Ostfriesische Tradition Kohltouren nach Pandemie wieder gefragter – und nachhaltiger
Wenn junge Leute zum Grünkohlessen kommen, fragen sie durchaus nach der Herkunft des Fleisches – und auch nach Salat, Pesto und Pasta aus und mit dem Gemüse.
Ostfriesland/Oldenburg - Traditionelle Kohltouren und Grünkohlessen sind nach der Corona-Pandemie rund um die Kohlmetropole Oldenburg und in Ostfriesland wieder gefragter. Die klassischen Kohltouren-Gruppen, die mit Bollerwagen losziehen und anschließend für Grünkohl mit Pinkel, Kassler und Salzkartoffeln in die Gasthöfe einkehren, seien in der Pandemie nicht verloren gegangen, sagt Nico Winkelmann, Chefkoch im Gasthaus Bümmersteder Krug in Oldenburg. „Es wird auf jeden Fall wieder ausgelassener. Wir merken, dass die Leute wieder Lust haben, etwas zu unternehmen.“ Dennoch sei die Grünkohlsaison für viele Gasthöfe eher schleppend gestartet. Die Nachfrage sei noch nicht wieder auf dem Niveau wie vor der Corona-Pandemie, Reservierungen gingen zudem kurzfristiger ein, sagt er.
Erich Wagner ist Ostfriesland-Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) und Senior-Chef des Hotels zur Post in Wiesmoor. Er sagt: „Als ich zuletzt mit meinen Kollegen geredet habe, sprachen sie von einer guten Buchungslage.“ Boßeln, Bollerwagen- und Kohltouren seien in Ostfriesland eben nach wie vor beliebt – auch bei den jungen Leuten.
„Wir haben mehr Anfragen nach Kohltouren, als wir bedienen können“
Bei denen beobachte er aber zunehmend, dass sie auch beim Kohlessen bewusster und nachhaltiger speisen wollten: „Da wird gefragt, ob das Fleisch aus der Region kommt“, sagt Wagner. Auch vegetarische oder vegane Grünkohlgerichte seien im Kommen. Und: „Der Grünkohl hat superviele Vitamine, die sind nach stundenlangem Kochen futsch.“ Deshalb seien besonders bei jüngeren Kunden Grünkohlsalat, Grünkohl-Pesto und Grünkohl-Pasta beliebt und nachgefragt.
„Wir haben mehr Anfragen nach Kohltouren, als wir bedienen können“, sagt Bärbel Wermerßen-Birnbaum. Die Betreiberin des Ausflugslokals Kukelorum in Aurich-Rahe spricht davon, dass sie täglich mehrere Anrufe von Interessenten bekomme. Sehr oft meldeten sich große Gruppen mit zehn bis 20 Personen an. Deshalb habe sie für ihr Traditionslokal am Ems-Jade-Kanal mittlerweile auch einen prall gefüllten Terminkalender. „Es wird eng. Mittwochs gibt es noch Buchungslücken. Je nach Größe der Gruppe können wir Interessenten vielleicht auch noch an anderen Tagen unterbringen“, sagt sie.
„Manche essen einfach nur Grünkohl“
Viele Anfragen kämen aus dem Landkreis Aurich, aber auch etliche aus Emden. Der Landkreis Leer hingegen sei kaum vertreten. Diejenigen, die sie abweisen müsse, fragten nach Empfehlungen. Wo wird noch Grünkohl serviert? Das Angebot ist nach ihren Angaben sehr mager geworden. So steht der Gasthof Germann in Westerende-Kirchloog (Gemeinde Ihlow) kurz vor der Schließung. Das Lokal hatte ebenfalls Kohlessen im Programm.
Das Kukelorum bediene auch Wünsche von Vegetariern und Veganern, sagt Bärbel Wermerßen-Birnbaum. Denen biete man Soja- oder andere Würste an. „Manche verzichten allerdings darauf und essen einfach nur Grünkohl“, hat die Wirtin beobachtet.
„Vegetarisch mache ich nicht“
In Emden ist eine Adresse für Kohltouren Endjers Landhaus beim Uphuser Meer. Laut Betreiberin Marika Endjer-Damke ist die Buchungslage bislang gut. Ihrem Eindruck nach geht dem Kohlessen bei ihnen immer noch die Boßeltour voraus. Die lässt sich im Feld rund um das Meer auch gut veranstalten.
Das Essen bei ihnen sei weiterhin „ganz klassisch“. Bislang habe es auch keine Extrawünsche bezüglich etwa vegetarischen Alternativen gegeben. „Vegetarisch mache ich nicht“, sagt sie mit einem Lachen. Sie wisse aber, dass einige Gastronomen das schon anböten. Interesse an Kohltouren hätten weiterhin ganz unterschiedliche Leute: Firmen, Vereine, junge und ältere Menschen. „Das ist komplett gemischt“, sagt Endjer-Damke.
Mit DPA-Material