Kolumne „Intern“  Warum der Vorwurf der „Lügenpresse“ nicht zutrifft

Joachim Braun
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Eine Kolumne von Joachim Braun
| 03.03.2023 09:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
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Unsere Gesellschaft hat ein Problem. Unterschiedliche Meinungen werden nicht akzeptiert und diskutiert, stattdessen werden Andersdenkende beschimpft. Das betrifft auch unsere Redaktion.

Da war es wieder, in einer Mail, das böse Wort von der „Lügenpresse“ und dazu noch der Vorwurf von den „Mainstream-Medien“. Nicht, dass uns das jetzt besonders beeindrucken würde, dazu werden wir zu oft in dieser Weise beschimpft. Nein, was daran immer wieder irritiert, ist das Demokratie-Verständnis der Absender. Oder auch die Selbsterkenntnis, dass wir Journalisten unsere Rolle in der Demokratie nicht gut genug erklären.

Zur Person

Joachim Braun (57) ist Chefredakteur der Ostfriesen-Zeitung, des General-Anzeigers und der Borkumer Zeitung. Davor leitete er die Redaktionen der Frankfurter Neuen Presse und des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth. 2012 wurde er von einer Fachjury zu Deutschlands „Regional-Chefredakteur des Jahres“gewählt.

Die Medien in Deutschland sind frei. Auch unsere Redakteure können frei ihre Meinung äußern. Weder der Geschäftsführer, noch ich als Chefredakteur nehmen inhaltlich Einfluss auf Kommentare der Mitarbeiter. Als redaktionell Verantwortlicher dürfte ich dies tun, würde es aber niemals, denn eine Redaktion funktioniert nur dann gut, wenn sich die Autoren nicht gegängelt oder verbogen fühlen und wenn wir dazu die ganze Breite des (demokratischen) Meinungsspektrums darstellen.

Unser Anspruch ist es, ein Abbild der Gesellschaft zu sein. Tatsächlich sind wir dies nur zum Teil, weil viele Minderheiten bei uns nicht vertreten sind, Menschen mit Migrationsgeschichte zum Beispiel oder auch Transsexuelle und es gibt nur wenige Bauernkinder. Dafür ist die bürgerliche Mitte sehr stark und der Akademikeranteil hoch. In Anbetracht unserer Leserschaft muss dies aber kein Problem sein.

Hinter dem Begriff Mainstream-Medien steckt die Behauptung, wir würden alle das Gleiche schreiben (und obendrein das, was die „Regierung“ will). Und „Lügenpresse“, gerne auch durch „links-grün“ ergänzt, soll vermitteln, dass wir die Wahrheit so lang verbiegen, bis sie uns passt. Das ist alles Quatsch!

Nehmen wir das jüngste „Friedensmanifest“ von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer. Tatsächlich halte ich es für in der Sache falsch und in der Form problematisch. Trotzdem berichten wir darüber, wir kommentieren es - und wir weisen daraufhin, dass die beiden Aktivisten jedes Recht haben, diese Meinung zu vertreten und dafür nicht persönlich angefeindet zu werden.

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