Osnabrück Nachträgliche Zensur: Hört auf, in Roald Dahls Büchern herumzustreichen!
Klingt wie „Schöner wohnen” und deshalb ziemlich unpassend, oder? Trotzdem: Schön ist das Leben. Und Kultur mehr als ein Sahnehäubchen. Schönheit entdeckt, wer sich gegen Hässlichkeit wehrt – und ein Leben mit allen Sinnen lebt.
Lasst es bleiben. Streicht nicht schon wieder in Büchern herum. Lasst Wörter stehen, auch wenn sie Euch nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Mit einem Wort: Lasst der Literatur ihr Recht, anders zu klingen als die Sprache des Alltags oder die der Political Correctness.
Wem gilt dieser Appell? All jenen, die aus Büchern Wörter entfernen möchten, weil sie gegen das verstoßen, was wir Heutigen als richtig ansehen. Absurd? Nein, Realität. Kinderbücher von Roald Dahl wurden gerade für Neuausgaben überarbeitet.
Dahls Bücher wie „Charlie und die Schokoladenfabrik“ oder „Der fantastische Mr. Fox“ sind Klassiker. In England kocht die Debatte entsprechend hoch. In den Neuausgaben darf keine Figur mehr „fett“ oder „hässlich“ sein. Bei Dahl geht es nicht zimperlich zu. In seinen Büchern wird auch schon mal der Hintern versohlt.
Man muss das nicht mögen. Aber was soll eine nachträgliche Zensur, die als Glättungen verharmlost werden?
Die Debatte um Dahl bewegt die Briten. Salman Rushdie hat sich eingeschaltet. Prinzessin Camilla votiert gegen die Überarbeitungen. Die deutschen Neuübersetzungen behalten offenbar, wie die „Zeit“ berichtet, Dahls sprachliche Drastik bei. Auch der englische Verlag lenkt ein und will neben der abgemilderten Variante den Originaltext als Klassikerversion herausbringen.
Trotzdem: Das Beispiel passt in einen Trend, den es auch hierzulande gibt. Erinnern wir uns an nachträgliche Eingriffe in Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ oder Otfried Preußlers „Kleine Hexe“. Beide Bücher sollten diskriminierend sein. Sicher, niemand darf wegen seiner Hautfarbe, seines Geschlechts oder aus sonst einem Grund herabgesetzt werden. Aber Texte sollten deshalb nicht umgeschrieben, sondern kritisch diskutiert werden.
Ein Buch kann eine Zumutung sein. Das gilt nicht ohne Grund als gutes Argument für seinen literarischen Wert. Das gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete „Blutbuch“ des non-binären Autors Kim de l´Horizon ist ein solches Buch. Es fordert heraus, auch das Sprachempfinden vieler Leser. Liegt darin nicht gerade etwas Positives?
Die Debatte um Roald Dahl erinnert an Bücher, die vormals als nicht zumutbar erschienen. Siegfried Lenz´ „Der Überläufer“ oder Heinrich Bölls „Der Engel schwieg“ blieben für Jahrzehnte in der Schublade. Erich Kästners Roman „Fabian“ war nur gekürzt zu lesen, bevor jene Kapitel wieder hinzugefügt wurden, die Verleger 1930 für zu drastisch hielten.
Legen wir eines Tages auch die originale Gestalt von Kinderbüchern wieder frei, weil ihre Sprache heutigen Literaturwächtern als anstößig erschien und deshalb umgeschrieben wurde? Ein trauriger Gedanke. Aber so absurd ist er gar nicht.