Tourismus in Ostfriesland Trotz Tripadvisor bleiben Reiseführer ultimative Verführer
Digitale Junkies haben Reiseführer im Pocketformat schon lange totgesagt. Doch für die Bücher spricht einiges, finden eine Auricher Buchhändlerin und ein Leeraner Autor.
Aurich - Wenn einer eine Reise tut, dann will er was erleben. Und damit das zuverlässig passieren kann, ist Fachlektüre unverzichtbar. Sprich: Ein Reiseführer muss her. Wirklich? Ist es in Zeiten von Internetportalen wie Wikivoyage und Tripadvisor noch erforderlich, sich mit Büchern zu versorgen, bevor man in Urlaub fährt? Nehmen wir beispielsweise eine einwöchige Reise nach Edinburgh, der Hauptstadt Schottlands. Auf Tripadvisor erhalte ich mit drei Klicks hilfreiche Informationen über historische und unterirdische Touren, Hotels, Restaurants und Sehenswürdigkeiten.
Was und warum
Darum geht es: Reiseführer sind nicht nur etwas für Dinosaurier.
Vor allem interessant für: Menschen, die sich auf Reisen gerne weiterbilden
Deshalb berichten wir: Aktuell werden Reisen gebucht. Damit beginnt für viele auch die gedankliche Vorbereitung auf den nächsten Urlaub. Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de
Nützlich: Die Einschätzung von 16.240 Gästen der Stadt, die eine subjektive Bewertung abgeben. Superlative sind bei Edinburgh vorprogrammiert: „Eine der schönsten Städte, die man in Europa antreffen kann“, schwärmt Tassomundo aus Stuttgart. Ein weiterer Vorteil der Online-Guides: Mit einem Klick kann man sich zu einem Hotel oder einem Ausflug seiner Wahl leiten lassen und gleich buchen. Unschlagbar, oder?
Susanne Kranz von der Buchhandlung am Wall in Aurich sagt auf Anfrage der Redaktion, dass man diesen Online-Vorteil auch bei einigen Reiseführern in gebundener Form genießen kann. Etliche Verlage hätten die Bücher mit einem QR-Code ausgestattet, der zu einem digitalen Zusatzangebot führt. Auf diese Weise könne man das Beste aus beiden Welten bekommen. Nach der Erfahrung der Buchhändlerin ist das ein guter Deal: „Im Urlaub möchte man nicht immer auf sein Smartphone oder sein Tablet aufpassen müssen. Wenn man am Strand ist, kann es sogar störend sein. Dann ist ein Buch wesentlich angenehmer.“
Abkehr von klassischen Reiseführern
In ihrer Buchhandlung beobachte sie, dass der Verkauf von Reiseführern jetzt nach einer Stagnation wegen der Corona-Pandemie wieder anziehe. Grundsätzlich stelle sie fest, dass diese Lektüre vor allen Dingen dann für viele obligatorisch sei, wenn Fernreisen nach Südamerika oder Afrika anstünden. „Für einen Strandurlaub auf Mallorca ist ein Reiseführer eher unüblich“, sagt die Geschäftsfrau. Viele Verlage seien schon vor Jahren dazu übergegangen außer den klassischen Reiseführern auch alternative, oft sehr subjektiv gefärbte Varianten herauszubringen, die den Fokus auf einige besondere Aspekte eines Urlaubs legten. Dazu zählen Wander-, Wohnmobil- oder Naturführer, aber auch kurzweilig gestaltete Exemplare, die Titel tragen wie „Glücksorte in ...“ oder „Deutschlands schrägste Orte“. Dabei lägen deutsche Städte und Orte besonders im Trend.
Davon hat Carsten Tergast profitiert. Der Leeraner Journalist und Autor hat vom Düsseldorfer Droste-Verlag den Auftrag erhalten, einen Reiseführer über die Ostfriesischen Inseln zu schreiben, und zwar in dem Format „Glücksorte in ...“ 80 Plätze hat der 50-Jähriger erkundet und beschrieben. Die interne Auswahl sei noch größer gewesen, sagt der Autor im Gespräch mit der Redaktion. Deutlich über 100 Orte hätte er vorstellen können. Er habe versucht eine ausgewogene Mischung aus Kulinarik, Klassikern und allgemeinen Informationen über die Infrastruktur anzubieten. Ausgewogen sollten auch die Empfehlungen für jede Insel sein, damit sich keiner benachteiligt fühlt. Baltrum, der kleinsten Insel, sollte ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt werden wie Borkum, der größten Insel. 2000 Zeichen pro Glücksort waren seine Maßgabe vonseiten des Verlags. „Da muss man sich immer fragen: Was packe ich rein, was lasse ich weg. Ein bisschen Emotion sollte möglichst in jeder Empfehlung drinstecken, aber natürlich auch Information“, umreißt Carsten Tergast seine Marschroute. Es liege in der Natur der Sache, dass seine Auswahl nicht jedem gefallen werde. Sie sei eben sehr subjektiv.
Insel-Fans reagieren verstimmt auf Veränderungen
Letztlich könne sich dem Charme eines Insel-Aufenthalts aber kaum jemand entziehen. „Es ist eine kleine, abgeschlossen Welt“, sagt Carsten Tergast. Der Leeraner Autor hat beobachtet, dass die Inselfans verärgert auf Veränderungen reagierten. Sie würden darauf bestehen, dass immer alles so bleibe wie es beim letzten Aufenthalt auch war. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren wurde auf Juist das Kurorchester abgeschafft. In den Augen von Juist-Fans war das ein Unding. Die Musik von der Konzertmuschel hatte die Urlaubstage akustisch versüßt und ein Gefühl der Entschleunigung vorangetrieben. Ihr Fehlen kam den ein oder anderen vor wie die Ouvertüre zu weiten Verlusten.
Carsten Tergast ist überzeugt davon, dass es in den nächsten fünf weiterhin eine
„relativ friedliche Koexistenz von analogen und digitalen Angeboten“ bei den Reiseführern geben wird. Mischformen, wie sie etwa digitale Extras bieten, also eine Verlängerung des Buches mit Hilfe eines QR-Codes in die digitale Welt, könnten das begünstigen. Letztlich sind Reiseführer Urlaubs-Verführer im Pocketformat. Für die Leser dieser Zeitung hat Carsten Tergast seine Lieblingsorte auf den jeweiligen Inseln zusammengestellt (siehe Grafik). Sein Reiseführer „Glücksorte auf den Ostfriesischen Inseln“ erscheint am Freitag, 17. Februar.