Anlaufstelle geplant  Post-Vac-Syndrom – Selbsthilfe wird vom Gesundheitsamt Leer unterstützt

Karin Lüppen
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Von Karin Lüppen
| 20.02.2023 11:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Atemtraining kann für Menschen mit Long Covid oder Post-Vac-Symptomen eine Erleichterung bringen. Foto: Friso Gentsch/dpa
Atemtraining kann für Menschen mit Long Covid oder Post-Vac-Symptomen eine Erleichterung bringen. Foto: Friso Gentsch/dpa
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Die Corona-Impfung hat bei etlichen Menschen Beschwerden ausgelöst. Wie können sie jetzt Hilfe bekommen? Wir haben Amtsärztin Heike de Vries gefragt.

Leer - Für die meisten Menschen war die Corona-Impfung keine große Sache. Ein Stich, vielleicht eine Rötung oder ein unangenehmer Druck im Arm, der bald vorbeiging. Etliche Menschen spüren aber noch Monate später Beschwerden, die ihnen den Alltag erschweren: Sie haben Schmerzen, sind schnell erschöpft oder können sich nicht konzentrieren. Betroffene fordern vom Landkreis Leer eine Anlaufstelle für das sogenannte Post-Vac-Syndrom – aber ob und wann eine solche kommt, ist offen. Welche Hilfe gibt es aktuell?

Was und warum

Darum geht es: Eine offizielle Anlaufstelle für Impfgeschädigte gibt es derzeit nicht. Es steht aber eine andere Möglichkeit offen.

Vor allem interessant für: Menschen, die nach der Corona-Impfung anhaltende gesundheitliche Probleme haben

Deshalb berichten wir: Betroffene meldeten sich kürzlich im Sozialausschuss des Landkreises Leer zu Wort. Sie wünschen sich eine Anlaufstelle.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de

Eine Möglichkeit steht den Menschen mit schweren Nebenwirkungen oder Impfschäden bereits jetzt offen: „Sie können sich an unsere Kontaktstelle Selbsthilfe beim Gesundheitsamt in Leer wenden“, sagt Amtsärztin Heike de Vries. Einige Betroffene haben sich bereits zusammengetan, sie könnten eine eigene Selbsthilfegruppe gründen und dafür sowohl fachlichen Rat wie auch weitere Unterstützung erhalten. Eine Gruppe für Long-Covid-Patienten gebe es im Landkreis Leer bereits, so de Vries.

Es gibt schon eine Long-Covid-Gruppe

„Sie haben das Angebot angenommen, eine Gruppe gegründet und dafür einen Zuschuss beantragt“, so de Vries. Die Long-Covid-Gruppe werde von den Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamtes, Anna-Lena Dannen und Susanne Kreyenbrock eng begleitet und mit Informationen versorgt, zum Beispiel von einem Fachkongress zum Thema Long Covid, der in Jena im November stattgefunden hat. Eine solche Begleitung wäre laut de Vries ebenfalls für Post-Vac-Betroffene möglich.

Schon der gegenseitige Austausch unter Betroffenen in einer solchen Gruppe kann Halt geben und Zugang zu Informationen bieten, nach denen man allein lange suchen müsste. Dass eine Selbsthilfegruppe weit mehr sein kann als nur ein monatlicher Austausch unter Betroffenen zeigen eindrucksvolle Beispiele aus dem Landkreis Leer.

Drei Beispiele für wirksame Selbsthilfe

So hat die unermüdliche Arbeit des Vereins Mukoviszidose in der Regionalgruppe Ostfriesland dafür gesorgt, dass die Forschung zu dieser schweren Lungenerkrankung vorangetrieben wurde. Die von Theo und Hilde Freerks aus Moormerland gegründete Regionalgruppe half nicht nur anderen Eltern mit Beistand, sondern sammelte mit Veranstaltungen wie einer Autobahnfete viel Geld, das in die Forschung und die Hilfe für betroffener Familien floss.

Ähnlich der Elternverein für krebskranke Kinder: Wie die Mukoviszidose-Gruppe besteht dieser seit mehr als 30 Jahren und hat über die Jahre viele Spenden gesammelt, die für Vorträge und gemeinsame Aktivitäten verwendet wurden, aber auch für die Forschung zur Verfügung gestellt werden konnte. Über Typisierungen konnten Knochenmarkspender gefunden werden. Als unschätzbar bezeichnen Mitglieder jedoch die moralische Hilfe, die nur Menschen geben können, die das gleiche Schicksal treffe.

Ein weiteres Beispiel ist der Verein Organtransplantierte Ostfriesland mit der Moormerländerin Barbara Backer an der Spitze. Sie setzt sich inzwischen bundesweit für die Belange von Patienten ein, die dringend ein Spenderorgan brauchen. Backer ist keine Unbekannte mehr, von einer Patientin – sie lebt seit 2004 mit einer Spenderleber – wurde sie zu einer Stimme der Organtransplantierten, die sich bis in die Bundesregierung hinein zum Beispiel dafür einsetzen, dass jeder Deutsche zum potenziellen Organspender wird. Der Verein hilft nach wie vor Menschen vor Ort, die erfahren, dass sie ohne ein Spenderorgan nicht weiterleben können, mit Rat und Tat.

Seltene Krankheiten machen Probleme

Das sind nur drei Beispiele, viele Gruppen wirken nicht so öffentlichkeitswirksam. „Es gibt sehr viele seltene Krankheiten, bei denen die Diagnose schwierig ist und die Betroffenen oft lange Wege machen müssen, bis sie auf Verständnis und die richtigen Ärzte treffen“, weiß de Vries. Nicht anders sei es beim Post-Vac-Syndrom. Zumal es im Zusammenhang mit der Corona-Impfung noch kaum gesicherte Forschung gebe. „Wir kennen die Ursachen nicht“, sagt die Amtsärztin. Sie sieht aber viele Ähnlichkeiten mit Long Covid.

Derzeit scheine es so, als gebe es sehr viele Betroffene. Es gibt eine Registrierung beim Paul-Ehrlich-Institut. Ärzte, die bei ihren Patienten eine über normale Nebenwirkungen hinausgehende Schädigung feststellen, können sie dort eintragen. „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir eine Massenimpfung hinter uns haben“, sagt de Vries. Bei jeder Schutzimpfung könnten schwere Nebenwirkungen oder sogar Impfschäden auftreten.

Bei Millionen von Corona-Impfungen innerhalb eines Jahres sei es kaum verwunderlich, dass die Nebenwirkungen geballt aufträten. Umso wichtiger sei es nun, zu gesicherten Erkenntnissen zu kommen und diese an Ärzte und Betroffene weiterzugeben. Eine Selbsthilfegruppe biete den Betroffenen die Möglichkeit, immer im Austausch mit anderen und dem Gesundheitsamt zu bleiben. Insofern empfiehlt de Vries die Gründung solch einer Gruppe.

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