Über junge Heldinnen und Helden  Ostfriesland hat viel Feuerwehr-Nachwuchs

Dorothee Hoppe
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Von Dorothee Hoppe
| 19.02.2023 14:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Neele (rechts) setzt Sontke probehalber mal einen Helm auf, der im Einsatz getragen wird. Noch ist der Helm aber zu groß. Foto: Ortgies
Neele (rechts) setzt Sontke probehalber mal einen Helm auf, der im Einsatz getragen wird. Noch ist der Helm aber zu groß. Foto: Ortgies
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Um Kinder und Jugendliche über Feuer zu unterrichten, gibt es Infoveranstaltungen. Doch vor allem gibt es die Kinder- und Jugendfeuerwehren. Ostfriesland hat über 180 Gruppen.

Ostfriesland - Ein kleiner Junge macht sich gerade für die Schule fertig, als er ein Feuer in seinem Zuhause entdeckt. Schnell informiert er seine Mutter und seinen Bruder. Die Familie verlässt das Haus und bringt sich bei Nachbarn in Sicherheit.

Schulungen an Kitas und Schulen

Damit Kinder und Jugendliche wissen, was zu tun ist, wenn sie ein Feuer entdecken, gibt es zum Beispiel Menschen wie Matthias Rieken. Er ist bei der Freiwilligen Feuerwehr Norden für die Brandschutzerziehung in Schulen und Kindergärten zuständig. Aber was bedeutet das? „Wir wollen Kindern die Gefahren von Feuer und Rauch vermitteln und wie sie sich bei so etwas verhalten sollten“, sagt Rieken. Bei der Feuerwehr ist er in seiner Freizeit. Beruflich arbeitet er in einem Kindergarten – er weiß also genau, wie man etwas gut erklärt.

„Vor allem bei den kleineren Kindern ist es wichtig, dass sie sich nicht vor einem Feuer verstecken“, sagt Rieken. „Wichtig ist, dass sie direkt den Eltern, Geschwistern oder Oma und Opa Bescheid geben, wenn sie ein Feuer entdecken“, betont der Feuerwehrmann. Es komme natürlich auch auf das Alter an. „Wenn ältere Kinder allein sind, müssen sie den Raum mit dem Feuer verlassen und den Notruf wählen.“ Bei größeren Häusern mit mehreren Bewohnerinnen und Bewohnern sei es zudem wichtig, bei einem Brand auch die Nachbarn zu warnen. Grundsätzlich sei man aber nie zu jung, um den Notruf zu kennen: Unter 112 erreicht man die Feuerwehr telefonisch, wenn es bei einem Zuhause oder woanders brennt.

Neben den Beschreibungen, was im Fall eines Feuers wichtig ist, geht es bei den Schulungen von Matthias Rieken auch um den Notruf. Die Fahrzeuge und die Ausrüstung der Feuerwehr spielen ebenfalls eine große Rolle bei seinen Terminen an Schulen und Kindergärten. „Das ist für die Kinder das Highlight“, sagt der Erzieher und lacht. „Wo das Feuerwehrauto steht, ist immer eine der ersten Fragen. Oft wird auch gefragt, was mein größter Einsatz war“, erzählt er.

Das ist vor knapp anderthalb Wochen tatsächlich so passiert: Am 8. Februar rückte die Freiwillige Feuerwehr Norden in die Hasenstraße aus und löschte das Feuer im Zuhause des kleinen Jungen. Der Rettungsdienst untersuchte die Familie. Durch das schnelle Handeln des Jungen blieben alle unverletzt.

Die alarmierte Freiwillige Feuerwehr Norden ging am 8. Februar unter Atemschutz in das verrauchte Gebäude in der Hasenstraße in Norden und löschte das Feuer. Foto: Freiwillige Feuerwehr Norden
Die alarmierte Freiwillige Feuerwehr Norden ging am 8. Februar unter Atemschutz in das verrauchte Gebäude in der Hasenstraße in Norden und löschte das Feuer. Foto: Freiwillige Feuerwehr Norden

Ob er kleine Norder Mitglied in einer der vielen Kinder- oder Jugendgruppen von Ostfriesland ist, mal in einer Brandschutz-Schulung war oder einfach aus Intuition gehandelt hat, weiß diese Zeitung nicht. Aber es gibt solche Schulungen für Kitas und Schulen und vor allem gibt es in Ostfriesland sehr viel Feuerwehr-Nachwuchs.

Spiel, Spaß und Ausflüge bei der Kinderfeuerwehr

In Ostfriesland gibt es 71 Kinderfeuerwehrgruppen. Bei ihnen geht es unter anderem um Verkehrs- und Brandschutzerziehung, aber auch Basteln und Experimente stehen auf dem Plan. Außerdem gibt es jedes Jahr Ausflüge, bei denen die Kinder zum Beispiel die Hundestaffel, die Polizei oder andere Feuerwehren mit besonderer Ausrüstung besuchen. Auch verschiedene Aktionen sind Teil der Kinderfeuerwehr. Im Frühling werden zum Beispiel bei der Gruppe in Großefehn die Geschwister der Feuerwehrkinder eingeladen. „So können sie uns direkt kennenlernen und kommen dann, wenn sie alt genug sind, auch zur Gruppe“, erklärt Annika Frieden. Sie ist Kinderfeuerwehrwartin der Kinderfeuerwehr West-Mittegroßefehn und Ulbargen im Landkreis Aurich.

In den Gruppenstunden wird auch öfter gebastelt, zum Beispiel ein Feuerdrache – eine Anzündhilfe für ein Streichholz. Foto: Ortgies
In den Gruppenstunden wird auch öfter gebastelt, zum Beispiel ein Feuerdrache – eine Anzündhilfe für ein Streichholz. Foto: Ortgies

Zur Kinderfeuerwehr kann man ab sechs Jahren. Ab zehn, spätestens mit zwölf Jahren, erfolgt er Wechsel in die Jugendgruppe. Dabei wird immer darauf geachtet, dass mindestens zwei Kinder zusammen wechseln. Nach der Teilnahme an der Kinderfeuerwehr sei der „Übertritt statt Austritt“, wie es bei der Feuerwehr heißt, typisch. „ Die Jugendfeuerwehr besteht zu 98 Prozent aus ehemaligen Mitgliedern der Kindergruppe“, sagt Frieden. Lana, die inzwischen als Betreuerin bei den Kindern dabeisitzt, sei dafür ein gutes Beispiel: „Sie war 2011 Gründungsmitglied unserer Kinderfeuerwehr, dann ist sie in die Jugendgruppe gegangen und jetzt fahre ich mit ihr Einsätze“, erzählt Frieden. Viele, die sich für den Übertritt entscheiden, bleiben dann erstmal drei bis vier Jahre. „Dann wird es in der Schule ernst und sie müssen schauen, ob sie das noch schaffen oder nicht“, weiß die Feuerwehrfrau aus Erfahrung. Es sei jedoch selten, dass jemand ganz aus der Feuerwehr austritt.

Unterschied von Kinder- und Jugendgruppe

„Bei den Kinderfeuerwehren ist alles etwas spielerischer. Erst bei der Jugendgruppe geht es dann richtig los“, sagt Dirk Jansen, Sprecher der Kinder- und Jugendfeuerwehren des Feuerwehrverbands Ostfriesland. „In der Jugendfeuerwehr lernen die angehenden Brandschützer dann vieles von dem, was sie später in der Einsatzabteilung benötigen.“ Dazu gehört zum Beispiel, wie man einen Schlauch richtig ausrollt. „Die Jugendlichen lernen außerdem, wie Feuer entsteht. So verstehen sie später leichter, wie sie einen Brand löschen können.“ Das Wissen wird dann wichtig, wenn es im Alter von 16 bis 18 Jahren in die Einsatzabteilung geht.

Ans schwere Gerät geht es für die Kinderfeuerwehr eigentlich noch nicht. Den Umgang lernen sie erst bei der Jugendgruppe. Foto: Ortgies
Ans schwere Gerät geht es für die Kinderfeuerwehr eigentlich noch nicht. Den Umgang lernen sie erst bei der Jugendgruppe. Foto: Ortgies

„Da wird es dann etwas umfangreicher.“ Ein Fokus liege beim Nachwuchs der Feuerwehr immer auch auf dem Gemeinschaftsgedanken und der Persönlichkeitsentwicklung. „Es werden auch Gemeinschaftsspiele gespielt, und die Jugendlichen unternehmen mit ihren Betreuern Ausflüge und Fahrten zu anderen Einrichtungen und veranstalten Zeltlager“, erzählt Jansen. Alle drei Jahre gebe es zum Beispiel das Zeltlager der ostfriesischen Jugendfeuerwehren. Im Jahr 2025 ist das nächste geplant. „Dieses Zeltlager hat eine Größenordnung um die 1200 Teilnehmer. Der Fokus liegt hierbei immer auch auf der Vermittlung von Werten wie Zusammenhalt, Kameradschaft und Hilfe am Nächsten“, sagt der Sprecher.

Alle wollen mitfahren, auch, wenn Annika Frieden (auf dem Fahrersitz) das Feuerwehrauto nur kurz rausbringt. Foto: Ortgies
Alle wollen mitfahren, auch, wenn Annika Frieden (auf dem Fahrersitz) das Feuerwehrauto nur kurz rausbringt. Foto: Ortgies

Bei der Kinderfeuerwehr geschieht das Kennenlernen der Feuerwehr spielerisch. Zum Beispiel werden bunte Punkte auf die Sitze im Feuerwehreinsatzfahrzeug geklebt. Die verschiedenen Farben sind den unterschiedlichen Aufgaben der Feuerwehrkräfte zugeordnet. So steht Blau zum Beispiel für den Wassertrupp und Gelb für die, die für die Feuerwehrschläuche zuständig sind. „Die Farben müssen die Kinder dann im Auto wiederfinden“, sagt Annika Frieden. „Wir wollen in der Kinderfeuerwehr auch noch kein Wissen vermitteln, das sie in der Jugendfeuerwehr besprechen, sonst hören sie das zu oft und es wird langweilig“, begründet die Kinderfeuerwehrwartin.

Früh für die Feuerwehr begeistern

Annika Frieden ist selbst im Jahr 2003 zur Freiwilligen Feuerwehr gekommen, damals war sie zehn Jahre alt. Doch sie ist nicht die Einzige aus ihrer Familie: Auch ihr Vater, ihre Mutter und ihr Bruder sind bei der Feuerwehr. Ihre Nichten sitzen mittlerweile in der Kindergruppe. Eigentlich arbeitet die 29-Jährige in einem Autohaus, aber wenn ihr Pieper losgeht, fährt sie zum Einsatz. In ihrer Freizeit organisiert sie viel für die Kinderfeuerwehr.

Greta ist eine von Annika Friedens Nichten. Die Mutter von Frieden sagte bei dem Anblick von Greta am Steuer des Feuerwehrautos: „Schau mal, deine Nachfolgerin sitzt schon auf deinem Platz.“ Foto: Ortgies
Greta ist eine von Annika Friedens Nichten. Die Mutter von Frieden sagte bei dem Anblick von Greta am Steuer des Feuerwehrautos: „Schau mal, deine Nachfolgerin sitzt schon auf deinem Platz.“ Foto: Ortgies

Aber warum macht die Feuerwehr in Ostfriesland so viel für ihren Nachwuchs? „Ganz einfach: Wir haben sehr starke Konkurrenz. Sportvereine fangen oft schon bei Vierjährigen an. Es ist schwierig, Kinder für uns zu gewinnen, wenn sie schon fest im Fußball-, Turn- oder Schwimmverein drin sind“, erklärt die Feuerwehrfrau.

Das wurde aus den Spenden von 2021

Bei der Weihnachtsaktion der Ostfriesen-Zeitung im Jahr 2021 kamen die Spenden den Kinderfeuerwehren in Ostfriesland zugute. Die zusammengekommenen 20.316,12 Euro wurden gut investiert: in 71 klappbare Bollerwagen. Diese wurden Ende Januar – gefüllt mit einer Slackline, Leibchen, Riesenmikado, Bastelmaterial, Straßenkreide, Wasser- und Fußbällen – an die Kinderfeuerwehren übergeben. Auch ein paar Süßigkeiten und Capri-Sonne haben es in die Wagen geschafft, weil noch etwas Geld übrig war. Es sollte für alle etwas dabei sein, sowohl für Kinderfeuerwehren, die es schon mehrere Jahre gibt, als auch für welche, die sich gerade erst gegründet haben.

„Die Kinder- und Jugendfeuerwehren stärken die ostfriesischen Feuerwehren massiv. Durch bereits im Kindes- und Jugendalter erlernte Fähigkeiten erhalten die Einsatzabteilungen gut vorausgebildete Einsatzkräfte“, sagt Manuel Goldenstein, Sprecher des Kreisfeuerwehrverbands Aurich. Er findet: „Die hohe Anzahl der Kinder- und Jugendfeuerwehren in Ostfriesland ist landesweit vorbildlich!“

An Jugendfeuerwehren gibt es in Ostfriesland 113 Stück. „Wäre es eine weniger, wäre es so eine schöne Zahl, eigentlich dürften wir dann weder eine schließen noch eine neue aufmachen“, meint Dirk Jansen vom Feuerwehrverband Ostfriesland und lacht. Er spielt auf die 1-1-2 an, mit der man als Notruf die Feuerwehr verständigen kann.

Kontakt zu den Gruppen

Die Treffen der Kinder- und Jugendgruppen der Feuerwehr finden wöchentlich oder alle zwei Wochen statt. Wer der Kinder- oder Jugendfeuerwehr beitreten oder erstmal zum Schnuppern vorbeikommen möchte, kann sich an die zuständigen Jugendfeuerwehrwartinnen und -warte wenden, die dann an die richtige Gruppe vermitteln: Für den Landkreis Aurich ist das Marco Päben, erreichbar per E-Mail über marco.paeben@njf.de oder telefonisch 0 176/ 24 13 82 51. In Emden kümmert sich Dirk Jansen um die Vermittlung an die richtige Stelle (dirk.jansen@njf.de, 0 175 / 90 50 469). Im Landkreis Leer ist es Günter Haase (kjfw@jf-landkreis-leer.de, 0 162 / 23 76 004) und im Landkreis Wittmund Bettina Bender (kjfw@kjf-wittmund.de, 0 157 / 32 081 222).

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