Lübeck  Mobilitätsexpertin Katja Diehl: „Wir nehmen den Deutschen den Traum vom eigenen Auto“

Joshua Hirschfeld
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Von Joshua Hirschfeld
| 15.02.2023 20:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Sprach in Lübeck über ihre Gedanken zur Mobilitätswende: Katja Diehl. Foto: Joshua Hirschfeld
Sprach in Lübeck über ihre Gedanken zur Mobilitätswende: Katja Diehl. Foto: Joshua Hirschfeld
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Bei ihrem Besuch der Lübecker Ortsgruppe von Fridays For Future spricht Mobilitätsexpertin Katja Diehl über ihre Vorstellungen für eine ernstzunehmende Verkehrswende. Für sie ist klar: Ohne größere Zumutungen wird es nicht funktionieren.

„Ich bin tatsächlich fassungslos“, steigt Katja Diehl ein. Die Mobilitätsexpertin und Autorin ist nach Lübeck gekommen, um mit der dortigen Ortsgruppe von Fridays For Future über die Mobilitätswende zu diskutieren. Sie spricht über Anreize und über Zumutungen. Beginnen aber tut sie mit einer scharfen Kritik an der derzeitigen Politik der Bundesregierung.

„Ich sehe mich mit einem Verkehrsminister konfrontiert, der nichts tut“, sagt Diehl. FDP-Mann Volker Wissing betreibe eine Politik des reinen „Weiter so“. Und niemand stemme sich dagegen – weder Bundeskanzler Scholz noch die Grünen.

Der Verkehrssektor gilt in der Klimapolitik als Sorgenkind. Regelmäßig verfehlt er die gesetzten Einsparziele. 2021 etwa wurden im Verkehr laut Bundesumweltamt 148 Millionen Tonnen an CO2 und anderen Treibhausgasen ausgestoßen – 1,2 Prozent mehr als 2020.

Die Menge für 2021 überschritt die im Klimaschutzgesetz festgeschriebene Höchstmenge um drei Millionen Tonnen. Der Verkehrssektor ist der somit der einzige, der in den vergangenen Jahrzehnten seine Treibhausgasemissionen nicht mindern konnte.

Ein von Verkehrsminister Wissing vorgelegtes Klimaschutz-Sofortprogramm erntete im vergangenen Jahr vom regierungseigenen Expertenrat für Klimafragen herbe Kritik. Die Vorschläge seien „schon im Ansatz ohne hinreichenden Anspruch“, um das für 2030 gesetzte Klimaziel zu erfüllen. „Ich weiß nicht, wie viele Schellen man noch kriegen muss, um endlich tätig zu werden“, kritisiert Expertin Diehl.

Es sei höchste Zeit, die Mobilitätswende ernsthaft in Angriff zu nehmen. Die Instrumente dafür seien da. „Wir brauchen nicht auf Hyperloop und Flugtaxis zu warten“, sagt die Mobilitätsexpertin, „Es gibt alle Ideen, die es braucht, schon jetzt.“ Mehr ÖPNV, mehr Radwege – und vor allem ein Ende der Bevorzugung des Autoverkehrs. Darum geht es Katja Diehl.

Man müsse sich fragen, so sagt sie, was das Auto wirklich für einen ist: Ein notwendiges Fortbewegungsmittel oder in Wahrheit nur ein Statussymbol. Für die Mobilitätsexpertin ist klar: In der Regel trifft letzteres zu. „Wir brauchen neue Statussymbole“, lautet entsprechend ihre Forderung.

Die Abkehr vom Auto hat für Diehl neben den positiven Wirkungen aufs Klima vor allem eine bessere Lebensqualität zur Folge. „Im Moment ist die Lebensqualität der Autos höher als die von uns Menschen“, klagt sie. Wenn Kinder etwa laufen lernten, dann lernten sie als erstes, wo sie nicht hinlaufen dürften – nämlich dahin, wo die Autos sind.

„Man muss den Leuten sagen: Du stellst hier deinen Lebensraum zu“, sagt die Mobilitätsexpertin. Es brauche eine Umverteilung des öffentlichen Raums. „Die große Kunst bei der Mobilitätswende ist Flächengerechtigkeit.“

Dass ordentlich Überzeugungsarbeit nötig ist, um die Menschen von ihren Autos loszueisen, das weiß Katja Diehl. „Wir nehmen den Deutschen den Traum vom eigenen Auto und vom Eigenheim. Dessen müssen wir uns bewusst sein“, sagt sie. Für sie aber führt kein Weg daran vorbei: „Wir müssen unsere Privilegien loslassen.“

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