Gasspeicher der Gazprom-Tochter Die Deutschen blickten bange auf die Speicher – auch nach Jemgum
Mit dem Ukraine-Krieg kam die Energiekrise. Der bange Blick der Deutschen lag auf den Gasspeichern – er wanderte auch nach Jemgum. Wer wusste schon, was Gazprom mit Ostfriesland zu tun hat?
Jemgum - Dass der bange Blick der Nation mal zum kleinen Jemgum gerichtet sein würde, hatte so wohl niemand kommen sehen. Aber mit dem Krieg in der Ukraine kam sie: Die Sorge um die Füllstände der Erdgasspeicher. Was wohl viele nicht wussten: 2008 ist in Jemgum einer der größten Erdgaskavernenspeicher Deutschlands entstanden. Im Jahr 2013 wurde er in Betrieb genommen. Eigentümer des Speichers sind die VNG Gasspeicher GmbH und Wingas, eine Gazprom-Tochter. Astora – ebenfalls ein Tochterunternehmen des russischen Weltkonzerns – betrieb ihn. Lange war es ruhig um die große Anlage.
Was und warum
Darum geht es: Mit dem Krieg in der Ukraine kam die Energiekrise und mit ihr der Blick nach Jemgum.
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für die Gasversorgung und Steuergerechtigkeit interessieren
Deshalb berichten wir: Einer der größten Gasspeicher Deutschlands ist direkt vor Ort. Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de
Mit dem Krieg in der Ukraine war das vorbei. Denn mit der militärischen Konfrontation kam die wirtschaftliche. Russland drehte den Gas-Hahn zu. Der bange Blick richtete sich auf die Speicherstände – auch in Jemgum. Die Abhängigkeit von russischen Betreibern und Lieferungen wurde schmerzlich bewusst. „Der private Betrieb unserer Gasspeicher, vor allem durch russische Staatskonzerne, ist fatal. Wir haben im Krisenfall – der jetzt eingetreten ist – keinen Zugriff mehr“, teilte die Grünen-Landtagsabgeordnete Meta Janssen-Kucz (Borkum) im Frühjahr vergangenen Jahres über die sozialen Netzwerke mit. Dabei nimmt sie auch Bezug auf Erdgasspeicher im Rheiderland. Neben Rehden (Landkreis Diepholz) seien es Speicher in Jemgum, „die das Symbol für die drastische Abhängigkeit Deutschlands von Putins Gas“ seien, so Janssen-Kucz.
Speicherstände in aller Munde
Die Frage, wie nun die Betreiber-Firma Astora – wie erwähnt, eine Gazprom-Tochter – auf diese Situation reagiert, stellte sich. Viel Beruhigendes ließ sich die Astora-Pressestelle nicht entlocken: „Betreiber von Erdgasspeichern haben aufgrund gesetzlicher Vorgaben keinen Einfluss auf das Kundenverhalten und die Füllstände“, hieß es vom Unternehmen. Eine Prognose, wie sich die Füllstände entwickeln, wollte man nicht geben. „Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir politische Standpunkte und Entwicklungen nicht kommentieren können“, hieß es. Nun gut. Auf der Internetseite link.zgo.de/Gaskavernen waren und sind Ein- und Ausspeicherungen veröffentlicht. Was lange niemandem etwas sagte, war in aller plötzlich Munde. Wie voll sind die Speicher? Reicht das, um durch den Winter zu kommen? Speicherstand Ende März 2022: nur 34,9 Prozent.
Im April vergangenen Jahres kam der überraschende Schritt Russlands: Der Staatskonzern Gazprom trennt sich von seiner deutschen Tochter Gazprom Germania. Was das für die Versorgung mit Gas bedeuten sollte, war zunächst völlig unklar. Einige Tage später dann der einmalige Schritt in der deutschen Geschichte: Die Bundesregierung übernahm die Regie bei Gazprom Germania. Man wolle Energie-Infrastrukturen nicht „willkürlichen Entscheidungen des Kremls aussetzen“. Das betonte Bundesminister Robert Habeck (Grüne). Er setzte die Bundesnetzagentur vorübergehend als Treuhänderin ein. Die Antwort von Astora, auf die Frage dieser Zeitung, ob sich in Jemgum etwas ändert, fiel wieder knapp aus: „Derzeit gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass sich etwas im Tagesgeschäft ändern wird.“ Speicherstand im April: 18,22 Prozent.
Steuern für Jemgum
Die Sorge vor dem Winter nahm über den Sommer immer weiter zu. Die Gaspreise stiegen und stiegen. Energiesparen und hohe Speicherstände wurden verordnet. Dann der nächste Schritt: Aus der vorübergehenden Treuhänder-Lösung wird die langfristige Variante: Der Bund übernimmt Securing Energy for Europe (SEFE) – früher Gazprom Germany. Der Unternehmensgruppe hatte laut Bundesministerium für Wirtschaft die Insolvenz gedroht, was die Versorgungssicherheit in Deutschland gefährdet hätte. Verstaatlicht sind damit auch die Speicher in Jemgum.
Seit 2018 hatte der Gasriese keinen müden Cent Gewerbesteuer in Jemgum mehr gezahlt. Man hat nun in Jemgum die Hoffnung, dass sich das bald ändern könnte: „Die Situation hat sich mit der Übernahme durch den Bund im November geändert. Heute haben wir es mit einem Staatsunternehmen zu tun. Ansprechpartner sind nicht mehr ausländische Oligarchen, sondern die Bundesregierung, namentlich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck“, so formulierte es Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann (CDU).
Dem Minister und den Entscheidungsträgern in Berlin müsse deutlich gemacht werden, „dass es in Deutschland ein Staatsunternehmen gibt, das die kleine Gemeinde Jemgum sprichwörtlich verhungern lässt“, sagte Bürgermeister Hans-Peter Heikens (parteilos). Die Bundestagsabgeordneten Anja Troff-Schaffarzyk (SPD) und Julian Pahlke (Grüne) sehen es ähnlich. Das Problem sei die Ungerechtigkeit bei der Gewerbesteuer insgesamt, erklären sie. Der Kampf um die Steuereinnahmen, laut den Politikern wichtig für Jemgum, aber auch den ganzen Kreis Leer ist noch nicht beendet. Der Speicherstand heute: 84,55 Prozent.