Emder Innenstadtentwicklung  Verkehrsexperiment Neutorstraße beendet – so geht es weiter

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 28.02.2023 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Dieses Bild zeigt das grobe Prinzip, wie es künftig an der Neutorstraße aussehen soll. Aber: Geht es nach der Verwaltung, soll alles einheitlich gepflastert und ebenerdig sein. Foto: Stadt Emden
Dieses Bild zeigt das grobe Prinzip, wie es künftig an der Neutorstraße aussehen soll. Aber: Geht es nach der Verwaltung, soll alles einheitlich gepflastert und ebenerdig sein. Foto: Stadt Emden
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Die Stadt Emden will den Verkehr in der Innenstadt neu regeln. Nach den Experimenten in der Neutorstraße gibt es nun einen Vorschlag für die Zukunft.

Emden - Sie sorgten für viele Diskussionen in Emden: Die immer wieder neu gedachten und neu aufgemalten Verkehrs-Experimente in der Neutorstraße. Mal durften Autos durch, mal nicht; mal in die eine Richtung, mal in die andere Richtung. Nach dreieinhalb Verkehrsexperimenten hat Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) nun ein Fazit gezogen – und zusammen mit der Verwaltung einen Vorschlag für die Zukunft erarbeitet.

Was und warum

Darum geht es: Die Stadt Emden findet, dass eine reine Fahrradstraße die beste Variante für die Neutorstraße ist, beugt sich aber der Realität und schlägt eine Mischvariante vor.

Vor allem interessant für: Verkehrsteilnehmer in Emden

Deshalb berichten wir: Die Stadt hat aus den Verkehrsexperimenten einen Vorschlag für die künftige Gestaltung der Neutorstraße entwickelt. Dieser wurde am Dienstag vorgestellt.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Erklärtes Ziel der Stadt Emden ist es, die trennende Wirkung der Neutorstraße, die die beiden Teile der Fußgängerzone und der Innenstadt voneinander abgrenzt, abzumildern oder perspektivisch ganz aufzuheben. Das Problem: Mit starkem Verkehr, vor allem motorisierter Natur, funktioniert das nicht. Deswegen experimentierte die Verwaltung seit August 2021 mit geänderten Verkehrsführungen. Das Fazit: Eine reine Fahrradstraße sei die „beste Lösung zur Erreichung der Ziele autoarme Innenstadt und mehr Aufenthaltsqualität“, die Einbahnregelung in Richtung Norden, das erste Verkehrsexperiment, war die schlechteste Lösung.

Einbahnstraße und mehr Platz für Fahrräder

Das bedeutet aber nicht, dass die Neutorstraße künftig eine reine Fahrradstraße wird. „Das ist aktuell einfach nicht umsetzbar“, so Kruithoff bei der Vorstellung der Pläne am Dienstag. Die zusätzliche Verkehrsbelastung für die angrenzenden Stadtteile sei im Versuchszeitraum zu hoch gewesen, was zum Teil aber auch an den Autofahrern gelegen habe. „Eine Umfahrung der Innenstadt etwa über die Autobahn wird nur bedingt genutzt“, heißt es im Fazit. Um die Neutorstraße zu einer reinen Fahrradstraße zu machen, seien „massive Änderungen des Verkehrsverhaltens erforderlich“, vor allem bei Autofahrern sei dies ein „langer Prozess“. Die Verkehrsexperimente hätten aber eindeutig gezeigt, dass bei keiner Variante das Verkehrssystem besonders stark belastet wurde oder gar zusammengebrochen wäre.

So bewertet die Stadt die verschiedenen Verkehrsexperimente

Es handelt sich dabei um die unverändert übernommenen Passagen aus der Pressemitteilung der Stadt.

Variante 1 – Einbahnstraße Süd -> Nord (Aug. 2021 bis Dez. 2021): Diese Variante 1 stellt eine ungünstige Verkehrsführung dar, da die Quell-, bzw. Zielverkehre vertauscht sind. Die Hauptströme sind tatsächlich aus Harsweg in Richtung Borssum. Daraus resultierte eine deutliche Zunahme des Verkehrs auf der Achse Friedrich-Ebert-Straße – Nordertorstraße in Nord-Süd Richtung und hatte lange Rückstaus in den Kreuzungen Agterum und Zwischen beiden Bleichen zur Folge. Gerade die unübersichtliche Kreuzungssituation Agterum stellte ein erhöhtes Gefahrenrisiko dar. Auch die mittig geführte Radspur hatte Unsicherheiten bei allen Verkehrsteilnehmern zur Folge. Insbesondere die Abbiegesituation für Radfahrende war ungünstig, da auf entgegenkommenden PKW Verkehr gewartet werden musste. Festzustellen ist deshalb, dass diese Variante 1 keinen substanzieller Mehrgewinn für den öffentlichen Raum aufgrund des Süd-Nord Verkehrs darstellte und kaum einen substanzieller Mehrgewinn an Fläche für den Radverkehr aufgrund der Abbiegespuren Kreuzung Agterum bedeutete. Ein Verschwenken der Fahrspur bedeutete zwar einen Platzgewinn auf westlicher Seite, während das Erweiterungspotenziale für den öffentlichen Raum aber vor allem auf der östlichen Seite (Arkaden) liegt. Positiv ist aber festzustellen, dass es eine Reduzierung der PKWs durch Einbahnstraßenregelung gab und die erweiterbare Fläche für den öffentlichen Raum am Stadtgarten vorhanden wäre.

Dennoch werden sich Autofahrer künftig umgewöhnen müssen. Wie Stadtbaurätin Irina Krantz und Stadtplaner David Malzahn zusammen mit Kruithoff erklärten, bevorzugt die Verwaltung die folgende Zukunft für die Neutorstraße: eine Einbahnstraßenregelung für Autos in Richtung Norden (also von der Seite Agterum aus darf man in die Neutorstraße einfahren) mit extra breiten Fahrradschutzstreifen links und rechts der Fahrbahn. Außerdem soll die komplette Neutorstraße in Klinker gepflastert werden, um ein einheitliches Aussehen mit den weiteren Neugestaltungen in der Fußgängerzone zu schaffen. Auch der „Galerie“ genannte Teil soll neu gestaltet werden. So der Plan.

Mehr öffentlicher Raum und weniger Geschwindigkeit

Die Neutorstraße soll durch die neue Pflasterung auf eine Höhe gebracht werden, so dass der Bereich ebenerdiger wird als es jetzt der Fall ist. Dadurch würden an den Zuwegungen aber auch Erhöhungen entstehen. Beides würde die Neutorstraße dann „deutlich von den anderen Straßen abheben“, so Malzahn. Auch dadurch sollen die Autofahrer darauf hingewiesen werden, dass sie sich hier anders verhalten müssen als gewohnt – und vor allem den Radfahrern gegenüber untergeordnet sind. Wer mit dem Rad unterwegs ist, darf nämlich weiterhin in beiden Richtungen unterwegs sein und das auf getrennten Schutzstreifen.

So bewertet die Stadt die verschiedenen Verkehrsexperimente

Es handelt sich dabei um die unverändert übernommenen Passagen aus der Pressemitteilung der Stadt.

Variante 2 – Einbahnstraße Nord -> Süd (Fahrrad wird an den Seiten geführt (Maximalbreite): Die Variante 2 führt dazu, dass für den Radverkehr zwar mehr Platz vorhanden ist, jedoch auf Kosten des öffentlichen Raumes, weil es dann keine Erweiterungsmöglichkeiten der Randbereiche unter den Arkaden gibt. Außerdem ist festzustellen, dass es mehr Autoverkehr gibt, als bei den Fahrradstraße-Varianten (V3 / V3+). Positiv ist auf jeden Fall die klare Trennung zwischen Rad- und PKWs und die durchgängig konstante und gewohnte Führung des Radverkehrs im Seitenbereich (keine Umgewöhnung der Radfahrroutine), was zu einem erhöhten subjektiven Sicherheitsempfinden bei Radfahrenden führte. Neben der Reduzierung der PKWs durch diese Einbahnstraßenregelung kam es nur zu einer geringen Zunahme des Verkehrs auf der Achse Friedrich-Ebert-Straße – Nordertorstraße. Darüber steht bei dieser Variante die gesperrte Geradeausspur Faldernstraße für eine alternative Nutzung zur Verfügung (Rathaus / Landesmuseum / Goldener Adler etc.).

Die Schutzstreifen für Fahrräder sollen links und rechts der Pkw-Fahrbahn liegen und eine Breite von mindestens 1,5 Metern haben, im besten Fall sogar zwei Meter breit sein. So könnte man auch Lastenrädern eine bessere Durchfahrt ermöglichen. Durch den Wegfall einer ganzen Pkw-Fahrbahn könne man zudem „zusätzlich je nach Querschnitt mindestens 1,50 bis zu drei Meter als Erweiterungsfläche für den öffentlichen Raum auf der östlichen Straßenseite der Neutorstraße (Arkaden)“ gewinnen, so Krantz.

Für Autofahrer sollen zudem Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten. Geht es nach der Verwaltung, soll die Neutorstraße als „verkehrsberuhigter Geschäftsbereich“ ausgewiesen werden. Hier könnte die Stadt zwischen 10 und 30 Kilometer pro Stunde als Geschwindigkeit festlegen. Außerdem sollen elektrisch hochfahrende und absenkbare Poller, ähnlich wie die am Neuen Markt, installiert werden. So könnte die Neutorstraße beispielsweise bei größeren Veranstaltungen in der Innenstadt komplett für den motorisierten Verkehr gesperrt werden. Ob die Poller oben oder unten sind, soll über ein Verkehrsleitsystem möglichst frühzeitig bekannt gegeben werden.

Bürger können sich am Montag informieren

Aktuell besteht die Planung noch aus viel „soll“. Das liegt daran, dass unter anderem die Politik noch zustimmen muss. Den Parteien sei der Vorschlag erstmals am Montagabend im nicht-öffentlichen Verwaltungsausschuss vorgestellt worden. Im Stadtentwicklungsausschuss am kommenden Dienstag, 7. März, steht dann der Nahverkehrsplan auf der Tagesordnung und auch die Ideen für die Neutorstraße sollen dort erstmals öffentlich beraten werden.

Zuvor hat die Stadt aber noch kurzfristig einen Informationsabend für Bürgerinnen und Bürger anberaumt. Dieser findet am kommenden Montag, 6. März, ab 18.30 Uhr im VHS-Forum statt. Der Abend soll auch live ins Internet übertragen werden. Hier sollen auch noch Anregungen aus der Bevölkerung entgegengenommen werden.

So bewertet die Stadt die verschiedenen Verkehrsexperimente

Es handelt sich dabei um die unverändert übernommenen Passagen aus der Pressemitteilung der Stadt.

Variante 3 – Unechte Fahrradstraße. (Fahrräder und PKWs werden auf einer gemeinsamen Spur geführt): Ein großer Sicherheitsmangel dieser Variante ist es, dass der Vorrang der Radfahrenden von den PKWs nicht beachtet wird. Es kam deshalb vermehrt zu hohen Geschwindigkeiten der PKWs bei Überholvorgängen von Fahrradfahrenden (gesteigertes Gefahrenpotenzial). Es wird oft trotz Überholverbot bei nicht einhaltbarem Mindestabstand von 1,5 m zu Radfahrenden überholt. Für eine Fahrradstraße sind darüber hinaus zu viele Querungsmöglichkeiten, also Zebrasteifen vorhanden, die nachteilig für eine stetige Verkehrsführung sind.

Ein Miteinander der verschiedenen Verkehrsteilnehmenden in Süd-Nord Richtung funktioniert nur bedingt. Der Verkehrsraum wird nicht geteilt und Fahrradfahrende weichen in die Seitenbereiche aus. Das Rechtsfahrgebot wird von den PKWs konsequent ignoriert. Zu Verkehrsspitzenzeiten ist eine Beeinträchtigung vor allem der Süd-Nord Radverbindung Richtung Harsweg festzustellen.

Die Vorteile dieser Variante 3 ist tatsächlich die große Aufstell- bzw. Erweiterungsflächen auf der östlichen Seite (Arkaden), die dazu führt, dass die Parklets sehr gut genutzt wurden. Eine Reduzierung der PKWs durch Einbahnstraßenregelung ist ebenfalls hervorzuheben. Die Notwendigkeit von gegenseitiger Rücksichtnahme führt (bedingt) zu Lerneffekten bei den Verkehrsteilnehmern. Konkrete Vorfälle oder Unfälle sind weder der Polizei noch der Straßenverkehrsbehörde bekannt.

Als nächstes: Parkplätze

Zu den Kosten der Umgestaltung ist derweil noch nichts bekannt. man wolle über das Städtebauförderprogramm möglichst einen Großteil der Kosten abfedern. Aktuell warte die Stadt noch auf einen Förderbescheid, aber die Signale seien positiv. Zwei Drittel der förderfähigen Kosten könnten so aufgefangen werden. „Da haben wir dann trotz klammen Haushalts etwas Spielraum“, so Krantz.

Die genaue Gestaltung der Neutorstraße soll, wenn der Vorschlag der Stadt von der Politik so angenommen wird, über einen Wettbewerb ermittelt und anschließend im Gutachterverfahren umgesetzt werden. Es sei zwar „sportlich“, aber man wünsche sich einen Abschluss der Umbauarbeiten bis spätestens Mitte 2025. Sobald man genau wisse, wohin die Reise geht, sollen auch die Verkehrsteilnehmer schon auf die bevorstehenden Veränderungen vorbereitet werden.

Sobald die Neugestaltung der Neutorstraße auf den Weg gebracht ist, will sich die Stadt dem Thema Parken widmen. Auch weitere Verkehrsexperimente stehen auf der Agenda. Spätestens sobald Klarheit über die Trogstrecke bestehe, wolle man mit Verkehrsversuchen im Bereich „Am Delft“ und Rathausplatz starten. „Das alles steht unter der Vision einer möglichst autoarmen Innenstadt mit hoher Aufenthaltsqualität“, so Kruithoff.

So bewertet die Stadt die verschiedenen Verkehrsexperimente

Es handelt sich dabei um die unverändert übernommenen Passagen aus der Pressemitteilung der Stadt.

Variante 3+ – Echte Fahrradstraße (Sperrung für PKWs – Beobachtungen während Baumaßnahmen und Volksfesten): Folge dieser Variante 3+ ist eine erhöhte Belastung der angrenzenden Stadtteile durch Nahbereichsausweichverkehre. Eine Umfahrung der Innenstadt etwa über die Autobahn wird nur bedingt genutzt. Positive Effekte sind von daher erst durch eine massive Änderung des Verkehrsverhaltens erreichbar und bedeutet einen langen Lernprozess insbesondere bei den PKW-Fahrern. Auch würden weiterführende verkehrsmindernde Maßnahmen in den angrenzenden Quartieren notwendig sein, die die Akzeptanz für diese Variante 3+ erheblich mindern würde.

Festzustellen ist aus der Sicht der Verwaltung, dass die Variante 3+ die beste Lösung zur Erreichung der Ziele einer autoarmen Innenstadt und zu mehr Aufenthaltsqualität führen würde, weil sie enorme Vorteile bieten würde: Ein sicheres Radfahren ohne Lärm-, Staub- und Luftbelastung. Ein Mehr an öffentlichen Raum und Aufstellflächen wäre die Folge. Darüber hinaus wäre die Achse Stadtgarten/Brückstraße für Fußgänger stark verbessert. Der Verkehrsfluss der Straße Am Delft/Faldernstraße würde sich verbessern, da es keine Abbiegebeziehung mehr gäbe. Diese Variante hätte eine enorme Pro-Signalwirkung für den Rad- und Fußverkehr.

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