Post-Vac-Syndrom  Impfgeschädigte sehen sich vor einem Wettlauf gegen die Zeit

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 09.02.2023 18:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Frage, warum die Covid-Impfung bei einigen Menschen massive Langzeitfolgen hat, muss noch erforscht werden. Foto: Archiv
Die Frage, warum die Covid-Impfung bei einigen Menschen massive Langzeitfolgen hat, muss noch erforscht werden. Foto: Archiv
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Der Kreis-Gesundheitsausschuss wollte am Donnerstag darüber beraten, wie er Betroffenen helfen kann. Doch das Thema wurde von der Tagesordnung genommen. Das enttäuschte viele.

Aurich - Wieder nicht! Die Enttäuschung gräbt sich am Donnerstagnachmittag tief in das Gesicht von Ann-Katrin Kruse. Die Wiesmoorerin ist eigens nach Aurich zur Berufsbildenden Schule gefahren, weil dort der Kreis-Gesundheitsausschuss tagt. Auf der Tagesordnung: ein Gesprächskreis zur Einrichtung einer Anlauf- und Beratungsstelle für Personen mit Impfkomplikationen nach einer Covid-Impfung, kurz Post-Vac-Syndrom. Doch kurzfristig ist dieses Thema auf Antrag der SPD von der Tagesordnung genommen worden. Ann-Katrin Kruse ist Betroffene. Die 32-Jährige saß sogar im Rollstuhl, war auf einen Rollator angewiesen. Mittlerweile kann sie wieder gehen. Aber: „Mein Arzt hat mir gesagt, dass die Beschwerden in Wellen kommen und gehen.“ Am Donnerstag hat sie alle Kraft zusammengenommen, um die Ausschusssitzung zu besuchen. Sie kämpft seit Monaten darum, Gehör für ihr Anliegen zu finden. Das hat sich unter den Betroffenen herumgesprochen. Viele sind in Whatsapp-Gruppen vernetzt.

Auch Antonia Janssen ist auf Ann-Katrin Kruse aufmerksam geworden. Die Post-Vac-Syndrom-Betroffene aus Wittmund hatte von der Ausschuss-Sitzung in Aurich erfahren und ist mit ihrer Mutter am Donnerstag zur BBS gekommen. „Bei uns im Landkreis Wittmund werden wir von den Ärzten und der Politik nicht ernst genommen“, sagt die 20-Jährige. Deshalb hoffe sie auf Aktivitäten im Landkreis Aurich. Dass der Antrag nicht beraten werde, „ist enttäuschend“, sagt sie im Gespräch mit der Redaktion. In der Sitzung selbst darf sie sich nicht äußern, weil sie nicht im Landkreis Aurich wohnt. Rederecht hat in der Einwohnerfragestunde aber Alexander Meding, der für seine Frau spricht. Sie habe seit der Covid-Impfung vor 18 Monaten „24/7 Dauerschmerzen“, sagt er. „Wir haben keine Zeit mehr zu warten“, fügt er an. Und: „Wir wollen endlich ernstgenommen werden.“ Die Ausschuss-Vorsitzende Ingeborg Kleinert (SPD) versichert, dass das Anliegen der Betroffenen für den Kreistag eine hohe Priorität habe. Es gehe jetzt darum, in einer Sitzung am 17. Februar so etwas wie einen roten Faden für weitere Aktivitäten zu finden. Erster Kreisrat Dr. Frank Puchert dämpft überzogene Erwartungen: Es sei noch nicht entschieden, ob es tatsächlich eine Anlaufstelle geben werde.

Datenbank nicht zugänglich

Alexander Meding legt den Politikern ans Herz, eine zentrale Datenbank anzulegen, in der alle Post-Vac-Fälle mit den jeweiligen Symptomen aufgelistet sind. So könne man die Dimension des Problems besser erfassen. Dr. Sebastian Brückel vom Auricher Gesundheitsamt weist darauf hin, dass es eine solche Datenbank bereits gebe. Sie werde vom Paul-Ehrlich-Institut gepflegt. Seine Behörde habe Zugang zu den dort hinterlegten Informationen. Offenbar sind alle in Deutschland gemeldeten Verdachtsfälle von Impfreaktionen und Impfkomplikationen für die Jahre 2000 bis 2021 noch bis zum 14. April 2022 veröffentlicht gewesen. Dann wurde festgestellt, dass diese nationale Datenbank nicht mehr den hohen IT-Sicherheitsanforderungen des zuständigen Bundesamts entspricht. Seither ist der Zugang eingeschränkt.

Ann-Katrin Kruse lobt das Engagement etlicher Kreistagsmitglieder im Gespräch mit der Redaktion. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff (Pewsum) habe sich stark eingebracht. Er habe ihr einen Termin bei einem Sozialverband vermittelt. Habe sie sogar zum ersten Gespräch begleitet, um sich ein besseres Bild von der Thematik zu verschaffen. Schließlich gehe es mittelfristig auch darum, einen Antrag auf einen bestimmten Grad der Schädigung durch die Impfung zu stellen. Die Wiesmoorerin hat mittlerweile gelernt, für sich selbst zu sorgen. Ihr Wissen gibt sie an andere Betroffene weiter. Schlimm sei es für sie, dass etliche so verzweifelt seien, dass sie allen Lebensmut verloren hätten. „Manche schreiben mir über Whatsapp oder schicken Sprachnachrichten, dass sie am Ende ihrer Kraft sind und sterben möchten. Oft bin ich selbst so kraftlos, dass ich eigentlich nicht antworten möchte, aber dann habe ich ein schlechtes Gewissen und antworte doch.“ Derzeit mache sie mit ihrem Einsatz und dem ihres Mannes die Arbeit, die eigentlich die geplante Anlaufstelle für Impfgeschädigte leisten solle.

Ann-Katrin Kruse als Betroffene ist gespalten. Einerseits ist sie froh, dass sie gemeinsam mit anderen etwas hat bewegen können. Andererseits fällt es ihr schwer, Geduld aufzubringen: „Die Mühlen in der Politik mahlen eben sehr langsam.“ Ihr einziger Trost: Wenn die Verantwortlichen sich Zeit nehmen, ist die Gewähr größer, dass das Ergebnis später auch Hand und Fuß hat.

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