Ostfriesenverein in Berlin „Dit un Dat up Platt“ in der Hauptstadt
In Berlin gibt es einen Ostfriesenverein – und zwar schon seit fast 100 Jahren. Was treibt die Mitglieder an?
Berlin/Ostfriesland - Verspürt der im Berliner Stadtteil Hermsdorf lebende 88 Jahre alte Weert Flemmig Heimweh nach Ostfriesland, dann zieht es ihn in die Kirche. Genauer gesagt in die Kreuzkirche in Schmargendorf, wo der Berliner Ostfriesenverein viele seiner geselligen Veranstaltungen abhält. Jüngst traf man sich dort zum Grünkohlessen. Dabei ist der ehemalige Oberkonsistorialrat, dem man sein hohes Alter nicht ansieht und der ein fabelhaftes Gedächtnis hat, „landschaftlich ein Mischling“, wie er selbst sagt. In Sachsen geboren, kam Flemmig als Junge zu seinen Verwandten nach Firrel, dem Geburtsort seiner Mutter. Der Hochdeutsch sprechende junge Mann verstand am Anfang kein Wort, im Ort wurde nur plattdeutsch gesprochen.
Flemmig machte sein Abitur in Leer, studierte dann Theologie an der Augustana-Hochschule in Bayern, lernte vier Semester Latein, Griechisch und Hebräisch. Nach dem Examen in Göttingen folgte der Dienst in der Hannoverschen Landeskirche – von 1965 bis 1969 in Marx und Etzel im Landkreis Wittmund. Zu den dortigen Kirchengemeinden pflegt der 88-Jährige noch heute enge Beziehungen. Schließlich kam der Pfarrer nach Berlin, unterrichtete an der Kirchlichen Hochschule Religionspädagogik, war Geschäftsführer des Diakoniekrankenhauses Paul Gerhard-Stift und machte als kirchlicher Publizist von sich reden. Zu seiner ostfriesischen Heimat und den dortigen Verwandten verspürt er immer noch herzliche Verbundenheit.
Mitglieder bieten Plattdeutschkurse an
„Zuhause ist, wo man auch am Abend Moin sagt“ wissen die Ostfriesen. Weil die Heimatverbundenheit bei ihnen besonders groß ist, gibt es in mehreren deutschen Städten Ostfriesenvereine – natürlich auch in der Bundeshauptstadt. Das Ziel des noch knapp 90 Mitglieder umfassenden Berliner Vereins ist es, „die Verbundenheit aller Ostfriesen und Freunde Ostfrieslands zu fördern“ sowie die „ostfriesische Sprache“ und die „Geschichte, Sitte und Kultur zu pflegen“. So bietet die Organisation auch Lektionen in Plattdeutsch unter dem Titel „Dit un Dat up Platt“ an, wobei potenziellen sprachunkundigen Berlinern selbstverständlich Assistenz geleistet wird.
In drei Jahren wird der Verein 100 Jahre alt. Zur Geschichte: 1926 haben sich von Heimweh geplagte ostfriesische Handwerker zusammengeschlossen. Sie stöberten im Berliner Telefonbuch nach Vornamen mit ostfriesischem Klang, gewannen rasch Hunderte von Mitgliedern, entwickelten sich zunächst prächtig, verloren aber in der Nazi-Diktatur und im Krieg viele Landsleute. Dass die Gemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg als Tradition und Folklore pflegende Organisation und nicht als militaristisches Überbleibsel angesehen und für Groß-Berlin zugelassen wurde, verdankte sie vor allem dem legendären Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter. Der im schleswig-holsteinischen Apenrade geborene Sozialdemokrat hegte große Sympathien für die Ostfriesen, hatte er doch 1907 sein Abitur am Gymnasium in Leer gemacht. Sein Vater war 1892 Leiter an der Steuermannsklasse der Navigationsschule in Leer geworden. Ernst Reuter wurde zum prominentesten Mitglied des Ostfriesenvereins.
Viele Mitglieder im Rentenalter
Wo steht der Verein heute? Ich treffe die 77 Jahre alte Vorsitzende Margarete Rüffer und ihren Vorgänger, den in Jever aufgewachsenen Diplom-Wirtschaftsingenieur Edmund Krahn, bei einer Tasse Tee mit Kluntje und Keksen. Natürlich sei der Verein etwas in die Jahre gekommen, zwei Drittel der Mitglieder seien im Rentenalter, manche seien nach der Pensionierung wieder nach Ostfriesland gezogen, doch es gebe auch immer wieder Zuwachs durch jüngere Mitglieder, gibt sich das Duo hoffnungsfroh.
Die Vereinschefin selbst ist in Norden geboren, lebt aber schon seit Jahrzehnten in Berlin, wo sie eine kleines, inzwischen verkauftes Unternehmen hatte. Krahn hat sich vor mehr als einem Jahrzehnt im Ruhestand dem Verein angeschlossen. Zusammen mit der stellvertretenden Vorsitzenden Elvira Neunaber bilden beide die Führung. Zu den Höhepunkten des Veranstaltungsprogramms gehört das jährliche Grünkohlfestessen. Von besonderer Attraktivität sind die regelmäßigen Boßel-Angebote auf dem Tempelhofer Feld. Bei klirrender Kälte treffe ich in den ersten Februartagen vor allem Frauen, die ihre Kugel mit möglichst wenigen Würfen ins Ziel bringen wollen. Boßelwart Heinz-Günter Onken ist besonders stolz auf eine Karte zur Wurfstrecke am Eingang des Tempelhofer Feldes. Einmal im Jahr, am 1. Mai, gibt es ein „Wanderboßeln“ im Berliner Umland und alle zwei Jahre treffen sich Butenostfriesen aus ganz Deutschland in ihrer Heimat – zum Beispiel in Emden oder Wiesmoor.
Boßeln im Berliner Norden
Der ostfriesische Nationalsport Boßeln zieht vor allem jüngere Mitglieder an. So sucht man den Kontakt zu entsprechenden Sportvereinen in Ostfriesland, bietet Wettkämpfe auf der Wurfstrecke im Berliner Norden an. Einmal im Monat treffen sich die Mitglieder zum Klönen in der Kirche in Schmargendorf, bei besserem Wetter werden Fahrradtouren mit Spargelessen in der Mark Brandenburg oder Schiffsausflüge durch die Seenlandschaft in der Berliner Umgebung veranstaltet. Im September trifft man sich zum Grillen, im November erinnert man sich an Martini, am ersten Advent gibt es einen plattdeutschen Gottesdienst und im Dezember eine Weihnachtsfeier mit Verknobelung.
Mit der Akquise neuer Mitglieder tut man sich schwer, weil Informationen über Zugezogene aus Ostfriesland nur schwer zu erhalten sind. So setzt man auf die Darstellungen im Internet und eine im Rhythmus von zwei Monaten erscheinende Postille. Ein Leuchtturm ziert den Willkommensgruß für neue Mitglieder. Mit der Botschaft „Weit ist die Heimat wie das Land, doch wir sind hier“ wird die Brücke zwischen Berlin und Ostfriesland geschlagen.