Hamburg  So lernen Klimaaktivisten der „Letzten Generation“, wie sie sich festkleben sollen

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 03.02.2023 17:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Mitglieder der „Letzten Generation“ bereiten sich auf die Blockaden sehr genau vor. Interessierte lernen in Trainings, sich festzukleben. Foto: imago images/Wolfgang Maria Weber
Die Mitglieder der „Letzten Generation“ bereiten sich auf die Blockaden sehr genau vor. Interessierte lernen in Trainings, sich festzukleben. Foto: imago images/Wolfgang Maria Weber
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Seit Monaten blockieren Klimaaktivisten der „Letzten Generation” Straßen in Deutschland. In Workshops bereiten sie sich akribisch darauf vor. Unsere Reporterin hat einen Workshop besucht und exklusive Einblicke erhalten.

„Verpiss dich von der Straße“, schreit einer. Ein anderer: „Geh doch einfach arbeiten, du verwöhntes Blag!“ Die insgesamt fünf Erwachsenen brüllen minutenlang auf die jungen Menschen ein, die am Boden sitzen, gekleidet in Warnwesten. Sie halten ein Plakat hoch: „Letzte Generation vor den Kipppunkten”. Es wird an ihnen gezerrt und gerissen.

Die Szene hätte so oder so ähnlich in den letzten Wochen überall auf Deutschlands Straßen stattfinden können – immer dort, wo sich Aktivisten auf der Straße festkleben. Tatsächlich ist das hier aber nur eine Übung der „Letzten Generation“. Die Autofahrer-Schauspieler schlagen „nur“ mit Socken auf die Aktivisten ein. Sie ertragen das stoisch, halten den Blick gesenkt und schweigen zu jeder Provokation.

In einer Kita irgendwo in Hamburg lernen angehende Aktivisten der „Letzten Generation”, sich so ruhig zu verhalten und wie Straßen blockiert werden. Drei Trainerinnen bringen das fast einem Dutzend Interessierten in sechs Stunden bei. Das Training ist in theoretische und praktische Teile unterteilt. An diesem Samstagvormittag sind vor allem Frauen gekommen, die meisten sind jung. Viele alternativ gekleidet mit Cord-Hose und Doc-Martens-Stiefeln. Auch ein älterer Mann ist dabei, er bringt Erfahrung aus der Anti-Atom-Kraft-Bewegung mit und kennt sich mit Polizeigriffen aus. 

Die erste praktische Lektion des Tages lautet: „Ich packe meinen Blockaderucksack”. Trainerin Eika Jacob erzählt, was nötig ist für den Widerstand und hält die Gegenstände hoch: Warnweste, Sitzkissen, Rettungsdecke, Handgelenkwärmer und natürlich Sekundenkleber.

„Ich habe auch immer ein Buch dabei, weil es in der Gesa (Gefangenensammelstelle, Anm. der Redaktion) langweilig ist.” Die angehenden Aktivisten sitzen auf dem Boden, essen Studentenfutter, trinken Tee, hören aufmerksam zu. Rückfragen gibt es keine. 

Bei der zweiten Lektion müssen die Teilnehmer selbst aktiv werden. Sie sollen lernen, sich von der Straße wegtragen zu lassen. Zwei Varianten werden gelehrt: Als Paket verschnürt, die Hände unter die Knie, sodass zwei Beamte unter die Arme greifen können.

Oder die unangenehmere Variante: Toter Mann. Den ganzen Körper schlaff werden lassen und sich über den Boden ziehen lassen. „Ich würde euch empfehlen, keine guten Hosen anzuziehen. Mir sind bei den Blockaden zwei Jacken kaputt gegangen“, sagt Jacob. 

Die Trainerinnen spicken die Übungen mit persönlichen Protest-Erfahrungen. „Einmal hat mir eine Frau mein Plakat zurückgebracht, weil sie unsere Aktionen so gut findet“, erzählt Eika Jacob. Bei jeder Blockade seien mindestens vier Personen auf der Straße, außerdem zwei für den sogenannten „Support” abgestellt. Die beiden seien für Fotos und Dokumentation des Protests zuständig.

Mehr über das Innenleben der Organisation „Letzte Generation“ wird nicht verraten. Wer die Straßen für die Blockaden aussucht, bleibt unbekannt. Wohin der „Support” die Informationen schickt, wird ebenfalls nicht verraten. Nur so viel: Es gibt eine klare Hierarchie bei den Aktivisten. 

Die sogenannte „Bienenkönigin” verantwortet eine Blockade. Sie ist die einzige Person, die ein Handy bei sich führen soll, um Kontakt zu halten. Sie ist die einzige Person, die eine Blockade abbrechen kann. Sie ist die Person, die das Signal fürs Festkleben gibt. Denn die Aktivisten kleben sich erst an die Straße, wenn sie das Martinshorn hören. „Die Autofahrer*innen sind oft zu aggressiv. Sie zerren uns von der Straße und das kann sehr schmerzhaft sein. In gewisser Weise brauchen wir die Polizei zu unserem Schutz“, sagt Eika Jacob. 

Im zweiten Teil der Trainings wird es ernst. Die Teilnehmer teilen sich in zwei Gruppen: Autofahrer und Aktivisten. Mit Warnweste bekleidet und Plakat in der Hand, setzen sich die „Aktivisten“ auf den Boden. Sofort reagieren die Autofahrer. „Nicht schon wieder, ich habe einen dringenden Arzttermin“, sagt eine. Die Aktivisten reagieren mit Verständnis: „Es tut uns leid, wir sitzen hier nicht gern“. Es wird laut im Raum, die Rufe und Erklärungen gehen durcheinander. Plötzlich ruft Eika Jacob „Realität“ und fasst mit ihrer Hand auf den Boden – das Zeichen, dass das Rollenspiel zu Ende ist. 

Die Trainerinnen wollen wissen, wie es den Teilnehmern mit ihren Rollen ging. „Ich hatte Verständnis für die Situation der Autofahrer. Sie taten mir leid“, sagt eine. Genau das sei richtig, erklären die Trainerinnen. Die „Letzte Generation“ sei niemals überheblich oder arrogant bei den Blockaden, man verstehe die Sorgen der Autofahrer, aber die Sorge ums Klima sei nun mal wichtiger. 

In den folgenden Runden des Rollenspiels „Autofahrer und Aktivist“ steigert sich die Aggressivität. Die Autofahrer sollen die Aktivisten beschimpfen und wegzerren. Vorschläge für Beschimpfungen liefern die Trainerinnen. „Wir hören meistens, dass wir faul sind und keine Arbeit haben.“ Die Aktivisten lernen, das zu ertragen. 

Im Training ist die Vorbereitung auf den Konflikt das zentrale Element. Die angehenden Aktivisten sollen verinnerlichen zu erdulden. Wenn sie angeschrien oder geschlagen werden, sollen sie den Blick senken und ertragen. Wenn sie verhaftet werden und durchnässt in Polizeigewahrsam gebracht werden, sollen sie das ohne Gejammer hinnehmen. Neben praktischen Übungen liegt daher ein Fokus auf Entspannungs- und Atemtechniken. 

Als Trainingshöhepunkt wird eine Fläche vor einem Spielplatz blockiert. Bei Nieselregen und einstelligen Temperaturen, quasi unter realen Bedingungen. Dieses Mal planen die Aktivisten alles selbst: Sie benennen eine Bienenkönigin als Leitung, stellen zwei Personen für den Support an, blockieren die Straße und kleben sich fest, wenn auch nur zwei Finger, damit sie sich lösen können.

Die Trainerinnen spielen die Autofahrer und die Polizei. Man bekommt eine Ahnung von dem Adrenalin einer Blockade, denn auch im Spiel ist die Lage schnell unübersichtlich: Haben sich alle hingesetzt und sind die Plakate lesbar?

Am Ende des Tages sollen die Aktivisten fit sein für den Einsatz auf der Straße. Wann und wo der sein soll? Wird nicht verraten. 

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