Hamburg  Eine künstliche Intelligenz hat einen Tag lang meine Lebensentscheidungen getroffen

Laura-Cäcilia Wolfert
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Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 04.03.2023 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Dieses Foto hat DALL-E erstellt, ein von OpenAI entwickeltes KI-Computerprogramm. Es soll unsere Autorin im KI-Weltraum darstellen. Foto: Dall-E / KI
Dieses Foto hat DALL-E erstellt, ein von OpenAI entwickeltes KI-Computerprogramm. Es soll unsere Autorin im KI-Weltraum darstellen. Foto: Dall-E / KI
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ChatGPT ist ein Chatbot, der auf Basis von künstlicher Intelligenz funktioniert. Das Modell soll mit Bing die „Suchmaschine der Zukunft“ bilden. Ganz unproblematisch ist das nicht, weiß eine Expertin. Ich habe ChatGPT trotzdem mein Leben bestimmen lassen – und sollte für meine Mittagspause in die USA fliegen.

„Hey, ich bin der intelligenteste virtuelle Gesprächspartner, den du jemals treffen wirst – es sei denn, du triffst auf eine außerirdische Lebensform, die noch intelligenter ist als ich. Aber das ist unwahrscheinlich, denn bisher hat noch niemand Kontakt mit Aliens aufgenommen, die bereit waren, sich auf ein intellektuelles Duell einzulassen.“ Diesen Einsteig hat ChatGPT geschrieben, eine künstliche Intelligenz. Wer das ist? Dafür reisen wir zurück:

Anfang Februar 2023 hat Microsoft eine neue Version seiner Suchmaschine Bing vorgestellt, die nun mit einer künstlichen Intelligenz ausgerüstet ist – einem Chatbot namens ChatGPT. Das ist eine Art Programm, dem man Fragen stellen und Aufgaben erteilen kann. ChatGPT wurde von Open AI entwickelt: ein US-amerikanisches Unternehmen, das seit 2015 an KI forscht. Die Hauptinvestoren sind Microsoft und Elon Musk. Microsoft selbst bezeichnet die Verbindung aus Bing und ChatGPT als „Suchmaschine der Zukunft“. Diese scheint so fortschrittlich zu sein, dass sogar Google unter Druck gerät.

Mit Google ist es vorbei, schreibt ein Twitter User und vergleich das Ergebnis von Google mit Chat GPT – letzteres scheint deutlich besser sein:

Nachdem Google am 8. Februar seine Entwicklungen vorgestellt hat, ist die Aktie (Alphabet Inc Class A) um mehrere Prozentpunkte abgerutscht. Der Marktführer verlor über 100 Milliarden US-Dollar an Wert. Warum der plötzliche Börsencrash? Google konnte bei der Präsentation, und vor allem in Sachen KI, nicht abliefern. Investoren waren (und sind es nach wie vor) skeptisch, ob Google mit der neuen Suchmaschine von Microsoft mithalten kann.

Ich habe getestet, wie gut ChatGPT wirklich ist – und was passiert, wenn eine künstliche Intelligenz einen Tag lang mein Leben bestimmt. Intellektuelles Duell in drei, zwei, eins – go!

Der Wecker klingelt, ich muss aufstehen –  soll ich das? ChatGPT gibt es bisher nicht als App, deswegen habe ich die Seite als Lesezeichen auf mein Smartphone gespeichert. Fortschrittlich ist das nicht. 

Ich tippe in den Chat:

Ich erspare Ihnen an dieser Stelle den ganzen Aufsatz. Die KI schreibt sehr lange Texte, ich werde im Laufe dieses Artikels die Antworten nur gekürzt wiedergeben. 

Ich stelle mir die Wecker-App auf eine halbe Stunde Schlummern, dann stehe ich auf. 

Ich entscheide mich für Hula-Hoop. 

Bei meinen nächsten Entscheidungen hilft mir die KI nur bedingt. Das ständige Tippen und Lesen kostet mich viel Zeit – ich komme defitinitv zu spät zur Arbeit. Kaffee oder Tee? Duschen oder nicht duschen? „Das hängt von Deinen persönlichen Umständen und Vorlieben ab“, schreibt Chat GPT. Meine persönlichen Umstände sagen mir, ich sollte duschen. 

Ich starte für diesen Morgen einen letzten Chat-GPT-Frage-Versuch und will wissen, ob sich Schwarzfahren lohnt.

Na gut, ich kaufe mir ein Ticket – die künstliche Intelligenz macht mich zu einem besseren Menschen. Werde ich kontrolliert? Nein.

Normalerweise bin ich um 8.15 Uhr im Büro, heute um 9.40 Uhr – viel zu spät.  Das muss besser klappen, ich möchte mit ChatGPT effizienter arbeiten. Lisa Gotzian soll mir helfen. Die 28-Jährige arbeitet als Expertin für KI bei Lufthansa Industry Solutions. Am Telefon erklärt sie mir, dass eine KI ein Modell ist, dass mit vielen Daten lernt und mit jedem Datum, das es bekommt, besser wird. „Es verarbeitet im großen Umfang Input und kann diesen replizieren, beziehungsweise davon Kombinationen bilden“, sagt sie. „Man muss sich das so vorstellen: ChatGPT hat alle Inhalte des Internets gelesen und kann daraus neue Texte generieren. “

Plötzlich siezt mich ChatGPT wieder. Die künstliche Intelligenz hat wohl das Gedächtnis eines Goldfischs. Mit ihr zu chatten fühlt sich so an, wie mit dem Kundenservice von Ikea zu interagieren. Auch hier gibt es einen Chatbot, der mir bei Fragen helfen soll. Er hat sogar einen Namen, Anna. 

Anna und ChatGPT, das sind beides Sprachmodelle. Lisa Gotzian unterscheidet sie aber wie folgt: „Modell 1 kann den richtigen Text, beziehungsweise eine bereits hinterlegte Antwort, auswählen. Was wir aktuell bei ChatGPT sehen, ist Modell 2: Das wählt keine vorgefertigten Texte aus, sondern schreibt und generiert sie neu – im Dialog mit dem User.“  

Klingt so, als müsste ich mit ChatGPT nur mehr schreiben. Vielleicht kann das Modell irgendwann meinen Job übernehmen, sogar diesen Text für mich tippen? 

Das sind 582 Zeichen ohne Leerzeichen, zu viel. Wie kann es sein, dass die KI einen ganz neuen Text verfassen kann – aber nicht in der Lage ist, die Wörter zu zählen? Lisa Gotzian erklärt, das Model habe ein starkes semantisches Verständnis. Technisch gesehen passiere dabei Folgendes: „Worte werden in einem großen, dimensionalen Raum als Richtungen präsentiert – in der Schule hätte man vermutlich Vektoren gesagt. Das Modell schaut dann, welche Wörter nah beieinander liegen“, sagt die Expertin.

Die andere Aufgabe mit den 250 Zeichen sei wiederum keine semantische, also keine sprachliche Aufgabe. Das Verständnis von Zahlen sei da, scheint aber nicht so trainiert wie das von Wörtern. 

Das Schreiben macht mich hungrig.

Um Punkt zwölf Uhr stehe ich auf. Wo soll ich Mittagessen gehen? „Man erhofft sich bei dem Experiment eine Meinung. ChatGPT ist aber so trainiert worden, dass es neutral antwortet“, sagt Lisa Gotzian. „Mit ein paar Tricks kommt man allerdings weiter. Wenn man logische Antworten haben will, muss man auch den logischen Teil triggern. Dann schreibt man beispielsweise: argumentiere logisch. Ansonsten hilft das Wort Bitte erstaunlicherweise.“

Der nächste Yomaro Frozen Yogurt ist 2,2 Kilometer entfernt und laut Google Maps vorübergehend geschlossen. Sawa Sushi liegt in den Vereinigten Staaten, Littleton – ich bräuchte mit dem Flugzeug 12 Stunden und 50 Minuten. So lange ist meine Mittagspause leider nicht. Auch die anderen Empfehlungen sind zu weit entfernt oder geschlossen. 

Ob die Suchmaschine Bing meine Anfrage besser beantworten kann? Das kann ich nicht testen, ich muss mich per Mail auf eine Warteliste setzen lassen. Das ist bei ChatGPT übrigens nicht anders: Das Programm ist aktuell so beliebt, dass die Seite oft nicht mehr erreichbar oder überlastet ist. Ich nutze für mein Experiment die kostenpflichtige ChatGPT Plus-Version für 20 US-Dollar, umgerechnet 18,84 Euro im Monat.

Eigentlich hat Bing ChatGPT gewissermaßen eingebunden, deswegen sollte es dieselben Vorschläge ausspucken. „Macht es aber nicht“, weiß Lisa Gotzian. „Während ChatGPT sich korrigieren lässt, wenn ein Fehler vorliegt, gibt Bing nicht klein bei. Anscheinend ist es das gleiche Sprachmodell – nur quasi mit einer anderen, etwas sturen, Persönlichkeit. Ich wundere mich, dass Bing noch online ist.“ 

Das Programm ist mir keine Hilfe. ChatGPT scheint wie dieser eine Freund zu sein, der immer sagt: „Mir egal, entscheide du.“ Noch schlimmer: Dieser Freund entpuppt sich als nicht sonderlich zuverlässig:

Annegret ist ein Mann – und Verteidigungsminister? Die KI hat in den letzten Monaten wohl zu wenig Zeitung gelesen. 

Die Software ist wissenstechnisch auf dem Stand von 2021. Ich frage mich: Was passiert, wenn Leute, die anfällig für Fake News sind, dieses Modell nutzen? Besteht die Gefahr, dass mit Chat GT eine neue Generation von Verschwörungstheoretikern heranwächst? 

Lisa Gotzian sagt dazu: „Wenn man bestimmte Wörter verwendet, triggert man verschiedene Teile des Modells. Wenn ich beispielsweise Formulierungen verwende, die sonst nur ein Verschwörungstheoretiker benutzt, wird es vermutlich auch in Verschwörungstheoretiker-Formulierungen antworten.“

Die 28-Jährige erklärt weiter: „Die KI hat in dem Sinne aber keinen moralischen Kompass. Open AI, das Unternehmen von ChatGPT, hat am Anfang und am Ende des Sprachmodells zwar eine Art Prüfungsebene, die checkt, ob etwas Schlimmes oder Illegales verfasst wird – beispielsweise, ob eine Nazi-Referenz mit drin ist. Das muss man trotzdem mit Vorsicht genießen.“

Spannend: Ein paar Tage nach meinem Experiment antwortet ChatGPT anders, das Modell lernt tatsächlich schnell dazu.

Wie sich ChatGPT entwickelt, sei unvorhersehbar. Seit Anfang Januar versucht Lisa Gotzian, sich jeden Tag upzudaten und zu verstehen, wie sich das Modell entwickelt – und trotzdem überrascht ChatGPT mit Sachen, die es auf einmal kann. „Ich kann behaupten, dass auch ein Elon Musk und auch die Leute von Open AI noch nicht ganz verstanden haben, wozu das Modell in der Lage ist. Das macht es gefährlich“, sagt sie. 

Es gab wohl den Ansatz einer Expertenrunde – die schlausten Köpfe der Welt sollten sich zusammensetzen, die KI gemeinsam regulieren und verstehen. Open AI sei unter anderem aus diesen Leuten hervorgegangen. Das Unternehmen habe die Experten-Treffen aber irgendwann privatisiert und sich mit Menschen wie Elon Musk zusammengetan. „ChatGPT hat [Stand März 2023] einen Monopol-Stellenwert“, sagt Gotzian. „Das Wissen dazu wird von Open AI nicht geteilt. Das sehen viele Experten, auch ich, kritisch.“

Feststeht: Open AI entwickelt den Chatbot trotzdem weiter. ChatGPT 4 (aktuell lautet die Version ChatGPT 3.5) soll unter anderem Videos produzieren können, die Fehleranfälligkeit reduzieren und in Microsoft-Produkte wie Word integriert werden. „Wir haben als Gesellschaft die Aufgabe, uns zu überlegen, wie wir das regulieren wollen “, sagt Lisa Gotzian. 

Ich fühle mich in der Verantwortung, das Experiment zu beenden. Okay, zugegeben – das Modell nervt mich auch ein bisschen mit seiner „Ich kann dir keine richtige Antwort geben“-Attitüde. Noch wahrscheinlich ist aber: Meine Fragen und Antworten sind für die KI zu dumm. Schließlich hat ChatGPT laut dem ZDF sogar schon eine Jura-Prüfung in Minnesota bestanden. Mein Selbstversuch zeigt: ChatGPT ist nicht für Spielereien gedacht, sondern für Experten, die wissen, wie man mit KI arbeitet. Das müssen wir als Gesellschaft erst noch lernen.

Trotzdem, ein Scherz zum Schluss:

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