Hamburg  Schummeln 2.0? Wie Schulen und Politik in Hamburg mit ChatGPT umgehen

Yannick Kitzinger
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Von Yannick Kitzinger
| 03.02.2023 16:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Laut Hamburger Schulbehörde wird ChatGPT bereits von einigen Schülern genutzt. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst
Laut Hamburger Schulbehörde wird ChatGPT bereits von einigen Schülern genutzt. Foto: dpa/Frank Rumpenhorst
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Die Künstliche Intelligenz hält Einzug ins Klassenzimmer: Das Programm ChatGPT hilft beim Verfassen von Texten – und stellt die Schulen vor Herausforderungen. Auch die Politik ist alarmiert.

Ein Computerprogramm mit dem Namen ChatGPT beschäftigt seit Kurzem nicht nur technikinteressierte Menschen, sondern sorgt auch für Diskussionen im Bildungswesen. Die künstliche Intelligenz (KI) hinter dem Programm spuckt seitenlange Aufsätze blitzschnell aus. An Hamburgs Schulen überlegt man fieberhaft, wie das den Unterricht verändert und wie man Ungerechtigkeiten vermeidet.

Seit dem ChatGPT im November online ist, kann sich jeder davon ein Bild machen, wozu Technik mittlerweile in der Lage ist. ChatGPT ist eine Software auf Basis künstlicher Intelligenz, die auf gewaltigen Mengen von Texten und Daten trainiert wurde, menschliche Sprache nachzuahmen. Der Service kann unter anderem in hoher Sprachpräzision Artikel schreiben, Reden ausarbeiten, Geschichten erzählen und sogar Software programmieren – und das kostenlos.

Hamburgs Jugendliche an weiterführenden Schulen kennen das Programm offenbar bereits und setzen es auch schon ein. Bildungssenator Ties Rabe: „In welchem Umfang das geschieht, ist zurzeit noch nicht zu sagen, aber wir nehmen das Thema sehr ernst.“ Kürzlich hatte sogar ein Hamburger Bürgerschaftsmitglied als bundesweit erster Politiker eine seiner Reden mit ChatGPT verfasst.

Die Hamburger Schulbehörde verfolgt die Fortschritte bei ChatGPT und anderen KI-Anwendungen genau. „Es bleibt zum jetzigen Zeitpunkt offen, inwiefern KI die Darstellung und Verbreitung von Wissen übernehmen und beeinflussen wird“, heißt es in einer Antwort des Senats auf eine Schriftliche Kleine Anfrage der Abgeordneten Anna-Elisabeth von Treuenfels-Frowein (FDP).

Ein Streitpunkt zur KI betrifft die Notenvergabe: „Wie soll zwischen der Eigenleistung der Schüler und der Arbeit der KI differenziert werden?“, fragt von Treuenfels-Frowein. Die Antwort des Senats: „Die zuständige Behörde hat zusätzlich zu den bereits laufenden Maßnahmen im Umgang mit KI eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die die Einsatzmöglichkeiten und Grenzen des Programms ChatGPT sowie die möglichen Konsequenzen für Unterricht und Leistungsbewertung erörtert.“ Die Hamburger Schulbehörde habe bereits reagiert und das Thema zur nächsten Kultusministerkonferenz als dringlich angemeldet.

Ab dem Schuljahr 2023/24 gibt es in Hamburg zudem neue Bildungspläne. Anders als die alten sollen diese unter anderem erstmals auch den reflektierten Umgang mit KI im Unterricht beinhalten.

Ein neues Problem ist Schummeln und Spicken in der Schule natürlich nicht. Schon jetzt könnten Schüler regelwidrig schriftliche Arbeiten abgeben, die nicht ausschließlich selbst hergestellt sind, so der Senat. „Es ist deshalb immer schon Aufgabe der Lehrkräfte, durch Fragen, Unterrichtsgespräche oder andere ergänzende Prüfungsformate den tatsächlichen individuellen Lernstand zu ermitteln.“ Die Bedeutung solcher Formate wird angesichts der neuen Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz allerdings zunehmen, vermutet der Senat.

Auch im Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung ist man sich bewusst, dass der Unterricht seit ChatGPT nicht mehr weiterlaufen kann wie bisher. Hier entwickelt man zurzeit Angebote für Lehrkräfte zum Thema KI, insbesondere zu ChatGPT.

Wie groß das Interesse an solchen Fortbildungen ist, zeigt sich auch auf der digitalen Weiterbildungsplattform Fobizz. „Wow! Das ist krass! 1000!“, twitterte kürzlich Tim Kantereit, der für das Hamburger Unternehmen Kurse über digitalen Schulunterricht leitet. Bedeutet: Mehr als 1000 Lehrkräfte hätten sich bereits zu den Kursen zu ChatGPT angemeldet – so viele wie noch nie zuvor für Thema.

Aber nicht nur auf Schülerseite gerät ChatGPT in den Fokus. Auch Lehrkräfte könnten das Programm nutzen: Mit ChatGPT ist es offenbar auch möglich, personalisiertes Unterrichtsmaterial oder individuelle Rückmeldungen, eventuell sogar Zeugnistexte erstellen zu lassen, weiß die Schulbehörde.

Senator Rabe: „Hier wird zu prüfen sein, inwieweit solche Möglichkeiten genutzt werden können, aber auch begrenzt werden müssen. Dass Computersysteme zunehmend in der Lage sein werden, Lehrerinnen und Lehrer bei bestimmten Aufgaben zu unterstützen, erfordert umso mehr einen fachlich fundierten und pädagogisch kompetenten Umgang mit KI-basierten Werkzeugen.“ 

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