Wettbewerb in Emden Wie Henri Nannen bis heute Schüler fürs Forschen begeistert
In Emden findet der 40. Regionalwettbewerb „Jugend forscht“ statt. Entwickelt hat das Format in den 1960er-Jahren Henri Nannen. Was macht es bis heute so erfolgreich?
Emden - Wohl jedes Kind und jeder Jugendliche hat in der Schule ein Fach, das ihm oder ihr nicht liegt. Bei Nele Drüner ist das nicht anders. Deutsch, sagt die 17-jährige Abiturientin freundlich lachend, sei so gar nicht ihr Ding. „Da quäle ich mich durch.“ Anstatt Werke wie Georg Büchners „Woyzeck“ zu analysieren, befasse sie sich lieber mit Naturwissenschaften. Mit 15 (von 15 möglichen) Punkten in Mathematik, 14 in Chemie und 13 in Physik spiegeln sich ihre Interessen auch im Zeugnis wider, wobei 13 Punkte in Physik ihre – in Anführungszeichnen – schlechteste Note ist; neben Deutsch. Auch da hat die bemerkenswerte Schülerin des Emder Johannes-Althusius-Gymnasiums „nur“ 13 Punkte.
Was und warum
Darum geht es: um den Wettbewerb „Jugend forscht“, der von einem bekannten Emder ersonnen wurde
Vor allem interessant für: Schüler, Eltern und Lehrer, die sich für MINT-Fächer interessieren
Deshalb berichten wir: Am Donnerstag war in Emden der 40. Regionalwettbewerb „Jugend forscht“. Die Redaktion war vor Ort, um mit Beteiligten ins Gespräch zu kommen. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Am Donnerstagvormittag sitzt Nele Drüner nicht wie sonst üblich um diese Uhrzeit im Klassenzimmer. Sie muss sich auch nicht mit Büchner, Böll oder anderen Literaten beschäftigen. Sie steht im Foyer der Berufsbildenden Schule II Emden. Auf einem Tisch neben ihr hat sie das Ergebnis von zig Forschungsstunden in ihrer Freizeit aufgebaut.
Mehr als 100 Nachwuchsforscher nehmen teil
Es ist eine von ihr durchdachte und entwickelte Apparatur zur Untersuchung von Lichteffekten. Grob gesagt hat sich Nele Drüner in den vergangenen Monaten mit der Frage befasst, wie man Oberflächen mit Hilfe von Lichteffekten untersuchen kann. Der dazugehörige Fachbegriff lautet „Speckle“, aber damit können die meisten nicht viel anfangen. Viel wichtiger für die 17-Jährige im BBS-Foyer ist, ob sie mit ihrer Arbeit eine Expertenjury aus Lehrern, Professoren oder Wirtschaftsvertretern überzeugen kann.
Nele Drüner ist eine von gut 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Regionalentscheid des bundesweiten Wettbewerbs „Jugend forscht“. Einmal im Jahr kommen Kinder und Jugendliche aus dem gesamten nordwestlichen Niedersachsen in Emden zusammen, um alleine oder in Gruppen von maximal drei Köpfen das Ergebnis eines Forschungsprojekts vorzustellen.
Starke Marke vom Stern-Herausgeber
Was wohl die wenigsten der höchstens 21 Jahre alten Teilnehmer wissen dürften: Die Idee zu diesem deutschlandweit seit Jahrzehnten erfolgreichen Wettbewerb hatte ein Ostfriese, genauer ein gebürtiger Emder: 1965 rief der Herausgeber des Stern und spätere Kunsthallen-Stifter Henri Nannen die Marke „Jugend forscht“ ins Leben. Seitdem haben Hunderttausende Kinder und Jugendliche teilgenommen. „Es wächst immer noch“, sagt Georg Janssen.
Janssen ist Lehrer für Metalltechnik und Physik an den BBS II Emden und seit einigen Jahren Leiter des Wettbewerbs in der Region Emden. Das Einzugsgebiet reicht im Osten bis nach Cuxhaven und Rotenburg (Wümme). Wer sich in der Region mit seinem Beitrag durchsetzt, darf sich in einem der 16 Landesentscheide zeigen. Die höchste Stufe ist der Bundesentscheid.
Zwei Wochen in London
Nele Drüber hat es im vergangenen Jahr bis dorthin geschafft. Für ihre Forschungsarbeit im Bereich LED-Technik bekam sie einen Sonderpreis und wurde zu einem zweiwöchigen Treffen von internationalen Nachwuchswissenschaftlern in London eingeladen. Über „Jugend forscht“ sagt sie: „Es hat mir alle Türen geöffnet.“ Vor allem aber hat es die Emderin nachhaltig geprägt. Sie ist seit der sechsten Klasse immer wieder dabei. Es habe ihr geholfen, Vorträge zu halten, wissenschaftlich zu denken und zu arbeiten. Und es habe ihren Berufswunsch geändert. „Eigentlich wollte ich Psychologie studieren“, sagt sie. Mittlerweile läuft es auf Physik mit dem Schwerpunkt Astronomie hinaus.
Wie sehr das von Henri Nannen groß gemachte Konzept auch fast 60 Jahre später Jugendliche für Forschung und Technik begeistern kann, lassen am Donnerstag in den Emder BBS II auch Rupert Ihering und Jann Sanders erkennen. Die beiden aus dem diesjährigen Abschlussjahrgang des Leeraner Ubbo-Emmius-Gymnasiums sitzen ganz am Ende des langen Foyers an einer Drohne. Seit zwei Jahren tüfteln sie daran, alle wesentlichen Teile haben sie selbst entworfen und im 3D-Druck hergestellt, sagen sie.
Das Interesse der Wirtschaft ist geweckt
Das Gerät hat imponierende Ausmaße und wiegt ihnen zufolge rund 13 Kilogramm. Sie haben die Drohne entwickelt, um „möglichst schnell ein zwei Kilogramm schweres Paket über größere Entfernungen zu transportieren“, so Rupert Jhering. Mit ihrem Projekt waren sie bereits im vergangenen Jahr beim Wettbewerb dabei. Es hat ihnen so gut gefallen, dass sie die Drohne einfach immer weiter verbessert und entwickelt haben.
Für ihre Arbeit, die von Nele Drüner und allen anderen Wettbewerbsteilnehmern interessieren sich an diesem Tag nicht nur die Mitglieder der Jurys der sieben verschiedenen Fachrichtungen. Der Präsentationstag sei auch für Arbeitnehmer im MINT-Bereich eine willkommene Gelegenheit, mit möglichen Nachwuchskräften ins Gespräch zu kommen, sagt Georg Janssen. „Es zieht auch Leute aus Ausbildungsbetrieben an“, so der Pädagoge und Leiter des Regionalwettbewerbs. Henri Nannen habe es geschafft, dass so gut wie jeder die Marke „Jugend forscht“ kenne. Das Bewusstsein dafür reiche „bis tief in die Wirtschaft“.