ADFC-Foto des Monats Wanderweg bremst Radfahrer immer noch aus
Nicht der Radfahrer soll warten, sondern der Autofahrer: So sieht es der Masterplan Radverkehr für den Ostfriesland-Wanderweg in Aurich vor. Von der Theorie zur Praxis ist es ein weiter Weg.
Aurich - Blockierte Durchfahrten, unsinnige Schilder, marode Wege: Mit dem „Foto des Monats“ weist der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Aurich auf Missstände beim Thema Radverkehr hin. Aber auch positive Beispiele sollen mit der Initiative, die diese Zeitung journalistisch begleitet, dargestellt werden. Der ADFC möchte damit der öffentlichen Debatte über eine bessere Fuß- und Radverkehrs-Infrastruktur Impulse geben und zu Verbesserungen beitragen.
Im Foto des Monats März geht es um den Ostfriesland-Wanderweg. Auf der ehemaligen Kleinbahnstrecke sollen Radfahrer möglichst Vorfahrt bekommen. So steht es im Masterplan Radverkehr 2030, den der Auricher Rat 2019 beschlossen hat. Es dauerte gut drei Jahre, bis das zumindest teilweise verwirklicht wurde. Seit dem vergangenen Herbst haben Radfahrer an vier Stellen im Gewerbegebiet Schirum, wo der Wanderweg städtische Straßen kreuzt, Vorrang. Das ist durch „Vorfahrt achten“-Schilder und Markierungen auf der Straße kenntlich gemacht. Autofahrer müssen also neuerdings anhalten, um Radfahrer passieren zu lassen – nicht umgekehrt.
„Es geht um eine sichere Querung“
Der Grünen-Ratsherr Reinhold Mohr hatte das im vergangenen Jahr durch einen Vergleich veranschaulicht: Für Radfahrer sei der Ostfriesland-Wanderweg wie eine Bundesstraße für Autofahrer. Dennoch würden sie dort durch unsinnige Vorfahrtsregeln permanent ausgebremst. „Niemand käme auf die Idee, einem Feldweg gegenüber einer Bundesstraße Vorrang zu gewähren.“
Nach und nach prüft die Stadt in Zusammenarbeit mit der Polizei, dem Landkreis und der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr rund 40 Stellen im Stadtgebiet, an denen der Wanderweg städtische Straßen kreuzt. Ob die Vorfahrtsregelung geändert wird, muss für jeden Einzelfall entschieden werden. „Es geht um eine sichere Querung“, sagt Ordnungsamtsleiter Helmut Lücht. Wo die Sicht beispielsweise durch Hecken zu stark eingeschränkt sei, werde man die Vorfahrtsregelung nicht ändern.
Tauziehen um Popenser Straße
Dem ADFC geht das alles nicht schnell genug. Albert Herresthal vom Vorstand des ADFC-Kreisverbandes Aurich kritisiert unter anderem, dass an der neu gestalteten Popenser Straße der Ostfriesland-Wanderweg nach wie vor nicht bevorrechtigt ist, obwohl der Knotenpunkt baulich umgestaltet wurde. Der Wanderweg ist an dieser Stelle rot markiert und höher gelegt. Allerdings hat die Popenser Straße auch Schutzstreifen für Radfahrer erhalten. Durch Verkehrszählungen will die Stadt herausfinden, wo mehr Fahrräder unterwegs sind: auf der Popenser Straße oder auf dem Wanderweg. Davon hängt ab, welche Route Vorfahrt bekommt. Das Ergebnis der Zählungen werde man im März oder April analysieren und dann entscheiden, sagt Lücht.
Nicht allen Radfahrern ist es geheuer, dass sie auf dem Ostfriesland-Wanderweg neuerdings Vorfahrt haben. Manche trauen sich nicht, einfach durchzufahren. Sie sind es gewohnt, an jeder kreuzenden Straße anzuhalten und nach rechts und links zu schauen, ob ein Auto kommt. Polizei-Pressesprecherin Wiebke Baden bestätigt, dass es einige Rückmeldungen von Bürgern gegeben habe, die sich mit der Neuregelung in Schirum nicht wohlfühlten. Die Frage, ob es dort seit der Änderung vermehrt zu Unfällen gekommen sei, kann Baden nicht beantworten. Es handele sich um ein Pilotprojekt, das für ein Jahr laufe. Es wäre „wenig zielführend“, sagt Baden, dazu Zwischenstände zu vermelden. Allerdings räumt sie ein, dass es der Polizei sicherlich aufgefallen wäre, wenn dort plötzlich reihenweise Radfahrer verunglücken würden.
Ein Zaun blockiert den Weg
Unterdessen sieht ADFC-Sprecher Herresthal weitere „Baustellen“ auf dem Ostfriesland-Wanderweg. Er ärgert sich über eine aus seiner Sicht absurde Situation in Sandhorst: Die Überquerung des vorfahrtsberechtigten Ehewegs sei auf dem Fahrrad fahrend nicht einfach, schreibt Herresthal. „Ein Zaun blockiert den direkten Weg. Die kurze Umfahrung des Hindernisses führt über den Gehweg und ist somit nicht zulässig. Die korrekte Umfahrung führt dazu, dass von der Bahntrasse abgewichen und ein Umweg gefahren werden muss.“
Ordnungsamtsleiter Lücht hat sich aufs Rad geschwungen und ist zu der Stelle gefahren. Was es mit besagtem Holzzaun auf sich hat, konnten er und die Mitarbeiter des Planungsamtes auf die Schnelle nicht herausfinden. „Ich nehme an, dass das mit der Umgestaltung des Dorfplatzes zusammenhängt“, sagt Lücht. Die Zufahrt zum Dorfplatz liegt direkt neben dem Wanderweg. Der Eheweg stehe ohnehin auf der Liste der Übergänge, die die Stadt in Augenschein nehmen wolle. Daher werde man die Anregung des ADFC aufnehmen und eine Umgestaltung prüfen – also womöglich den Zaun entfernen, den Bordstein absenken und den Weg anpflastern oder anschottern (momentan ist dort Rasen). Als besonders störend habe er den Zaun allerdings nicht empfunden, fügt Lücht hinzu: „Man macht einen kleinen Schlenker. Ich seh das nicht als Riesenproblem an.“ Mit einem Lastenrad sähe das womöglich anders aus, räumt der Behördenleiter ein.
In Leer sieht man das alles anders
In Leer ist man von solchen Diskussionen über den Ostfriesland-Wanderweg weit entfernt. Dort haben Radfahrer an keiner Stelle Vorfahrt. Die Stadt hat die für Radfahrer störenden Umlaufsperren an den Knotenpunkten des Wanderwegs mit öffentlichen Straßen sogar noch erneuern lassen. Verkehrsrechtlich sei der Ostfriesland-Wanderweg ein Fußweg, auf dem Radfahrer nur geduldet würden, heißt es aus der Verwaltung.
Auch Aurich hat in Bezug auf den Ostfriesland-Wanderweg Rückschläge zu verkraften: 2021 hatte der Rat beschlossen, die Route in der gesamten Innenstadt – vom Ems-Jade-Kanal bis zur Esenser Straße (3,6 Kilometer) – auszubauen und auf drei Meter zu verbreitern. Doch das Projekt hätte bis Ende 2023 abgerechnet sein müssen, da dafür Fördermittel aus dem Programm „Stadt und Land“ verwendet werden sollten. Das sei aber nicht zu schaffen, da man wasserrechtliche und naturschutzrechtliche Genehmigungen bräuchte, erläuterte Stadtbaurätin Alexandra Busch-Maaß im vergangenen Jahr. So müsste die Stadt Bäume fällen lassen, um den Weg zu verbreitern. Ein solches Verfahren sei in dieser kurzen Zeit nicht zu schaffen. „So leid es uns tut.“