Veränderungen am Ausbildungsmarkt Machen wieder mehr Abiturienten eine Ausbildung?
Jahrelang beklagten Industrie und Handwerk in Ostfriesland die Akademisierung der Gesellschaft. Nun machen immer mehr Abiturienten eine Ausbildung. Ist der Trend geglückt oder trügt der Schein?
Ostfriesland - Junge Menschen mit Hauptschulabschluss tun sich einer Studie zufolge immer schwerer, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Gleichzeitig stieg in den vergangenen Jahren der Anteil der Abiturienten, die eine Ausbildung anfingen, deutlich an, wie aus einer veröffentlichten, vom FiBS Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellten Studie hervorgeht. Zwischen 2011 und 2021 verringerte sich der Anteil der Jugendlichen, die mit Hauptschulabschluss eine Lehre anfingen, demnach um ein Fünftel. Der Anteil der Abiturienten, die sich für eine Lehre entschieden, stieg dagegen von 35 Prozent im Jahr 2011 auf 47,4 Prozent im Jahr 2021. Vor der Corona-Pandemie im Jahr 2019 war der Anteil sogar noch etwas größer gewesen (48,5 Prozent).
Was und warum
Darum geht es: Einer Studie zufolge machen mehr Abiturienten eine Ausbildung. Der Fachkräftemangel ist deswegen allerdings nicht behoben.
Vor allem interessant für: Menschen, die sich für Wirtschaft und Ausbildung interessieren
Deshalb berichten wir: Eine Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie wurde veröffentlicht. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
Sowohl Industrie- als auch Handwerksvertreter in Ostfriesland klagen allerdings seit Jahren über eine Akademisierung der Gesellschaft. Junge Leute würden lieber studieren, als eine Ausbildung zu machen. Ist der Trend also umgekehrt und das Ende des Fachkräftemangels nah?
Timo Weise, bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Ostfriesland und Papenburg für die Ausbildung zuständig, beantwortet diese Frage mit einem ganz klaren: Jein. „Junge Menschen streben höhere Bildungsgrade an“, sagt er. Gleichzeitig gebe es immer weniger Schülerinnen und Schüler. Daher gebe es heute prozentual mehr Abiturienten oder junge Leute mit einer Fachhochschulreife. Es sei auch in den Zahlen der IHK sichtbar, so hätten 2013 noch 22 Prozent der IHK-Auszubildenden im Kammerbezirk das Abitur oder eine Fachhochschulreife gehabt. Zwischen 2019 und 2022 sei die Zahl auf 27 bis 29 Prozent gestiegen. Nichtsdestotrotz gebe es immer noch viele Eltern, die ihren Kindern zu einem Studium raten. Dort setze sich erst langsam die Erkenntnis durch, dass das nicht bei jedem Kind zur beruflichen Zufriedenheit führe.
Zahl steigt auch im Handwerk
Dieses Phänomen beobachtet auch die Handwerkskammer für Ostfriesland. Es sei durchaus Trend, „dass immer mehr junge Menschen mit Abitur die Schulen verlassen. Damit steigt auch die Zahl derer, die mit Abitur eine Ausbildung beginnen. Gleichzeitig können wir jedoch nicht bestätigen, dass ein anderer Schulabschluss als die Hochschulreife ein Ausschluss-Kriterium für eine Ausbildung ist“, erklärt Pressesprecherin Jacqueline Stöppel.
Doch nicht nur die sinkende Schülerzahl und die steigende Abiturzahl seien Grund für den Anstieg, meint Weise. Eine Ausbildung sei eben auch attraktiv. „Die Berufe werden immer komplexer und anspruchsvoller“, sagt er. Es habe sich in den vergangenen Jahren in diesem Bereich einiges verändert. Lieferketten oder Programmiersprache seien aus den Ausbildungslehrplänen nicht mehr wegzudenken.
Praxis schlägt Theorie
Das hat auch Philip Schulzendorff gereizt. Der 20-Jährige ist seit Sommer Auszubildender beim Softwareunternehmen Orgadata in Leer. Als Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung – also Softwareentwickler – gehört die Programmiersprache zu seiner täglichen Arbeit, mit deren Hilfe er komplexe Probleme und Aufgabenstellungen lösen muss. Die praktische Arbeit habe ihn nach dem Abitur mehr interessiert als ein Studium der Informatik. „Den ganzen Tag zu programmieren, macht mir einfach Spaß“, sagt er. Auch wegen der mathematischen Herausforderungen habe er von einem Studium zunächst abgesehen. „In der Ausbildung habe ich dann ein Verständnis für Mathematik entwickelt“, sagt er. Daher sei ein anschließendes Studium für ihn zwar eine Option, aber kein Muss. „Ein guter Softwareentwickler braucht nicht unbedingt ein Studium“, sagt der 20-Jährige.
Auch bei der Handwerkskammer setzt man auf den Praxisbezug in der Ausbildung: „Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass insbesondere auch Handwerksberufe einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der dringend benötigten zentralen Infrastruktur leisten. Ohne die handwerklichen Ausbildungsberufe wäre der Kauf von Brillen, Hörgeräten und Orthesen, die Reparatur des Fahrrades oder Fahrzeugs, der Gang zum Bäcker oder Konditor, die Reinigung von Krankenhäusern und Arztpraxen, die Aufrechterhaltung von Kühlsystemen und Klimaanlagen, Notfalleinsätze im Sanitärbereich, der Weiterbau von Wohnungen und digitaler Infrastruktur und vieles mehr nicht möglich gewesen“, zählt Jacqueline Stöppel auf. Den Schülerinnen und Schülern müsse klar sein, welche Chancen sich im Handwerk böten und dass die berufliche Bildung mit dem dualen Ausbildungssystem einer akademischen Laufbahn gleichgestellt sei.
Das sagt auch Timo Weise von der IHK: Die Weiterbildungsmöglichkeiten nach einer Ausbildung seien vielfältig. Das Studium sei schon lange nicht mehr die einzige Option für junge Leute.