeitsgruppen der Bewegung. Dazu zählen beispielsweise die Mobilisierung, Finanzen oder Presse.
Akribisch sammeln die Aktivisten alle Artikel, die über sie veröffentlicht werden. Bei keinem anderen Thema habe ich so viel Rückmeldung erhalten – positiv wie negativ. Dazwischen gibt es kaum etwas. In Leserbriefen werden die Aktivisten als privilegierte Berufsdemonstranten bezeichnet, die von ihren Eltern finanziert werden. Die Polizei solle endlich härter vorgehen und die Aktivisten zur Not mit Gewalt von der Straße reißen. Andere sehen in der „Letzten Generation” die Retter der Erde. Sie würden unter hohen persönlichen Kosten uns alle retten, daher seien kritische Berichte auch nicht zulässig.
Auch vonseiten der Aktivisten. Sie loben mich für Berichte über Prozesse und tadeln mich für Artikel über Retreats, die sie bei einem Verein buchen, der Steuergelder erhält. Das sei unwichtig, angesichts der drohenden Klimakatastrophe.
Mit diesem Totschlag-Argument jeden Dialog im Keim zu ersticken, ist meiner Meinung nach lästig. Es macht Gespräche anstrengend bis unmöglich. Und führt sogar dazu, dass bei einem alarmierenden Vortrag zum Thema Klimaschutz im Gerichtssaal der Staatsanwalt wegnickt.