Verschwörungsblätter im Briefkasten Im Emder Herrentorviertel werden Ängste geschürt
In seinem Postkasten entdeckt Burkhard Remppis in Emden ein Faltblatt – gespickt mit verschwörungsideologischen Inhalten. Was hat es mit solchen Schriften auf sich? Und woher kommen sie?
Emden - Als Burkhard Remppis am Samstagmorgen im Emder Stadtteil Herrentor seinen Postkasten leert, entdeckt er darin ein Faltblatt. Auf acht schmalen Seiten und im Hochformat wird über einen angeblichen Plan von Globalisten geschrieben. Die Botschaften und die Aufmachung suggerieren: Es gibt allen Grund, sich große Sorgen zu machen. Wer den Flyer zugestellt hat, weiß Remppis nicht. Aber er fragt interessiert in seiner Nachbarschaft nach und stellt nach eigenen Angaben fest, dass er nicht der einzige Empfänger ist.
Für den 55 Jahre alten Lehrer an einem Emder Gymnasium sind das Faltblatt und dessen Kerninhalte nicht ganz neu. Er hatte darüber bereits in seriösen Medien gelesen und weiß, dass es sich um unbelegte verschwörungsideologische Behauptungen handelt, mit denen er nichts anfangen kann. Aber anstatt den Flyer einfach im Altpapier zu entsorgen, sucht er die Öffentlichkeit. Denn er hält Schriften wie diese für „gefährlich“, wie er sagt und er sei „erschreckt“ darüber, dass sie ihn direkt zu Hause erreichen würden. „Es geht ganz eindeutig darum, unsere demokratische Gesellschaft zu unterminieren“, so Remppis.
Flyer taucht immer wieder auf
Wie viele dieser Flyer, die unter dem Stichwort „The Great Reset“ – (frei übersetzt aus dem Englischen: „Der große Neustart“ – kursieren, in Emden verteilt wurden, lässt sich nicht sicher klären. Bei der Polizei liegen dazu laut dem Sprecher Dennis Janssen von der zuständigen Polizeiinspektion Leer/Emden keine Erkenntnisse vor. Von einer koordinierten oder größeren Kampagne in Emden oder anderen Teilen Ostfrieslands ist auch Jan Krieger von der mobilen Beratungsstelle für Demokratie und gegen Rechtsextremismus in Niedersachsen nichts bekannt.
Maike Richtler vom Verein Emden Demokratisch berichtet der Redaktion auf Nachfrage, dass das Faltblatt in Emden „seit dem vergangenen Herbst“ an mehreren Stellen aufgetaucht sei, zum Beispiel in einer Werbeagentur und in Studenten-WGs. „Wir wissen nicht, wer die Flyer verteilt“, sagt Richtler. Ihr Eindruck sei, dass sie „nicht gezielt, sondern eher zufällig“ verbreitet würden.
Urheber kommt aus Österreich
Verfasser und Urheber der Schrift ist der Wiener Verein für basisgetragene, selbstbestimmte, pluralistische und unabhängige Medienvielfalt. Als Obmann wird im Flyer Stefan Magnet genannt. Er ist wiederum Chefredakteur des Kanals AUF1, für den im Faltblatt geworben wird. Wie die ARD Ende Dezember meldete, handelt es sich dabei um einen rechtsalternativen Sender aus Österreich, der zum Teil rechtsextreme und verschwörungsideologische Inhalte streue und Deutschland zunehmend in den Fokus der Berichterstattung nehme.
Auch Jan Krieger ist der Sender geläufig. „Es gibt gibt ihn seit 2021“, sagt er. Die Themenschwerpunkte handelten vom Corona-Virus, dem Krieg in der Ukraine neuerdings immer öfter von Finanzen. In seinem Büro in Oldenburg versucht Krieger, die demokratiefeindlichen Aktivitäten im Nordwesten zu überblicken. Im Grunde geht es dabei immer um das gleiche Prinzip: Es sollen Ängste geschürt werden. „Ich kann mir schon vorstellen, dass sich Viele davon angesprochen fühlen“, so Krieger.
Fakten und Quellen sollten geprüft werden
Hajo Wildeboer koordiniert an der Volkshochschule in Emden das Projekt Partnerschaft für Demokratie. Er organisiert Vorträge und berät Vereine und Firmen im Umgang zum Thema mit Verschwörungstheorien. Für wichtig hält er Fakten- und Quellenchecks. Es sei immer wichtig, „sich selbst ein Bild zu machen“ und nachzuvollziehen, aus welchen Quellen Informationen und Behauptungen stammen.
Burkhard Remppis, der sich neben seiner Lehrertätigkeit als Beisitzer im Kreisvorstand der Emder Grünen engagiert, macht sich indes Sorgen, dass solche Hinweise zunehmend ins Leere laufen. Er stelle fest, dass „immer mehr Menschen abdriften“ und sich „nur noch in ihrer Blase“ informierten. Es sei eine „gefährliche Entwicklung“, die die Gesellschaft spalte, so Remppis.