Lübeck  Katja Diehl: Mit so viel Hass reagiert das Netz auf Aussagen der Klima-Aktivistin

Joshua Hirschfeld, Patrick Christoph Niemeier
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Von Joshua Hirschfeld, Patrick Christoph Niemeier
| 18.02.2023 19:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wurde für ihre Aussagen im Netz angefeindet: Die Mobilitätsexpertin Katja Diehl Foto: IMAGO/Jürgen Heinrich
Wurde für ihre Aussagen im Netz angefeindet: Die Mobilitätsexpertin Katja Diehl Foto: IMAGO/Jürgen Heinrich
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Auf einer Veranstaltung in Lübeck sagte Verkehrswende-Aktivistin Katja Diehl: „Wir nehmen den Deutschen den Traum vom eigenen Auto und vom Eigenheim. Dessen müssen wir uns bewusst sein.“ In den sozialen Netzwerken überschwemmt Diehl seitdem eine Welle des Hasses. Doch sie erfährt auch Solidarität.

Katja Diehl wird regelmäßig zur Zielscheibe. Hass, Hetze und Herabwürdigungen prasseln im Netz auf die Verkehrswende- und Klimaschutz-Aktivistin ein. Ob nach einem Auftritt bei Anne Will im Fernsehen oder jetzt nach dem Auftritt bei der Lübecker Ortsgruppe von Fridays For Future, bei der auch shz.de vor Ort war.

Doch was war überhaupt geschehen? Katja Diehl sprach auf jener Veranstaltung über ihre Vorstellungen zur Mobilitätswende. Sie schwieg dabei auch nicht über mögliche oder notwendige Konsequenzen, die es aus ihrer Sicht gibt. Es fällt der Satz: „Wir nehmen den Deutschen den Traum vom eigenen Auto und vom Eigenheim.“ Und weiter: „Dessen müssen wir uns bewusst sein.“ Wir berichteten.

Ihre Aussage und unsere Berichterstattung werden plötzlich – fast erwartbar mit Blick auf die Geschichte Diehls – zum Ausgangspunkt eines deutschlandweiten Shitstorms in den sozialen Netzwerken, der sogar Österreich erreicht. Am Ende stellt Katja Diehl ihr Twitter-Profil auf privat. Es ist somit nicht mehr öffentlich einsehbar.

Losgetreten wurde der Shitstorm wohl, als der Chefredakteur der WELT, Ulf Poschardt, auf die Äußerung Diehls aufmerksam wurde. Er kommentierte auf Twitter:

In den Kommentaren zu diesem Post äußert sich dann in der Folge auch der FOCUS-Kolumnist Jan Fleischhauer mit den Worten: „In Deutschland auch nicht.“ Es ergießt sich eine Welle der persönlichen Angriffe und Anfeindungen gegen Katja Diehl:

Auch Medien, die am äußeren rechten Rand des Meinungsspektrums verortete werden, greifen unsere Berichterstattung auf. „Tichys Einblick“ zieht aus dem Zitat der Mobilitätsexpertin dabei den eigenwilligen Schluss: „In bemerkenswerter Offenheit verkündet die von der Bundesregierung mehrfach preisgekrönte Autorin Katja Diehl, dass Verarmung das Ziel ihres Aktivismus ist.“ Der genaue Zusammenhang zwischen der von Diehl gesehenen Notwendigkeit von weniger Pkw und der Verarmung der Bevölkerung wird nicht klar.

Thematisiert wird in vielen Tweets, dass Diehl gar nicht über die Kompetenz verfüge, sich zu Verkehrsthemen zu äußern. Das gebe wieder ihr Studium noch ihre berufliche Laufbahn her, wird immer wieder betont.

Das österreichische Boulevardblatt „exxpress“ spricht in seiner Berichterstattung von einem „Eklat“ und schreibt: „Klima-Ministerin Leonore Gewessler (Grüne) hat sich mit Katja Diehl (50) eine bekennende Autohasserin und tatkräftige Unterstützerin der Klima-Chaoten ins Berater-Team geholt.“ Diehl wurde 2020 zur Beirätin der österreichischen Klimaschutzministerin Gewessler berufen.

Und die Kreise, die all das zieht, werden immer größer. Denn auf jene Berichterstattung wiederum springt der Delegationsleiter der FPÖ im Europäischen Parlament, Harald Vilimsky, an:

Auch deutsche Politiker äußern sich durchaus zur kontroversen Aussage Katja Diehls. FDP-Mann Oliver Luksic, Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium, lässt Emojis reden:

Markus Patzke, Kommunalpolitiker der CDU aus Nordrhein-Westfalen, bezeichnet Katja Diehl in einem Tweet sogar als Extremistin:

Doch Katja Diehl erfährt ebenso Unterstützung und Solidarität. Lorenz Gösta Beutin, stellvertretender Vorsitzender der Partei DIE LINKE etwa beklagt die „Treibjagd auf Einzelne“ und bekundet seine Solidarität mit der Mobilitätsexpertin:

Und auch weitere Nutzer zeigen ihre Unterstützung:

Darunter auch die Lübecker Ortsgruppe von Fridays For Future, auf deren Veranstaltung die Aussage gefallen war, die den Shitstorm auslöste.

Außerdem wird auch kommentiert, wie der Shitstorm überhaupt zustande kam und wer ihn mit seinen Tweets befeuerte.

Problematisiert wird durchaus auch die Zuspitzung auf einen Satz oder dass sich nur auf eine Überschrift bezogen wird, ohne offenbar den Artikel gelesen zu haben, wodurch der Kontext der Aussage verloren gehe. Für den Nutzer Mario Sixtus ist die Aussage Katja Diehls weniger als Kampfansage als vielmehr als eine Selbstreflexion zu verstehen.

Und Katja Diehl? Die gibt sich anfangs kampfeslustig, reagiert immer wieder mit eigenen spitzzüngigen Bemerkungen auf die Hass-Kommentare, die ihr entgegenschlagen – bis sie dann doch die Schutzwand vor ihrem eigenen Twitter-Account hochzieht und diesen auf „privat“ schaltet.

In einem Tweet schrieb sie, dass sie mittlerweile Morddrohungen erhalte. Anwälte seien entsprechend eingeschaltet worden.

Vor wenigen Tagen, als sie nach der Ausstrahlung einer Anne-Will-Sendung schon einmal ein Shitstorm ereilte, schrieb sie auf ihrer Website:

Plattformen wie Twitter lebten von der Empörung, schreibt sie. Und weiter:

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