Hamburg  Eine Million Reservisten - aber kaum einer will zur Bundeswehr

Tim Prahle
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Von Tim Prahle
| 24.02.2023 13:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Bei der Verstärkungs- und Personalreserve der Bundeswehr zeigte sich 2022 eine große Lücke zwischen Bedarf und IST-Zustand. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Bei der Verstärkungs- und Personalreserve der Bundeswehr zeigte sich 2022 eine große Lücke zwischen Bedarf und IST-Zustand. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
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Eine Million Menschen in Deutschland gehören zur Bundeswehrreserve. Doch nur ein Bruchteil wird auch tatsächlich beordert. Die Lücke in der „aktiven Reserve“ ist entsprechend groß.

Die Zahlen wirken illusorisch: 350.000 Soldaten braucht die Bundeswehr nach Ansicht von Patrick Sensburg, um für die Landes- und Bündnisverteidigung gut aufgestellt zu sein. In unserem Live-Talk hatte der Vorsitzende des Reservistenverbandes das noch einmal bekräftigt.

Allerdings hatte die Truppe 2022 mit 183.000 Soldaten nur etwas mehr als die Hälfte dieser Personalstärke erreicht. Und schon das von der Bundesregierung herausgegebene Ziel, 203.000 Soldaten bis 2031 zur Bundeswehr zählen zu können, scheint eine kaum machbare Herausforderung. Denn trotz aller Bemühungen der letzten Jahre stagniert derzeit die Personalstärke.

Zusätzlich zu den 350.000 Soldaten fordert Sensburg auch 1,2 Millionen Reservisten – 200.000 mehr als heute. Doch aktuelle Daten der Bundesregierung zeigen, dass sich davon nur zu wenige auch zum Dienst beordern lassen

Ob ein ehemaliger Bundeswehrangehöriger – ob Soldat oder Wehrdienstleistender – dem Ruf der Truppe folgt, ist seine freie Entscheidung.  Finanzielle Einschränkungen soll es nicht geben. Wer beordert ist und dann an Reservedienstübungstagen teilnimmt, erhält eine Entschädigung für den Verdienstausfall, auch Fahrtkosten werden erstattet. Doch in Friedenszeiten muss die Bundeswehr aktiv Überzeugungsarbeit leisten, damit sich überhaupt Reservisten freiwillig für mögliche Übungen zur Verfügung stellen.

2022 gelang das kaum. Mehr als 83.500 Menschen hätte die Bundeswehr im vergangenen Jahr in der Reserve gebraucht. Doch wie aus einer Antwort des Verteidigungsministeriums auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion hervorgeht, konnten gerade mal knapp 35.500 Reservisten in die Streitkräfte beordert werden. Eine eklatante Lücke von 48.000 Reservisten.

Zum Vergleich: 2012, im ersten Jahr nach Aussetzen der Wehrpflicht, bewegte sich die Anzahl der beorderten Reservisten auf einem ähnlichen Niveau. Allerdings war die Reserve mit insgesamt 58.300 Stellen auch deutlich kleiner.

Das Fehlen der Reservisten „bedeutet in der Praxis, dass es viele unbesetzte Dienstposten etwa in den Heimatschutzkompanien und den Ergänzungstruppenteilen des Heeres gibt, die für die Landes- und Bündnisverteidigung eine wichtige Rolle spielen”, erläutert ein Sprecher des Reservistenverbandes.

Wie kann es sein, dass so eine personelle Lücke entsteht, obwohl das Potenzial mit derzeit einer Million Reservisten theoretisch so groß ist? Ganz offenbar werden die Reservisten der Republik nicht genug umworben. Zumindest kommt der Reservistenverband zu dem Schluss: „Aktuell müssen wir zudem Reservistinnen und Reservisten, die derzeit noch nicht beordert sind, verstärkt ansprechen und für den Dienst motivieren.”

Die Bundeswehr selbst versuche, die Lücke auf andere Art und Weise zu schließen. Unter anderem mit der Grundbeorderung und dem freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz. Doch letzteres habe gerade mal 270 Reservisten seit Oktober 2021 hervorgebracht, so der Verband. Nur ein Pflichtdienst, wie die Wehrpflicht, könnte verlässlich sicherstellen, dass der Bundeswehr auch genug Reservisten zur Verfügung stehen.

Ob diese sich auch tatsächlich beordern lassen, ist nicht garantiert. Und ein Allheilmittel ist sie wohl auch nicht. 2010 waren laut Bundesregierung „nur“ 5000 Menschen mehr in die Reserve beordert worden. Obwohl es dank Wehrpflicht ein weit größeres Potenzial gab.

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