BERLIN  Robert Habeck will CCS erlauben: Was Sie über die Technolgie wissen sollten

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 14.02.2023 16:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Noch gibt es Widerstand die gegen CO2-Einspeicherung in Deutschland. Robert Habeck will die umstrittene Technik trotzdem schnell erlauben, um das Klima zu schützen. Foto: Wolfgang Runge
Noch gibt es Widerstand die gegen CO2-Einspeicherung in Deutschland. Robert Habeck will die umstrittene Technik trotzdem schnell erlauben, um das Klima zu schützen. Foto: Wolfgang Runge
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Dänemark hat gerade die CCS-Weiche gestellt: Ab 2030 werden dort jedes Jahr Millionen Tonnen CO2 in den Meeresboden gepresst. Unter der deutschen Nordsee ließen sich sogar Milliarden Tonnen von dem Klimagas einlagern. Wann steigen wir in die umstrittene CO2-Speicherung ein?

Schon bis Mitte des Jahres will Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) den Weg zur Nutzung von CCS (Carbon Capture and Storage) ebnen. In Schleswig-Holstein wird erhitzt diskutiert, denn es gibt noch viele Gegner der CO2-Einspeicherung vor unseren Küsten.

Naturschützer warnen vor womöglich gefährlichen Lecks im Meer und einem Ausbremsen der Energiewende. Allerdings sind der Weltklimarat und die Bundesregierung überzeugt: Ohne CCS wird es nicht klappen, die Emissionen bis 2045 auf null zu senken und die Erderwärmung schnell genug zu bremsen. Die CO2-Einspeicherung wird damit zur Schicksalsfrage. Oder entsorgen wir unser Klimagas einfach in Dänemark und Norwegen?

Bei Carbon Capture and Storage (Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid) wird CO2 zunächst an Kraft- und Zementwerken oder Müllverbrennungsanlagen abgeschieden und verflüssigt. Eine Tonne CO2 lässt sich auf etwas mehr als einen Kubikmeter Volumen reduzieren.

Nach der Abscheidung muss das Kondensat an den Speicherort gelangen, per Schiff oder Pipeline, und in den Boden gepumpt werden. Ab etwa 2.000 Metern Tiefe versetzen Wärme und Druck das CO2 in einen „superkritischen“ Zustand, in dem es sich in porösem Buntsandstein ausbreiten kann. Damit es im Boden bleibt, braucht es Gebiete mit dicken Tonschichten über dem Buntsandstein; natürliche Deckel auf dem CO2-Speicher.

Die norwegischen Erfahrungen mit CCS reichen in die 1990er Jahre zurück. 2007 bezeichnete der damalige Ministerpräsident Jens Stoltenberg die Einrichtung einer Testanlage als „norwegische Mondlandung“. Seit 2009 sind alle Parlamentsparteien für die Einspeicherung von CO2 vor der Küste des Landes. Projekte werden mit Steuergeld vorangetrieben.

2024 soll in einem alten Erdgasfeld vor Bergen Klimagas aus einer Müllverbrennungsanlage und einem Zementwerk bei Oslo eingelagert werden. Bundeswirtschaftsminister Habeck (Grüne) will gesetzlich den Weg dafür frei machen, CO2 aus Deutschland nach Norwegen transportieren zu dürfen, um es dort speichern zu lassen.

Dänemark zieht nach: Vor einer Woche erteilte die Regierung in Kopenhagen einem Konsortium unter Beteiligung von Winterschall Dea die ersten Zulassungen, um ab 2030 in zwei Projekten unter der dänischen Nordsee Jahr für Jahr bis zu 13 Millionen Tonnen CO2 einzulagern. Das wäre doppelt so viel, wie die Dänen selbst emittieren: Es entstünde viel Speicherplatz für Kohlendioxid aus dem Ausland.

Vorläufige Schätzungen gehen von geeigneten Lagerstätten in der deutschen Nordsee für 4 bis 10 Milliarden Tonnen CO2 aus. Das Potenzial wird gerade im Rahmen des GEOSTOR-Projekts von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) genauer erfasst. „Die laufenden Arbeiten bestätigen, dass alleine im Buntsandstein jenseits der 12-Meilenzone einige Milliarden Tonnen gespeichert werden können“, sagt GEOSTOR-Projektkoordinator Klaus Wallmann. „Vor dem Hintergrund gehen wir davon aus, dass sich etwa 30 Millionen Tonnen pro Jahr in der deutschen Nordsee verpressen lassen.“

30 Millionen Tonnen pro Jahr, bei einer Speicherkapazität von drei Milliarden Tonnen: Wenn das stimmt, könnte 100 Jahre lang eingespeichert werden. Und zwar jährlich zehn Millionen Tonnen mehr, als die deutsche Zementindustrie ausstößt.

Dabei sei CCS vermutlich eine Übergangstechnologie, die in 30 oder 50 Jahren nicht mehr gebraucht werde. „Genaue Prognosen sind derzeit aber nicht möglich“, sagt CCS-Experte Wallmann.

„Es gibt in der Außenwirtschaftszone etwa 100 Kilometer vor den deutschen Küsten geeignete Gebiete mit Sandstein unter ausreichend dicken Tonschichten“, sagt Wallmann vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel (GEOMAR). Dort könne die Industrie das CO2 einspeichern, das wäre auch sehr weit von der einzigen deutschen Hochseeinsel Helgoland entfernt.

Also Entwarnung für das Wattenmeer: „Gebiete in Küstennähe werden nicht benötigt.“

Umweltschützer warnen vor Lecks, durch die CO2 entweichen könnte. Allerdings sind an den Speichern in Nord- und Barentssee, die teils schon seit Jahrzehnten betrieben werden, bis heute keine CO2-Leckagen festgestellt worden.

Wallmann hat mit seinem Team gleichwohl erprobt, was passiert, wenn im schlimmsten Fall 30 Tonnen CO2 pro Jahr aus einer Lagerstätte austreten, wie es bei lecken Bohrlöchern mit Erdgas geschieht. Das Ergebnis: Eine Versauerung des Bodenwassers, Schäden am Ökosystem. Aber nur auf einer sehr kleinen Fläche, knapp 50 Quadratmeter. Schon einige Meter von dem Leck entfernt ist kein überschüssiges CO2 mehr messbar.

„Was schlimmstenfalls aus solchen Bohrlöchern austritt ist eine Million mal weniger, als die CO2-Menge, die die Nordsee ohnehin Jahr für Jahr aus der Luft aufnimmt“, hält Wallmann fest. „Unsere Position ist deswegen: Besser, wir bringen das CO2 unter die Erde, als es zu emittieren. Denn Emissionen schaden nicht nur dem Klima, sondern auch den Ökosystemen der Nordsee.“

Selbst wenn noch 100 Jahre durch ein Bohrloch 10 Tonnen CO2 pro Jahr austreten, bis es irgendwann zu unschädlichem Hydrogencarbonat neutralisiert, würde weniger als 1 Prozent entweichen und mehr als 99 Prozent würden auf Dauer unten bleiben, sagt der Forscher.

„Ich sehe die Gefahr: Durch die CCS-Technologie wird die Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft lediglich hinausgezögert“, sagt Jörg-Andreas Krüger, Präsident des Naturschutzbundes (NaBu). Er unterstellt der Ampel-Regierung, einen „billigen Ausgang“ zu suchen und Klimaneutralität hinauszuzögern. Es dürfe „keine Carte blanche für CCS“ geben.

Das Umweltbundesamt kam noch vor vier Jahren in seiner RESCUE-Studie zum Ergebnis, auch ohne CCS könne Deutschland Treibhausgas-neutral werden, dank natürlicher CO2-Senken wie Moore und Wälder.

Inzwischen widerspricht selbst Bundesumweltministerin Steffi Lemke von den Grünen: „CCS werden wir für nicht oder schwer vermeidbare Emissionen aus der Industrie benötigen. Das sagen zahlreiche Studien“, lässt sie einen Sprecher antworten. Und im Habeck-Ministerium heißt es: Trotz aller Klimaschutzmaßnahmen werde CO2-Abscheidung „bereits ab 2030 im Megatonnen-Maßstab notwendig“. So ist es auch im jüngsten Evaluierungsbericht der Regierung von Ende des Jahres festgehalten. Denn auch bei vollendeter Energiewende bleiben fünf bis zehn Prozent an CO2-Emissionen, insbesondere aus der Zementproduktion und Müllverbrennung, die wir anders nicht loswerden.

Derzeit ist CCS in Deutschland faktisch verboten. Habeck will das im Hauruck-Verfahren ändern und „bis Mitte 2023“ eine Carbon-Management-Strategie ausarbeiten lassen, die „den Rahmen für CCS in Deutschland“ setzt, wie sein Ministerium mitteilt.

Weil die Zeit rennt und der Aufbau der Leitungen sehr lange dauert, sei womöglich schon vorher - also in wenigen Monaten - eine Anpassung des Kohlendioxid-Einspeicherungsgesetzes notwendig, und zwar mit dem Ziel, Planverfahren für CO2-Pipelines zu starten.

In einem ersten Schritt geht es um den Anschluss an „europäische CO2-Netze“ - also den Transport etwa nach Norwegen oder Dänemark.

Und was ist jetzt mit der deutschen Nordsee? Ein Sprecher Habecks betont, es sei „ausdrücklich keine Vorfestlegung darüber getroffen, wo das abgeschiedene CO2 gespeichert werden soll“.

Umweltministerin Lemke lässt eine gewisse Offenheit erkennen: „Wir werden vertieft prüfen, um Auswirkungen auf die Meeresökosysteme zu verhindern beziehungsweise zu minimieren“, sagt ihr Sprecher.

Von der Union im Bundestag wäre kein Gegenwind zu erwarten. „Wenn es sinnvoll und sicher ist und nicht über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden wird, gäbe es für CCS in Deutschland sicher auch die nötige Akzeptanz“, sagt Fraktionsvize Jens Spahn (CDU).

Nicht ganz. Denn CCS ist teuer und noch lange kein Geschäftsmodell. Es braucht Infrastruktur, Pipelines, Abtrennungsanlagen. Derzeit ist es für die Industrie in den meisten Fällen trotz Emissionshandel billiger, CO2 in die Luft zu blasen, als einspeichern zu lassen.

„Die gesamte CCS-Kette müsste preiswerter werden als der CO2-Ausstoß, etwa durch eine höhere CO2-Bepreisung“, sagt Experte Wallmann. Oder der Staat subventioniert CCS. Auch CO2-Zölle für die Einfuhr in die EU sind ein Hebel, um CCS wirtschaftlich zu machen.

Im Hintergrund laufen gerade viele Diskussionen. Es könnte auch noch darauf hinauslaufen, dass die deutsche Industrie ihr CO2 vor Norwegen oder Dänemark verpressen lässt. Dem Schutz von Klima und Natur wäre das wegen der längeren Transportwege freilich nicht dienlich.

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