Serie „Von der Küste – vor die Kamera“  Die Stimme der Krummhörn

Johann Ahrends
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Von Johann Ahrends
| 22.02.2023 12:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Rathaus war sein zweites Zuhause: Frank Baumann wurde kurz nach dem Film sogar Bürgermeister. Foto: Ahrends
Das Rathaus war sein zweites Zuhause: Frank Baumann wurde kurz nach dem Film sogar Bürgermeister. Foto: Ahrends
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Frank Baumann kennt sich in der Krummhörn aus – sagt, er würde dort nie weggehen. Für einen Film von Johann Ahrends war er der perfekte Ansprechpartner – eine Reise in die Vergangenheit.

Pewsum - Juni 2012. Ich bin mit Frank Baumann verabredet. Er arbeitet im Rathaus der Krummhörn in Pewsum. Ein verwinkelter Bau mit vielen kleinen Treppen, nicht behindertengerecht. Kleine Büros im Charme der 70er Jahre. Auf dem Schreibtisch des Pressesprechers stapeln sich die Akten – an den Wänden Fotos vom Pilsumer Leuchtturm und den Greetsieler Zwillingsmühlen. Will man einen Film über die Krummhörn machen, ist Frank Baumann der beste Ansprechpartner. Er weiß alles, kennt jeden, hat unzählige Kontakte. Mir wird schnell klar: Dieser Mann muss in meinem Film eine Rolle spielen. Also beginnen wir gleich mit der konkreten Planung.

Vor zehn Jahren in Pewsum: Frank und Bettina Baumann mit ihren Kindern Niklas und Neele. Foto: Ahrends
Vor zehn Jahren in Pewsum: Frank und Bettina Baumann mit ihren Kindern Niklas und Neele. Foto: Ahrends

Fast ein Jahr später sind alle Vorbereitungen abgeschlossen. Der Dreh beginnt im April 2013 im Wohnhaus des 47-jährigen Pewsumers. Frank Baumann bringt einen Teller mit Rosinenstuten ins Esszimmer. Bei diesem ersten Interview sind Ehefrau Bettina und seine Kinder Niklas und Neele dabei. Die Kamera läuft, die Stimme der Krummhörn hebt an zur Liebeserklärung an seine Heimat: „Ich bin Krummhörner durch und durch und würde hier nie wegziehen. Wenn ich aus dem Urlaub zurück komme und sehe die Kirchtürme, dann weiß ich, ich bin wieder zu Hause.“

Einsatz hat sich gelohnt

Seit mehr als 30 Jahren ist Baumann im Rathaus der Gemeinde tätig, hat viele Ämter bekleidet. Jetzt setzt er sich als Projektleiter für ein neues Verwaltungsgebäude ein. 19 Ortsteile hat die Krummhörn – und überall informiert Baumann die Bürger über die Planungen.

Die Serie, der Film, die nächste Folge

Seit fast 30 Jahren dokumentiert Johann Ahrends das Leben der Menschen in Ostfriesland mit seinen Filmen. Zu den meisten Protagonisten hat er nach der Sendung den Kontakt gehalten. Für diese Serie hat Johann Ahrends die Personen jetzt noch einmal besucht. Er blickt mit ihnen zurück auf die Dreharbeiten und plaudert dabei aus dem Nähkästchen eines Filmemachers. Und die Menschen erzählen ihm teilweise sehr persönlich, was aus ihnen geworden ist, wie sich ihr Leben verändert hat und wie sie heute denken – über ihr Leben und den Film von damals. Johann Ahrends stammt aus Wiesmoor, hat in den 80er Jahren bei der Ostfriesen-Zeitung gelernt und ist seit 1993 für das ZDF und den NDR in Hannover tätig.

Einige Filme zu dieser Serie sind wieder in die Mediathek aufgenommen worden, so dass die OZ-Leserinnen und Leser sie sich noch einmal anschauen können.

Heute:„Ostfriesen in der Krummhörn“. Der Beitrag ist hier https://link.zgo.de/krumm abrufbar.

In der nächsten Folge berichtet Johann Ahrends in dieser Serie über Dieter „Buddy“ Kramer, Platzmeister des Schützenfestes in Esens.

An diesem Tag begleiten wir ihn mit der Kamera nach Canum. 250 Einwohner hat das kleine Dorf. Im Gemeinschaftshaus wird er von Ortsvorsteher Wilhelm van Ellen begrüßt, draußen warten schon die Bürger. „Manche sagen, das Rathaus sei mit vier Millionen Euro zu teuer“, erzählt uns Baumann. Aber der Ratsbeschluss sei einstimmig. Mit Beamer und Leinwand leistet er Überzeugungsarbeit. Zwei Wochen später ist die Kuh vom Eis. Beim Bürgerentscheid haben 62 Prozent für einen Neubau gestimmt. Der Einsatz von Frank Baumann hat sich gelohnt. Jetzt zeigt er uns, wie das Rathaus in Pewsum einmal aussehen soll.

Mit dem Chor auf den Turm

Wir bleiben an diesem Abend in der Krummhörn – haben Zimmer in einer Pension in Manslagt gebucht. Denn es ist der 30. April – überall in den Dörfern Ostfrieslands wird an diesem Abend der Maibaum aufgestellt und bis zum frühen Morgen gefeiert. Diesmal aber ohne Frank Baumann. Denn der muss am nächsten Morgen früh aufstehen. Bei herrlichem Sonnenschein steht am 1. Mai der Höhepunkt des Jahres für den Posaunenchor an: Turmblasen von der 40 Meter hohen Kreuzkirche in Pilsum. Und Baumann leitet den Chor. Im Gänsemarsch kommen die Musiker um die Ecke. Mit Rucksäcken, Koffern und Posaunen. Kameramann Reinhard Bettauer dreht den abenteuerlichen Aufstieg – ein zweites Team bereitet den Oktocopter für die Luftaufnahmen vor. Zunächst geht es über Steintreppen nach oben, das letzte Stück müssen sie über eine steile Holzleiter bewältigen. Die Posaunen werden an Bändern nach oben gezogen.

Bei der Nordstory wurde im Jahre 2013 erstmals ein Octocopter für die Luftaufnahmen eingesetzt. Foto: Ahrends
Bei der Nordstory wurde im Jahre 2013 erstmals ein Octocopter für die Luftaufnahmen eingesetzt. Foto: Ahrends

Diese Tradition ist nichts für Menschen mit Höhenangst. Wenig Platz, keine Schutzgitter, dazu ein lebhafter Wind. Frank Baumann hebt den Taktstock und dirigiert seinen Chor in luftiger Höhe. Zusammen mit den Drohnenbildern ist diese Szene eine der Highlights des Films. Die Krummhörn von oben – und ihr heimlicher Dirigent gibt den Ton an.

Der Standesbeamte im Leuchtturm

Aber was wäre ein Film über die Krummhörn ohne den Pilsumer Leuchtturm? Auch hierzu hat Frank Baumann den Schlüssel. Im wahrsten Sinne des Wortes. An diesem Tag öffnet er die mächtige Stahltür in rot und gelb für das Ehepaar Christmann aus Bottrop. Es will sich nach 25 Jahren noch mal das Eheversprechen geben. Zuständig dafür: Frank Baumann. Das Paar steigt die Wendeltreppe nach oben, will die Zeremonie ganz allein machen. So jedenfalls sagt es der Bräutigam. Susanne Christmann hat jedoch heimlich eine Überraschung geplant. Es klopft unten an der Stahltür, während das Ehepaar gerade die Aussicht genießt. Mit Luftballons und großem Hallo stürmt die Familie die Treppe hoch. Die Freude ist groß, ein paar Tränen fließen. Jetzt sind alle dabei, wenn die Stimme der Krummhörn mit warmen Worten die Liebe besiegelt.

Der NDR drehte mit Frank Baumann auch im Pilsumer Leuchtturm. Foto: Ahrends
Der NDR drehte mit Frank Baumann auch im Pilsumer Leuchtturm. Foto: Ahrends

Das sind die Momente, die Frank Baumann schätzt. Er kann etwas über seine Heimat erzählen und hat mit glücklichen Menschen zu tun. Susanne und Harald Christmann machen schon seit vielen Jahren Weihnachtsurlaub in Greetsiel. Dort wuchs auch der Wunsch nach dem Eheversprechen auf dem Leuchtturm.

Zwei Worte reichen

In Greetsiel enden dann unsere Dreharbeiten. Baumann begrüßt aber noch eine Gruppe Jugendlicher aus Iowa. Ihre Vorfahren stammen aus der Krummhörn – sie sind auf den Spuren ihrer Ahnen. Jetzt gibt Frank Baumann alles. „Dass es hier Kirchen gibt, die 1000 Jahre alt sind, ist für die unvorstellbar“, sagt er uns in die Kamera.

Zwei Originale aus der Krummhörn: Frank Baummann nimmt Ehepaaren im Pilsumer Leuchtturm das Eheversprechen ab. Foto: Ahrends
Zwei Originale aus der Krummhörn: Frank Baummann nimmt Ehepaaren im Pilsumer Leuchtturm das Eheversprechen ab. Foto: Ahrends

Er gibt den jungen Leuten ein Krabbenbrötchen aus. Danach geht es in den malerischen Hafen zu den bunten Kuttern. Mit 27 Schiffen ist es die größte Flotte an der Nordseeküste. Wir merken: Die Stimme der Krummhörn gibt es auch in englischer Sprache. Baumann bringt auf den Punkt, was in der Krummhörn wichtig ist. Mit einem schelmischen Lächeln ruft er den amerikanischen Jugendlichen zu: „You need in Greetsiel only two words: Moin and Granaut!“ („Ihr braucht in Greetsiel nur zwei Worte: Moin und Granat.“)

„Das war ein Warnschuss, so konnte es nicht weitergehen“

Pewsum - Es duftet schon beim Reinkommen. Frank und Bettina Baumann haben Neujahrskuchen gebacken. Hier in der Krummhörn werden sie „Knappkaukjes“ genannt. Die knusprigen Waffelröllchen schmecken im Winter besonders gut zum Ostfriesen-Tee. Frank Baumann hat jetzt Zeit zum Backen: „Ich bin Hausmann, backe auch gerne mal ein Brot, Aber vor allem bereite ich meiner Frau und meinen Kindern das Essen zu.“ Seit gut einem Jahr ist er zu Hause. Vorher war er fast acht Jahre lang Bürgermeister der Gemeinde Krummhörn. Nur wenige Monate nach der unserem Film wurde er zum Nachfolger von Johann Saathoff gewählt, der damals in den Bundestag ging.

Frank und Bettina Baumann haben nach einer anstrengenden Zeit ihren Frieden wieder gefunden. Foto: Ahrends
Frank und Bettina Baumann haben nach einer anstrengenden Zeit ihren Frieden wieder gefunden. Foto: Ahrends

Heute ist Baumann froh, dass er nicht mehr jeden Tag ins Rathaus muss. „Es war für mich eine anstrengende, aber auch eine erfüllende Zeit“, erzählt der 57-jährige Verwaltungsfachmann. Als sich die Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat nach der Kommunalwahl 2016 änderten und die langjährige SPD-Mehrheit dahin war, wurde es auch für den Bürgermeister schwieriger. Plötzlich wehte ein rauerer Wind – die Kritik wurde zunehmend persönlicher. „Wenn ich abends zur Tür rein kam, konnte Bettina schon an meinem Gesicht erkennen, ob wir jetzt eine Tasse Tee oder einen Obstler trinken müssen“, sagt Frank Baumann.

Das Ende der politischen Karriere

Seine Frau schaut ihn dabei an und kann das bestätigen: „Was dir aber am meisten zugesetzt hat, waren diese zwischenmenschlichen Anfeindungen.“ Frank Baumann nickt traurig und bezeichnet sich selbst als sehr „emotionalen Menschen“. Er habe das alles nicht gut wegstecken können. Zuerst zog er sich aus dem sozialen Netzwerk Facebook zurück, dann auch immer mehr aus seiner Position. 2020 hat Baumann der SPD mitgeteilt, dass er nicht noch einmal antreten möchte. Das war das Ende seiner politischen Karriere.

Ausschlaggebend war ein Ereignis beim Mittagessen mit der Familie. „Plötzlich merkte ich, dass meine Hand, mein ganzer Arm kribbelt bis in den Kopf hinein“, erinnert sich Baumann. Seine Sprache sei undeutlich geworden, fügt Ehefrau Bettina hinzu. Einen Rettungswagen wollte er nicht – also brachte ihn seine Frau ins Krankenhaus.

Leichter Schlaganfall

Frank Baumann hatte einen leichten Schlaganfall.„Das war ein Warnschuss. So konnte es nicht weitergehen“, sagt er heute. Denn die Gesundheit sei das Wichtigste im Leben – also musste er seine Konsequenzen ziehen. Somit war der Lebenstraum vorbei. Über 40 Jahre lang war Frank Baumann bei der Gemeinde beschäftigt. „Ich wollte schon in der Ausbildung immer Chef im Rathaus werden“, sagt er und lächelt. Aber nun sei er stolz darauf, dass er mit dafür gesorgt habe, dass in Pewsum ein neues Rathaus steht und wohl auch noch Jahrzehnte lang stehen wird. Dafür habe er sich eingesetzt, genauso wie für einen neuen Bauhof, einen neuen Edeka-Markt und die Dorferneuerung in sieben Ortschaften.

Seinen letzten Tag im Rathaus werde er nie vergessen, sagt Frank Baumann und dabei leuchten seine Augen. „Ich saß an meinem Schreibtisch und trank ein Abschiedsbier mit ein paar Kollegen. Plötzlich spielte draußen der Posaunenchor“, erzählt er. Er schaute aus dem Fenster – und dort stand nicht nur der Chor, sondern die gesamte Belegschaft der Gemeinde.

Pläne für die Zukunft

Hinten auf einem Pritschenwagen sei er dann zusammen mit seiner Familie zum Bauhof gebracht worden, begleitet von der Feuerwehr. Dort sei für 120 Leute eingedeckt gewesen, es gab eine Bierbude und ein Grill-Buffet. Die Party konnte beginnen. Für den Bürgermeister war es einer der schönsten Tage im Leben. Nach einem Jahr zu Hause will er sich jetzt bald wieder mehr engagieren. So hat er sich für eine ehrenamtliche Mitarbeit im Hospiz in Hage angemeldet und eine Ausbildung zum Gästeführer gemacht. Außerdem möchte Baumann wieder mehr Theater spielen und Musik machen.

Die Eheversprechen im Pilsumer Leuchtturm besiegelt er immer noch. Früher waren es zwei oder drei im Jahr – heute sind es fast 100. Aber Frank Baumann kann sich auch vorstellen, mal etwas ganz Anderes zu machen: „Vielleicht Autos aufs Schiff fahren im Emder Hafen oder an der Rezeption eines Hotels stehen.“ Das turbulente Leben als Bürgermeister ist jedenfalls vorbei.

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