Amsterdam Schlechte Noten in der Schule: Kann eingeleitete Geburt Grund dafür sein?
Eine Studie aus den Niederlanden hat einen möglichen Zusammenhang zwischen künstlich eingeleiteten Geburten und schlechten Schulleistungen festgestellt. Mediziner diskutieren die Stärken und Schwächen der Untersuchung.
Mehr als jede fünfte Geburt in Deutschland wird eingeleitet. Hierbei wird mit medizinischen Mitteln nachgeholfen, wenn das Einsetzen der Wehen nicht auf natürlichem Wege ausgelöst wird. Noch immer ist man sich in der Medizin uneinig darüber, ob oder in welchem Maße sich eine Geburtseinleitung auf die Entwicklung des Neugeborenen auswirkt.
Eine aktuelle Studie aus den Niederlanden vergleicht die schulischen Leistungen von Kindern im Alter von zwölf Jahren, die mithilfe einer Geburtseinleitung auf die Welt gebracht wurden, mit denen nicht-eingeleiteter Geburten. Das Resultat der Studie ergab, dass eingeleitete Geburten statistisch betrachtet zu schlechteren Schulleistungen und niedrigeren Bildungswegen der Kinder führen.
Für die Erhebung der Daten analysierten Forscher des Amsterdam University Medical Centers die schulischen Leistungen von 226.684 Kindern im Alter von zwölf Jahren. Diese kamen zwischen der 37. und 42. Schwangerschaftswoche in den Niederlanden nach Schwangerschaften ohne Komplikationen auf die Welt.
Die Aussagekraft der Studie bewertet Sven Kehl, gynäkologischer Oberarzt vom Universitätsklinikum Erlangen, folgendermaßen: „Diese Studie hat wie jede Studie ihre Stärken und Schwächen.“ So spreche die Zahl betrachteter Kinder sowie der Stichprobenumfang für die Ergebnisse der Studie. Zudem habe man darauf geachtet, Aspekte wie unterschiedliche Bildungsniveaus der Mütter in die Auswertung mit einzubeziehen.
„Es ist aber keine Studie, aus der eine Kausalität abgeleitet werden kann“, räumt der Mediziner ein. Demzufolge seien weitere Faktoren, zum Beispiel das Gesundheitsverhalten der Eltern, nicht weiter bedacht worden. Christiane Schwarz, Leiterin des Fachbereich Hebammenwissenschaft am Institut für Gesundheitswissenschaften an der Universität Lübeck, bestätigt dies: Auch geburtsspezifische Parameter wie Stilldauer oder Geburtsmodus seien der Expertin zufolge außer Acht gelassen worden.
Von Mediziner-Seite aus gibt es zudem Einwände, die das Herkunftsland der Studie betreffen. So gibt Maria Delius, Leitung des Perinatalzentrums der Universitätsklinik in München, zu bedenken: „Eine Besonderheit in den Niederlanden ist, dass viele Kinder zu Hause geboren werden. Der Einfluss dessen ist unklar, dieser Faktor wird in der Studie nicht erwähnt.“
Auch Sven Kehl relativiert die Bedeutung der Studie mit Blick auf deutsche Geburtskliniken. So käme es in Deutschland ohnehin nur bei medizinischer Notwendigkeit zu einer Geburtseinleitung, während Routine-Eingriffe kritisch gesehen würden.
Dennoch stufen mehrere der Experten die niederländische Studie als relevant für den medizinischen Wissensstand ein. Trotz der Schwächen sei sie „beachtenswert“, betont Sven Kehl. So sei durch die Studie insbesondere eines deutlich geworden: „Frühzeitige Beendigung der Schwangerschaft mittels Geburtseinleitung ohne medizinischen Grund kann zu Problemen im weiteren Leben des Kindes führen.“
Da sich dem Mediziner zufolge in den vergangenen Jahren ein Trend zu vermehrten Geburtseinleitungen abzeichnete, würden die Ergebnisse ein wichtiges Argument gegen diese Entwicklung hervorbringen. Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Berlin, kommt zu einem ähnlichen Fazit: „Es ist zu Recht zu kritisieren, dass auch in Deutschland über 20 Prozent der Geburten eingeleitet werden.“
Mit Blick auf die These der Studie, dass Geburtseinleitungen im Zusammenhang mit schlechteren Schulleistungen stünden, resümiert der Mediziner seine Expertise jedoch folgendermaßen: „Abschließend bleibt zusammenzufassen, dass der gefundene Effekt der Einleitung auf die schulische Leistung sehr fraglich ist.“
Maria Delius geht sogar noch einen Schritt weiter, indem diese vor möglichen Risiken der Studie warnt. So habe die Studie das Potenzial, „Schaden an Müttern und Kindern anzurichten“, wenn es in der Öffentlichkeit zu fehlerhafter Interpretation der Ergebnisse käme.