Erinnerungskultur  „Wir dürfen dieses Deutschland nicht dem braunen Pack überlassen“

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 14.02.2023 17:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ivar Buterfas-Frankenthal zwischen Rico Mecklenburg, Präsident der Ostfriesischen Landschaft, und seiner Frau Dagmar bei der Veranstaltung in Emden. Es ist offensichtlich: Der Holocaust-Überlebende tritt vehement für seine Botschaft ein. Foto: Hock
Ivar Buterfas-Frankenthal zwischen Rico Mecklenburg, Präsident der Ostfriesischen Landschaft, und seiner Frau Dagmar bei der Veranstaltung in Emden. Es ist offensichtlich: Der Holocaust-Überlebende tritt vehement für seine Botschaft ein. Foto: Hock
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Zuerst in Leer, dann in Emden berichtete der Holocaust-Überlebende Ivar Buterfas-Frankenthal über seine und die Geschichte seiner Familie. Seine Mahnung an die junge Zuhörerschaft war deutlich.

Emden/Leer - 700 Schülerinnen und Schüler in Leer und knapp 200 in Emden hörten am Montag und Dienstag einem Mann zu: Ivar Buterfas-Frankenthal. Der 89-Jährige ist einer der letzten Überlebenden der Shoa, des Holocausts. Auf Einladung sprach er in dieser Woche in Ostfriesland.

Was und warum

Darum geht es: Der Holocaust-Überlebende Ivar Buterfas-Frankenthal hat vor Schülern in Leer und Emden gesprochen.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für Geschichte und Erinnerungskultur interessieren

Deshalb berichten wir: Die Zahl der Holocaust-Überlebenden sinkt. Ihre Zeugnisse festzuhalten, wird immer wichtiger.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Am 16. Januar 1933 wurde Ivar Buterfas in Hamburg geboren, als Sohn von Artisten, als Enkel von Dresdner Tabakunternehmern. Seine Mutter Christin, sein Vater Jude. 14 Tage später die Machtergreifung Hitlers und der Beginn des dunkelsten Kapitels Deutschlands. Nazis, davor warnt Buterfas-Frankenthal heute, sind nicht verschwunden.

Szenen eines Lebens

Was der Holocaust-Überlebende am Dienstag im Forum der VHS in Emden präsentierte, war kein klassischer Vortrag, keine Chronologie der Ereignisse, die ihm widerfahren sind. Vielmehr war es eine Mischung aus erinnernder Erzählung, aktuellen Bezügen und vor allem Mahnungen. Die Szenen aus dem Leben eines Juden im Hitler-Deutschland, der Nachkriegszeit und der jüngeren Vergangenheit waren dadurch nicht weniger eindrücklich.

Die Erzählung, wie Ivar Buterfas-Frankenthal kurz nach der Einschulung von der Grundschule geworfen wurde, weil man „für Juden keinen Platz“ mehr habe; wie andere Schüler ihm nachgejagt sind und versucht haben, ihn anzuzünden; wie man ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannte, er staatenlos wurde – und der gleiche Sachbearbeiter ihm nach dem Krieg wieder die Staatsbürgerschaft bescheinigte; der Gedanke daran, Deutschland doch noch zu verlassen, angesichts des Erstarken rechter, nationalistischer und fremdenfeindlicher sowie antisemitischer Ansichten in der heutigen Gesellschaft; das Erschrecken vor dem neuen Krieg mitten in Europa; die Angst und Unsicherheit nach Hoyerswerda, Mölln, Lübeck, Hagen, Halle und dem Mord an Walter Lübcke: „Als wir am 8. Mai 1945 befreit wurden, wurde ein neues Deutschland gegründet“, sagte Ivar Buterfas-Frankenthal am Dienstag in Emden. „Wir dürfen dieses Deutschland nicht dem braunen Pack überlassen.“

Persönliches Schicksal statt Geschichtsbuch

Seit nunmehr 30 Jahren ist Ivar Buterfas-Frankenthal, mittlerweile zusammen mit seiner Frau Dagmar, in Deutschland und auch im Ausland unterwegs und erzählt seine Geschichte. Die Geschichte des „Halbjuden“, dessen Familie mehrfach fliehen musste und nur mit Glück den Holocaust überlebte. Die Geschichte seines Vaters, der schon 1934 in die „Hölle am Waldrand“ gesteckt wurde – das KZ Esterwegen im Emsland. „Mein Vater war einer der ersten Moorsoldaten“, erzählte der 89-Jährige im VHS-Forum.

Rund 200 Schülerinnen und Schüler nahmen an der Veranstaltung im Emder VHS-Forum teil. Foto: Hock
Rund 200 Schülerinnen und Schüler nahmen an der Veranstaltung im Emder VHS-Forum teil. Foto: Hock

Es war viel, was die Schülerinnen und Schüler mehrerer Emder Schulen während des rund zweistündigen Vortrags verarbeiten mussten. Auf den Gesichtern ließ sich die ganze Bandbreite ablesen – von Rührung über Überforderung bis hin zum Versuch, all das Gesagte und vor allem die geschilderten Gräuel zu realisieren und zu verarbeiten. Die 19-jährige Franziska von Fehren sagte nach der Veranstaltung gegenüber dieser Zeitung, dass es gerade die persönliche Geschichte von Ivar Buterfas-Frankenthal sei, die die Vergangenheit greifbar mache. „Es ist nicht so allgemein wie in den Geschichtsbüchern, sondern sehr direkt.“ Auch Jonas Maarfeld, ebenfalls 19 Jahre alt, stimmt hier zu. Besonders mitnehmend sei es auch gewesen, einen Einblick in den Alltag der Verfolgten zu bekommen.

Verbindung reicht bis nach Emden

Für eine Schülerin war der Vormittag im VHS-Forum aus einem anderen Grund ein besonderer. „Ich hatte mich aus Interesse angemeldet“, sagte die 20-jährige Monika Stoltman gegenüber dieser Zeitung, nachdem sie eine Gemeinsamkeit mit Ivar Buterfas-Frankenthal entdeckt hat. Denn die Schülerin vom Max kommt gebürtig aus Konitz (polnisch: Chojnice) im früheren Westpreußen. Dorthin verschlug es auf der Flucht vor den Nazis auch die Familie Buterfas, bevor sie wiederum fliehen musste und zurück nach Hamburg ging, wo sie sich in zerbombten Kellern vor den Nazis versteckte, Konserven aus den Kellern der verlassenen Villen der „Nazi-Bonzen“ klaute, bis die Stadt befreit wurde.

„Mein Ur-Opa war auch in Auschwitz“, sagte Monika Stoltman. Gesprochen wurde darüber in ihrer Familie aber nie viel. Seit 2014 wohnt die Schülerin in Emden. Auf einem Vortrag eines Holocaust-Überlebenden etwas über ihre Heimat zu erfahren, war für sie „sehr, sehr spannend“.

Das Schweigen brechen, auch in den Familien

Auch mit Emden ist Ivar Buterfas-Frankenthal verbunden. Nach dem Krieg arbeitete und wohnte er hier einige Jahre. Nach dem Krieg war er hier als Vertreter, verkaufte das Mehrzweckgerät Piccolo. Eine Zeit, an die er sich gerne erinnert. Obwohl auch nach dem Krieg nicht alles rosig war. „Ich habe öfters Morddrohungen erhalten, nachdem ich angefangen habe, meine Geschichte zu erzählen“, sagte er.

Der Hass und die Diskriminierungen, die er und andere bis heute erleben müssen, erschrecke Buterfas-Frankenthal heftig. „Wir leben in einem Land, wo Jude auf den Schulhöfen immer noch eine Beleidigung ist“, sagte er in Emden. Das dürfe nicht so sein. Jetzt und künftig etwas daran zu ändern, dass Hass gegen andere einen Platz in der Gesellschaft habe, sei auch Aufgabe der Schülerinnen und Schüler, zu denen er spreche. „Versprecht mir, dass ihr bei Wahlen das Kreuz an der richtigen Stelle setzt!“, forderte er seine rund 200 Zuhörer in Emden auf. Ein passender Appell nach den Eingangsworten des Bundestagsabgeordneten Johann Saathoff (SPD) aus Pewsum, der betonte, dass nicht alle demokratisch gewählten Politiker und auch nicht alle Menschen im Staatsdienst Demokraten seien. Aber nicht nur bei Wahlen sollten die Schüler die Demokratie schützen. Es sei auch wichtig, nachzufragen und das Schweigen zu brechen – auch in der eigenen Familie.

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