Vorstoß beim „Containern“ Wer Lebensmittel rettet, soll künftig straffrei bleiben
Die Bundesregierung wirbt dafür, das Containern straffrei zu stellen. Ostfriesische Lebensmittler versuchen, Abfälle zu reduzieren. Sie spenden nach eigener Aussage lieber, als etwas wegzuwerfen.
Berlin/Leer - Containern wird es genannt, wenn Menschen Lebensmittel aus den Abfallcontainern von Supermärkten holen. Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft werden in Deutschland jährlich zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Die Bundesregierung wirbt jetzt dafür, das Containern künftig straffrei zu stellen, umsetzen sollen das die Länder.
In Niedersachsen seien Strafverfahren im Zusammenhang mit dem Containern ohnehin selten, teilt das Niedersächsische Justizministerium auf Nachfrage mit. „Deswegen sehen wir keinen dringenden Handlungsbedarf. Allerdings hat Justizministerin Dr. Kathrin Wahlmann auch keine durchgreifenden Einwände gegen den aktuellen Vorschlag“, heißt es weiter. Auch andere Bundesländer haben ihre Zustimmung signalisiert.
Lebensmittel-Märkte arbeiten mit Tafeln zusammen
Kritischer sieht man das Containern auf Seiten der Lebensmittelhändler. „Wir sehen das aus gesundheitlichen Gründern als problematisch an“, erklärt Dr. Christiane Kolass, Leiterin der Unternehmenskommunikation von Büntig. „Grundsätzlich haben wir ein großes Interesse daran, der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken.“ Man arbeite schon lange mit den örtlichen Tafeln zusammen. „Darüber hinaus disponieren wir den Einkauf so, dass nahezu alle Waren verkauft werden, um eine Vernichtung zu minimieren“, teilt sie mit.
Auch beim Markant-Markt in Leer-Loga werden übriggebliebene Lebensmittel erstmal verschenkt, bevor sie in den Müll wandern. „Wir arbeiten eng mit dem Roten Kreuz zusammen“, sagt Inhaber Ralf Blodau. Bisher sei es ein einziges Mal vorgekommen, dass jemand beobachtet worden sei, wie er Lebensmittel aus dem Abfallcontainer geholt habe. „Wenn die Lebensmittelreste noch jemand mitnimmt, ist es für mich nicht tragisch“, sagt er. Anzeige habe er nicht erstattet. Was bei den Multi-Märkten im Container lande, „ist auch wirklich nicht mehr verzehrbar“, betont Christian Brahms, Geschäftsführer des Multi-Marktes in Emden. „Wir halten den Anteil der Dinge, die wir wegschmeißen müssen, so gering wie möglich.“ Die Multi-Märkte arbeiteten seit Jahren mit den Tafeln in Ostfriesland zusammen, außerdem gebe es eine Kooperation mit der Lebenshilfe, bei der Lebensmittel, die äußerlich nicht mehr ganz tadellos seien, weiterverarbeitet würden – und zum Beispiel eingelegt im Glas zurückkommen.
Jeder Verbraucher wirft 78 Kilo Lebensmittel pro Jahr weg
Beim Containern gehe es häufig gar nicht darum, satt zu werden, sondern um „die Idee des abenteuermäßigen, gemeinschaftlichen Events“, mit einer antikapitalistischen, konsumkritischen Haltung, sagt Ulrich Jürgens vom Geographischen Institut in Kiel. Die Lebensmittel würden in der Regel mit viel Liebe gesammelt, sagt der Professor, der zu Lebensmittelverschwendung forscht.
Es gibt keine öffentlich zugänglichen Auflistungen darüber, wie viel genießbare Lebensmittel in Supermärkten weggeworfen werden – aber es dürfte eine Menge sein, schätzt Jürgens.
Jeder Verbraucher in Deutschland wirft laut Bundeslandwirtschaftsministerium im Schnitt 78 Kilogramm pro Jahr weg. Das sind 59 Prozent der Lebensmittelabfälle. Im Handel entstehen 7 Prozent der Abfälle, etwa durch zu große Bestellmengen. In Frankreich ist es großen Einzelhändlern verboten, Lebensmittel wegzuwerfen, sie müssen gespendet werden. Ein solches Gesetz lasse in Deutschland weiter auf sich warten, kritisiert Sabine Werth, die an diesem Dienstag vor 30 Jahren in Berlin die erste Tafel in Deutschland gründete – inzwischen gibt es bundesweit fast 1000. „Solange das Wegwerfen von Lebensmitteln nicht verboten sein darf, kann auch das Retten von Lebensmitteln nicht verboten sein“, sagte Werth mit Blick auf das Containern.
Mit Material von DPA