Tonnenweise Cannabis ab 2024  Erste legale Cannabisfabrik bei Bunde

Vera Vogt
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Von Vera Vogt
| 22.02.2023 19:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Rund 70 Coffeeshops sollen mit den Erzeugnissen beliefert werden. Foto: Oliver Berg/dpa
Rund 70 Coffeeshops sollen mit den Erzeugnissen beliefert werden. Foto: Oliver Berg/dpa
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Nur wenige Autominuten von Bunde entfernt wird gerade eine der ersten legalen Cannabis-Fabriken in Nieuw Beerta gebaut. Das Ganze gehört zu einem Experiment.

Niederlande/Rheiderland - Sieben Minuten fährt man von der Grenze in Bunde, dann ist man bei der Baustelle für eine große legale Cannabis-Fabrik. In Nieuw Beerta laufen derzeit die Bauarbeiten. Wie das Dagblad van het Noorden mit Sitz in Groningen berichtet, sollen die ersten Cannabispflanzen im Juni kommen. Bauherr und Investor ist Jetze de Raad, sein Unternehmen Biobizz produziert und vertreibt weltweit Nährstoffe und Anzuchtsubstrate für den Cannabissektor. Mit John und Ines Meijers bildet er das Holigram-Team. Dieses ist einer der zehn Erzeuger, die für ein Experiment der niederländischen Regierung nun legal Cannabis anbauen sollen. In Nieuw Beerta sollen mit 300.000 Pflanzen jährlich 6500 Kilo „weiche Drogen“ produziert werden. Legal unter staatlicher Aufsicht „mit dem Ziel der Kriminalitätsbekämpfung“, erklärt die Niederländische Regierung.

Was und warum

Darum geht es: Nur wenige Autominuten von Bunde entfernt wird eine der ersten legalen Cannabis-Fabriken gebaut.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für die Legalisierung von Cannabis interessieren

Deshalb berichten wir: Die niederländische Regierung hat unter anderem einen Standort nah der Grenze gewählt.

Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de

Das Projekt heißt: Experiment gesloten coffeeshopketen, zu deutsch: Experiment einer geschlossenen Coffeeshop-Kette, kurz auch „wietexperiment“ genannt, also Unkraut- oder Grasexperiment. Bis jetzt ist es so, dass die Regierung zwar Coffeeshops toleriere, die Cannabis an Verbraucher verkaufen. Aber die Produktion und Lieferung dieses Cannabis an Coffeeshops ist illegal. Das will man im Experiment ändern. Wie die Regierung mitteilt, habe die Gesellschaft zunehmend auf die Probleme aufmerksam gemacht, die diese Toleranzpolitik mit sich bringt. Dass der Verkauf im Coffeeshop erlaubt ist, aber die Lieferung offiziell verboten, ebenso wie der Anbau, ist laut Dagblad eine schwierige Situation, die Kriminellen viele Möglichkeiten böte, große Gewinne aus dem Handel zu ziehen.

Die Arbeiten nah der Grenze laufen. Foto: Vogt
Die Arbeiten nah der Grenze laufen. Foto: Vogt

Investoren und Unternehmer überprüft

Vor allem Bürgermeister hätten laut der Regierung angegeben, dass sie dadurch Probleme in ihren Kommunen haben. Deshalb finde das Experiment mit dem Ziel statt, zu sehen, ob und wie Züchter legal qualitätskontrolliertes Cannabis an Coffeeshops liefern können. Im Koalitionsvertrag habe sich das Kabinett auf einen Kleinversuch geeinigt, teilt die Regierung mit. Während des Experiments verkaufen Coffeeshops in elf teilnehmenden Gemeinden das regulierte, qualitätskontrollierte Cannabis. Dieses Cannabis wird von maximal zehn ausgewählten Züchtern produziert. Diese Züchter wurden durch ein Auswahlverfahren ausgewählt. Mit dabei: Holigram, die gerade nah der Grenze zu Bunde bauen. Insgesamt werden Marihuana und Haschisch für fast 70 Coffeeshops produziert. Um kriminelle Motive auszuschließen, wurden alle Erzeuger juristisch überprüft. Gleiches gilt für Investoren.

Nur einige Minuten Fahrt liegen zwischen dem Rheiderland und Nieuw Beerta. Foto: Vogt
Nur einige Minuten Fahrt liegen zwischen dem Rheiderland und Nieuw Beerta. Foto: Vogt

De Raad und seine Co-Investoren hätten in den ersten anderthalb Jahren 20 Millionen Euro in das Projekt gesteckt, schreibt das Dagblad. Starten sei das eine. Aber wie kommt man an die Pflanzen? Schließlich seien sie illegal. Man habe zwei Wochen Zeit, um tausend Stecklinge zu sammeln, wird De Raad zitiert, mit einem Sinn für „Understatement“, wie es heißt. Die Regierung und die Justiz „drückten ein Auge zu“. Samen könnten jedoch unbegrenzt gekauft werden.

Wie das Groninger Dagblad berichtet, solle das Hightech-Unternehmen über zwei Stockwerke mit jeweils zwei Pflanzenetagen verfügen – insgesamt 8000 Quadratmeter – verteilt auf zwanzig Anbauflächen. Geplant sei, dass die Produkte im ersten Quartal 2024 auf den Markt kommen.

Wie stehen die Kommunen dazu?

Nicht nur nah der Bunder Grenze soll so eine Fabrik entstehen: In Groningen hat laut Dagblad die Firma Leli Holland Anfang Dezember eine Genehmigung für den Bau einer Industriehalle mit Büro am Liverpoolweg (Industriegebiet Westpoort) für den Anbau von staatlichem Cannabis beantragt. Das Verfahren laufe. Ursprünglich wollte die niederländische Regierung schon 2021 mit dem Experiment starten, aber die Verfahren dauern länger als erwartet. Für die meisten ausgewählten Erzeuger sei es schwierig, einen Standort zu finden und die erforderlichen Genehmigungen zu erhalten. Die Kommunen seien zögerlich, vor allem wegen des Sicherheitsaspekts. Auf Nachfrage teilte die Provinz Groningen, dass sie nicht in das Projekt in Nieuw Beerta involviert sei. Die Gemeinde Oldambt verwies für die Regelungen des Experimentes an die niederländische Regierung und bei Fragen zum Bau an die Investoren.

Nicht zuletzt sei es laut Dagblad für die Produzenten manchmal schwierig, ein Bankkonto zu eröffnen. Banken ziehen es vor, nicht mit dem Cannabisanbau in Verbindung gebracht zu werden. Und wie steht man im nahen Bunde zu der neuen Fabrik, die nur einen Steinwurf entfernt ist? Die Bürgerinnen und Bürger scheint es nicht weiter zu verunsichern. Jedenfalls täten sie das nicht bei der Kommune kund, sagt Bürgermeister Uwe Sap: „Es liegen dazu keine Anfragen bei uns vor.“ Außerdem bestünden seitens der Verwaltung „keine grundsätzlichen Bedenken dazu“.

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