Folgen des Krieges Die Wirtschaft in Ostfriesland blickt ins Ungewisse
Lieferengpässe und Rekord-Inflation: Die heimischen Betriebe gerieten durch den russischen Angriffskrieg unter Druck. Ein Ende der Unsicherheit ist nicht in Sicht. Aber es gibt Hoffnung.
Landkreis Leer - Als am 24. Februar 2022 russische Truppen auf breiter Front in die Ukraine eindrangen, stellte das auch für die Wirtschaft in Ostfriesland vieles auf den Kopf. „Am Anfang war es völlig verrückt“, erinnert sich der ostfriesische Arbeitgeber-Chef Johann Doden. Viele Lieferanten seien durch die Kriegshandlungen weggebrochen. „Aus der Ukraine stammte eine Masse an Zulieferteilen“, erklärt Doden. Die Wirtschaft musste schnell reagieren. „Dieser verdammte Angriffskrieg findet vor unserer Haustüre statt. Es mussten andere Möglichkeiten gesucht werden“, sagt er. Das brauche aber Zeit. „Die Situation hat sich keiner so vorstellen können. Es ist gut, dass die Wirtschaft flexibel ist“, so Doden.
Was und warum
Darum geht es: Der russische Überfall auf die Ukraine setzt der heimischen Wirtschaft bis heute zu.
Vor allem interessant für: Selbstständige, Angestellte
Deshalb berichten wir: Zum Jahrestag des russischen Angriffs beleuchtet die Redaktion die Folgen für die Menschen in der Region. Den Autor erreichen Sie unter: t.ruemmele@zgo.de
Flexibel musste auch Bäcker Jannes Janssen aus Westoverledingen reagieren. In seiner Backstube in Westoverledingen geht um 4 Uhr in der Früh der Ofen an. Die Strompreise hätten sich für den Bäcker in dritter Generation etwa verdreifacht, berichtet er. Auch die Rohstoffpreise zogen an. Doch das größte Problem sieht Janssen in Zeiten der Rekord-Inflation auf der Seite der Kunden. „Man spart bei den Lebensmitteln“, erklärt er. Discounter und Supermärkte könnten Backwaren deutlich günstiger anbieten, als ein kleiner Traditionsbetrieb. „Der Kunde geht dorthin, wo es günstig ist und bekommt damit seine Familie satt“, sagt Janssen. Das merkt der Bäcker etwa auch daran, dass seine Backwaren vom Vortag, die er vergünstigt anbietet, sehr gefragt seien.
Bäckereien traf es besonders hart
Jammern will Janssen aber nicht. „Uns geht es gut. Wir haben unsere Stammkundschaft und können weiter produzieren“, betont er. Durch Investitionen in stromsparende Maschinen, sei es zudem gelungen, die Belastungen durch die drastisch gestiegenen Strompreise zu dämpfen. „Wir sparen dort ein, wo es nicht auf Lasten der Qualität geht“, erklärt Janssen. Dabei bleibe er realistisch. „Ich hoffe nicht, dass die nächsten Jahre glorreich werden. Ich habe mich damit abgefunden, dass großartige Hilfe ohnehin nicht kommt“, sagt er. Stattdessen suche er nach eigenen Lösungen, die seinen Betrieb fit für die Zukunft machen.
Im vergangenen Jahr mussten in ganz Ostfriesland Bäckerei-Filialen aufgegeben werden. Im Landkreis Leer traf es etwa die Bäckerei Behmann. Zum Jahresende schloss sie sechs ihrer sieben Filialen. In Ockenhausen, Remels, Neukamperfehn, Warsingsfehn, Loga und Nortmoor wurde der Betrieb am 31. Dezember eingestellt. „Wir haben keine Kostendeckung“, begründete Gertha Jünke, die den Betrieb gemeinsam mit ihrem Mann Ralf leitet, den Schritt.
Frieden ist der Schlüssel
Eine Talsohle für die heimische Wirtschaft sieht auch der Gewerkschafter Thomas Gelder noch nicht erreicht. Der 1. Bevollmächtigte der Leeraner IG-Metall sagt: „Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges schlagen jetzt erst voll durch.“ Für die Beschäftigten seien vor allem die Folgen der Inflation problematisch. Derzeit finden in vielen Branchen Verhandlungen über höhere Löhne statt. „Wir versuchen, die Inflation abzumildern“, erklärt Gelder.
Derzeit verhandle die IG-Metall in Betrieben, die statt eines Flächentarifvertrages einen Haustarifvertrag haben. „Viele glaubten, dass es nach Corona wieder aufwärts geht“, sagt der Gewerkschafter. Doch die Folgen des Krieges in der Ukraine stellten die Wirtschaft nach der Pandemie abermals vor gewaltige Herausforderungen. „Ein Ende ist noch nicht absehbar“, sagt Gelder. „Ich will nicht schwarz malen. Aber der Schlüssel ist der Frieden in der Ukraine.“
Währenddessen hat das Land Niedersachsen ein Hilfsprogramm in die Wege geleitet. Kleine und mittlere Unternehmen in Niedersachsen können von Donnerstag an Anträge zur Entlastung von den hohen Energiepreisen stellen. In einer ersten Tranche geht es dabei laut Wirtschaftsministerium um 100 Millionen Euro. Diese Summe soll die Belastungen aus dem vergangenen Jahr rückwirkend abfedern. Um eine schnelle Hilfe zu gewährleisten, sei eine zügige Abschlagszahlung von 50 Prozent der beantragten Hilfe vorgesehen. Anträge können bis Ende März bei der NBank eingereicht werden. Antragsberechtigt sind laut Ministerium kleine und mittlere Unternehmen mit Sitz in Niedersachsen, die bis zu 250 Mitarbeiter beschäftigen.