Berlin Rohe Sitten im TV: Ruth Moschner, war das Fernsehen früher besser?
Ruth Moschner reaktiviert in den Sat.1-Kultshow-Wochen Klassiker der Unterhaltung. War früher alles besser? Ein Interview über die rauen Sitten im TV-Geschäft.
Ab sofort sitzen Sie auch Sat.1 in der ersten Reihe! Der Privatsender ruft die Kultshow-Wochen aus – und reaktiviert dafür Klassiker aus den Zeiten des öffentlich-rechtlichen TV-Monopols . Vom „Herzblatt“ bis zur „Pyramide“ ist alles dabei. War das Fernsehen früher besser? Die Frage geht an Ruth Moschner, die in den Kultwochen das Quiz-Format „Jeopardy!“ wiederbelebt.
Frage: Frau Moschner, bei Sat.1 sind Sie mit „Jeopardy!“ am „Kultshow“-Programm beteiligt. Was waren die Kultshows Ihrer Kindheit?
Antwort: Ich habe früher „Dalli, Dalli“ geguckt – heimlich und illegal. Eigentlich musste ich um 20 Uhr im Bett sein und schlafen. Aber wenn meine große Schwester auf mich aufgepasst hat, durfte ich gucken. Wenn die Eltern nach Hause kamen, musste ich dann schnell und unbemerkt ins Bett. Hans Rosenthal war mein erster Fernsehstar. Quizshows habe ich schon immer gut gefunden. Angefangen bei „1, 2 oder 3…“ mit Michael Schanze. Den durfte ich später sogar mal interviewen und wir haben das legendäre „Plopp“ geübt. Ein Traum! Und später natürlich Frank Elstner mit „Jeopardy!“ Den mochte ich immer sehr und fand das Konzept einfach genial. Das jetzt selbst zu moderieren, macht mich schon ein bisschen stolz.
Frage: In den USA wurde „Jeopardy!“ von Alex Trebek moderiert. Er hat in Ihrem Alter damit angefangen – und es dann 36 Jahre gemacht. Dann ist er gestorben. Ist Ihnen klar, auf was Sie sich einlassen?
Antwort: Ich habe in meinem Berufsleben noch nie was länger als fünf Jahre gemacht – wenn sich das Prinzip fortführt, hoffe ich, dass ich das Format überlebe. Übrigens war der Regisseur von „Jeopardy“ aus den USA am Set, und hat uns während der Produktionszeit Tipps gegeben, das war wirklich inspirierend.
Frage: Hand aufs Herz: Sind die Umgangsformen im Fernsehen schlechter geworden?
Antwort: Ich glaube, das kann man so pauschal nicht sagen. Ich habe die fünfte und den Beginn der sechsten Staffel von „Big Brother“ moderiert, die Mutter aller Reality-Formate. Damit ist sicher eine ganz neue Art der Unterhaltung entstanden. Was in diesem Genre passiert, darf man nicht mit dem normalen non-fiktionalen Fernsehen in einen Topf werfen. Trotzdem kann man auch auf gewissen Standards achten, ohne die Realität zu verbiegen. Ich habe zum Beispiel damals regelmäßig mit dem Set-Psychologen telefoniert, um zu erfahren, ob es allen im Haus gut geht. Schließlich ist so ein Format eine große Herausforderung für die Teilnehmenden. Und natürlich gilt immer: Witze nur auf Augenhöhe. Auf Promis kann man rumhacken. Aber über Leute ohne Fernseherfahrung lacht man nicht. Und unmündige Menschen bedürfen sowieso eines besonderen Schutzes. Daran habe ich mich in allen Formaten gehalten.
Frage: Versucht das Fernsehen im Bereich Reality sogar, die Umgangsformen zu bessern? 2021 ist der Ex-Zuhälter Marcus Prinz von Anhalt bei „Promis unter Palmen“ homophob aufgetreten. Das Format wurde abgesetzt. Fünf Jahre vorher durfte er bei „Promi Big Brother“ noch mit der Ausbeutung seiner Prostituierten prahlen.
Antwort: Ich glaube, Leute wie Marcus Prinz von Anhalt zu canceln ist keine Lösung. Nur weil wir sie nicht ins Fernsehen lassen, heißt es ja nicht, dass sie nicht da sind. Solche Leute suchen sich dann andere Wege. Wichtig ist, dass wir lernen, mit solchen Kreaturen der Gesellschaft umzugehen und Betroffene zu schützen.
Frage: Sollte man einen Prinz Marcus von Anhalt dann vielleicht doch lieber gar nicht erst einladen?
Antwort: Man darf so einen Konflikt nicht absichtlich einplanen. Niemand darf absichtlich verletzt werden. Wenn so was im Affekt passiert, finde ich aber die Diskussion danach wichtiger als das Löschen. Wir alle sind nicht perfekt. Sicher mache ich im Privaten auch mal Bemerkungen, die nicht in Ordnung sind. Meine Sprache hat sich aber im Laufe meines Lebens weiterentwickelt. Wenn ich jemanden aus Versehen verletze, und darauf aufmerksam gemacht werde, dann entschuldige ich mich, und mache es nicht mehr. Diskussionen und Austausch sind wichtig. Das haben wir verlernt: die Auseinandersetzung mit Fehlern. Wenn wir jemanden wie Marcus Prinz von Anhalt komplett löschen und nicht mehr einladen, dann entwickeln wir uns nicht weiter.