Berlin Expertin Antje Boetius: Eiswürmer und tödlicher Schaum sind real
Die ZDF-Serie „Der Schwarm“ beschwört den Meereshorror. Expertin Antje Boetius berichtet, was real ist – vom Eiswurm bis zum tödlichen Nordsee-Schaum.
Mit der ZDF-Serie „Der Schwarm“ richtet sich der Blick auf unsere Meere. Kaum einer kennt sich hier so gut aus wie Antje Boetius, Professorin und Direktorin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts. Eine intelligente Spezies, die den Menschen attackiert, hat sie bei ihren Tauchgängen noch nicht entdeckt. Trotzdem ist ihr Blick auf die Meere alarmierend.
Frage: Frau Boetius, eine der spektakulären Meereskreaturen der ZDF-Serie „Der Schwarm“ sind Eiswürmer mit grausigen Kieferwerkzeugen. Gibt es die wirklich?
Antwort: Der Eiswurm ist real. Die Würmer sind Polychaeten, also Borstenwürmer, die im Eis leben. Sie bohren sich Löcher ins gefrorene Methan. Dazu benutzen sie wirklich aufsehenerregende Kieferplatten, die zwar viel kleiner sind als im Film, wo sie als echte Brecher erkennbar sind. Die brauchen sie wohl, um sich ins Eis zu bohren und die Bakterien abzugrasen. Wahrscheinlich leben sie im Eis, um sich vor Räubern zu schützen. Das ist alles real.
Frage: Sind die Würmer auch in der Wirklichkeit so groß wie Bananen?
Antwort: Eher so wie Finger.
Frage: Was? Ich dachte, die sind mikroskopisch klein.
Antwort: Sie sind schon groß und viele. Ich war mal da, wo sie entdeckt wurden. Damals durfte ich mit in den Golf von Mexiko abtauchen und habe dieses Gewimmel gesehen. Die Aufnahmen sind jetzt in „Der Schwarm“ zu sehen. Das ist ja das Bezaubernde: Die Realität kommt mit in die Fiktion.
Hier sehen Sie den Trailer zu Frank Schätzings „Der Schwarm“:
Frage: Ich weiß nicht, ob viele Leute ausgerechnet den Eiswurm bezaubernd nennen würden.
Antwort: Ich bin Tiefseeforscherin; meine ästhetischen Vorstellungen sind etwas verschoben. Im Ernst: Ich finde es toll, dass in vielen Szenen der Versuch gemacht wird, so real wie möglich zu sein. Wir verwenden sogar echte Tiefseeaufnahmen aus der Forschung. Die Meeresforschungsinstitute Geomar, AWI, Hereon und Marum haben alle etwas beigetragen: Filmausschnitte, Geräte, Beratung. In der Drehbuchberatung ging es darum wie vor 20 Jahren bei Frank Schätzing: Aus welchen aktuellen Phänomenen, die wirklich in Meeren beobachtet wurden, kann das Katastrophen-Feeling zusammengesetzt werden?
Frage: Hatte Schätzing Sie auch schon beim Roman zu Rate gezogen?
Antwort: Nein, damals war ich in den USA. Ein Teil meiner mikrobiologischen Forschung ist im Buch aber sehr gut abgebildet: die Methan fressenden Mikroben, die im Schlamm sitzen und in den Gashydraten gemeinsam mit den Eiswürmern zusammenarbeiten, sie aufzulösen. Wobei die Mikroben in Wirklichkeit ja helfen, das Gas zu verstoffwechseln und so das Meiste an Methan gar nicht in die Atmosphäre kommt. Es war schön, wie das Buch von Frank Schätzing dieses Wissen popularisiert hat. So viele Leser wussten später: Was sind Gashydrate, wo kommen sie vor, wie geht Meeresforschung.
Frage: „Der Schwarm“ erzählt von einem Superorganismus, bei dem Bakterien eine intelligente Lebensform bilden. Erzählen Sie mal, was Bakterien wirklich können. Wir alle sind inzwischen Virologen, aber keiner weiß was von Bakterien.
Antwort: Es ist wirklich unglaublich, wie ignorant wir Menschen gegenüber Umweltmikroben sind. Dazu gehört ein ganzes Netzwerk von Einzellern, Pilzen und winzigen Tierchen, die so wichtig für die Funktion unseres Planeten sind, die wir oft genug gar nicht selbst kultivieren könnten und die wir noch nicht mal alle kennen. Als Meeresmikrobiologin habe ich lange untersucht, welche Rolle Bakterien und Archaeen in Stoffkreisläufe im Meer funktionieren. Was machen all diese verschiedenen Einzeller, es gibt so circa 2000 verschiedene Typen pro Teelöffel Schlamm. Zu den Entdeckungen gehörte dann, dass viele miteinander kooperieren und dabei eine Ingenieursleistung im Bereich Energienutzung hinkriegen, die uns Menschen nicht gelingt. Dazu kommt ihre eigene chemische Kommunikation, die auch im „Schwarm“ eine Rolle spielt. Wie zum Beispiel können die Mikroben sich erkennen, wie entscheiden sie: „Du bist Freund und kannst in mir und an mir wachsen“ – und „du bist ein Feind, den ich zersetze“? Wenn wir das nur verstehen würden, hätten wir vielleicht einen ganz neuen Ansatz im Kampf gegen Krankheiten. Aber es ist wirklich schwer zu verstehen, wie die Einzeller sich organisieren.
Frage: Man liest hin und wieder von Bakterien, die all den Müll wegräumen könnten, mit denen wir Menschen die Erde belasten, zum Beispiel, weil sie Plastik und Treibhausgase umwandeln. Sind Einzeller unsere Rettung?
Antwort: Sie haben bei Treibhausgasen eine wichtige Rolle, aber leider können sie nicht das Plastik zersetzen, was sich deswegen im Ozean ansammelt. Es ist im Gegenteil so, dass wir durch den Klimawandel wesentliche Leistungen des Naturnetzwerkes verlieren. Das Schlimmste ist, dass viele Mikroben – besonders die im Erdboden – organisches Material mit steigenden Temperaturen schneller zersetzen und auf diese Weise noch mehr Treibhausgase produzieren. Dieser Temperaturzusammenhang ist sehr bemerkenswert und auch gefährlich. Was wir tun können: Diese Gleichgewichte verstehen, damit die Natur uns hilft mehr CO2 zu speichern. Leider machen wir das Gegenteil. Ein Beispiel: Der Humus, auf dem wir Landwirtschaft betreiben und auf dem Felder wachsen – das sind in der Masse die Reste von Mikroben, die sich über Jahrtausende ansammeln. Wenn wir mit dem Klimawandel katastrophale Dürren und Regenfälle erzeugen, dann verlieren wir den guten Boden. Und damit seine Produktivität und Schwammfunktion. Der Kampf für das Gleichgewicht der Natur braucht Wissen, Technologien, aber vor allem braucht es Klimaschutz.
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Frage: Auf die nächste Frage bitte nur mit Ja oder Nein antworten: Bei allen Realien in der Serie – ein Angriff einer intelligenten Spezies auf die Menschheit steht nur in der Fiktion bevor, richtig?
Antwort: Ja …
Frage: Sie zögern?
Antwort: Na ja, man könnte auch sagen, wir selbst greifen uns an.
Frage: Trotzdem können auch Kleinstlebewesen im Meer den Weltuntergang herbeiführen. Wenn wir Pech haben, verwandeln sich die Ozeane in Schleim. Habe ich das richtig wiedergegeben?
Antwort: Diese Schleimphänomene nehmen leider zu. Vor wenigen Jahren spielte sich in der Nordsee eine schreckliche Tragödie ab. Durch Überdüngung und einen warmen Winter haben die Wellen und Algen einen so gigantischen Schaumteppich geschlagen, dass eine Gruppe von Surfern und Schwimmern darin erstickt ist. Das war wie in einem Horrorfilm. Es gibt mehr Quallen und weniger Raubfische, die das ökologische Gleichgewicht kontrollieren, weniger Fische, die die Algen wegfressen – das alles führt dazu, dass wir immer mehr Probleme mit Schleim und Giftalgenblüten bekommen. Das Marmarameer ist schon an seinem eigenen Schleim erstickt, Boote konnten nicht mehr auslaufen. Die Wirklichkeit ist also manchmal schlimmer als die Szenen im „Schwarm“.
Frage: Das Schwarze Meer leidet auch darunter, dass gerade der Ukraine-Krieg tobt. Wie wirkt sich die Gewalt auf die Ökosysteme aus?
Antwort: Ich habe im Schwarzen Meer viel geforscht; es ist ein ganz besonderes Ökosystem. Weil es am Grund keinen Sauerstoff mehr hat, gibt es dort ganz besondere Mikrobenlandschaften. Die Methan fressenden Bakterien bilden dort richtige Schlote. Jetzt ist das Gebiet vermint, es gibt Schiffsunfälle, Öl läuft aus. Es wird nicht einfach sein, da irgendwann wieder aufzuräumen .
Sendetermine: „Der Schwarm“. Das ZDF zeigt die Miniserie in acht Folgen ab Montag, 6. März 2023, 20.15 Uhr. In der ZDF-Mediathek ist die internationale Koproduktion schon ab Mittwoch, 22. Februar 2023 zu sehen.