MSC-Nachhaltigkeitssiegel  Fischer schützen die Krabben – wer schützt die Fischer?

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 30.01.2023 16:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Die Krabbenfischerei ist die letzte große Küstenfischerei in Deutschland. Mit dem MSC-Siegel will sie zeigen, dass sie nachhaltig ist. Foto Schuldt/dpa
Die Krabbenfischerei ist die letzte große Küstenfischerei in Deutschland. Mit dem MSC-Siegel will sie zeigen, dass sie nachhaltig ist. Foto Schuldt/dpa
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Das Nachhaltigkeitssiegel für die Krabbenfischerei steht nach fünf Jahren auf dem Prüfstand. Jetzt müssen die Betriebe den Verbrauchern zeigen, dass sie es wirklich ernst meinen.

Küste/Oldenburg - 2015 starteten die Krabbenfischer der drei Anrainerstaaten des Wattenmeeres ihre Kampagne für einen nachhaltigen Krabbenfang und stellten den ersten Fischereimanagementplan ihrer Geschichte auf. Daraus entwickelte sich das MSC-Siegel für nachhaltige Krabbenfischerei. Im Dezember 2017 wurde das Siegel in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden eingeführt. Es soll den Verbrauchern signalisieren, dass beim Krabbenfang etwas für die Nordseegarnele und ihren Lebensraum getan wird. Denn immerhin befischen die Krabbenfischer zwischen 40 und 45 Prozent der Nationalparkfläche im Wattenmeer.

Was und warum

Darum geht es: Aktuell steht das Nachhaltigkeitssiegel der Krabbenfischer auf dem Prüfstein.

Vor allem interessant für: Krabbenfreunde, Fischer und ihre Kritiker

Deshalb berichten wir: Die Fischer können jetzt sich erstmals neu zertifizieren lassen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Mit dem MSC-Siegel verpflichteten sie sich, ihren Einfluss auf das Wattenmeer zu verringern und auf Veränderungen im Ökosystem zu reagieren. MSC steht für Marine Stewardship Council und ist eine gemeinnützige Organisation zum Schutz der Meere und Fischbestände. Ihr Siegel für die Krabbenfischerei ist jetzt fünf Jahre alt und geht in eine neue Runde. Die Fischer müssen sich erstmals neu zertifizieren lassen. Fischereiberater Philipp Oberdörffer von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Oldenburg berichtet, was sich in den vergangenen fünf Jahren getan hat.

Fischereiberater Philipp Oberdörffer von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Oldenburg. Foto: Privat
Fischereiberater Philipp Oberdörffer von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Oldenburg. Foto: Privat

Was waren die einschneidenden Veränderungen für die Krabbenfischer durch die selbst auferlegten Nachhaltigkeitsziele?

Philipp Oberdörffer: Bis zum Start 2017 war die Krabbenfischerei völlig unreguliert in Bezug auf die Fangmengen. Bis dahin gab es nur wenige Vorgaben wie die Kuttergröße und eine Netzmaschenöffnung, die nicht unterschritten werden durfte. Die Einschränkungen waren aber überschaubar. Jetzt wurde die Maschenöffnung der Netze deutlich vergrößert. Statt bei einem gesetzlichen Mindestmaß von 16 sind wir jetzt bei 25 Millimeter, das ist ein großer Schritt. Durch das inzwischen ganzjährig vorgeschriebene Siebnetz kann auch mehr Beifang entkommen.

Was bewirkt die Änderung der Maschenöffnung?

Oberdörffer: Dadurch können mehr untermaßige Krabben durch das Netz schlüpfen. So können sie weiter wachsen und zu einem größeren Bestand beitragen. Auf diese Weise wollen wir das Wachstumspotenzial der Krabbe besser ausnutzen. Ursprünglich wollten wir bereits bei 26 Millimeter Maschenöffnung liegen, aber die dänischen Fischer haben gebeten, nach anderen Lösungen zu suchen. Ihnen entgeht sonst eine zu große Menge des Fangs, heißt es. Die Differenz wird durch andere Maßnahmen ausgeglichen. Dafür haben wir zusätzliche Liegezeiten in den Wintermonaten von vier Wochen und zwei Wochen im Sommer festgelegt. Diese Regeln sind ganz neu.

Im Winter liegen die meisten deutschen Krabbenfischer im Hafen, weil sich die Krabben ins tiefe Wasser zurückziehen und sie dort nicht fischen können. Ist dort nicht von Weihnachten bis März Sendepause?

Oberdörffer: Der Anteil der aktiven Flotte ist in den Wintermonaten in Deutschland zwar geringer, aber auch hier sind etwa 20 Prozent im Winter aktiv. In den Niederlanden sind es dagegen mehr als 50 Prozent. Für die Niederländer ist diese Begrenzung deshalb ein größeres Problem. Sie verteilen den Aufwand über das Jahr anders und haben eine stärkere Winterfischerei. In Deutschland greift man stärker im Sommer mit den zwei Wochen in die aktive Fischerei ein, weil in der Zeit mehr gefischt wird und die ganze Flotte aktiv ist. Im Juli und August geht bei uns die neue Krabben-Kohorte an den Start. Dann sind sie noch einen Tick zu klein. Fischt man eine Weile weniger, können sie weiter wachsen.

Warum gibt es diese Unterschiede in der Winterfischerei zwischen den Ländern?

Oberdörffer: Die deutsche Flotte ist nicht dafür ausgelegt und kommt nicht so gut mit dem wechselhaften Wetter im Winter zurecht. Die kleineren Fahrzeuge sind nicht in der Lage, über die 20-Meter-Tiefenlinie zu fahren. Dort halten sich die größeren Krabben im Winter auf, die am Laichgeschäft teilnehmen. Die Niederländer sind ganz anders ausgestattet und können dort fischen. Deswegen gibt es in vielen deutschen Betrieben die Winterpause. Die Fischerei im Winter ist aber nicht unproblematisch. In der Zeit haben wir die meisten eiertragenden Weibchen im Bestand. Krabben tragen ihre Eier bei sich, bis die Larven schlüpfen. Jedes dann gefangene Weibchen trägt also einen Teil des Nachwuchses mit sich, der später fehlt.

Gibt es weitere Einschränkungen?

Oberdörffer: Wir greifen ein, wenn der Fang pro Stunde unter einen bestimmten Wert sinkt. Sobald nur noch 70 Prozent der sonst üblichen Mittelwerte gefangen werden, beschränken wir die Zeit auf See. Das ist eine kurzfristige Maßnahme, um auf Schwankungen zu reagieren. Der Fang pro Stunde ist das Maß dafür, wie dick die Suppe ist – also wie viele Krabben noch im Wasser schwimmen. Im zeitigen Frühjahr haben wir das immer mal wieder. Dann fischt man nur das, was vom Herbst übrig geblieben ist. Entscheidender wird es, wenn die Werte im Herbst gerissen werden. Das wäre ein schlechteres Zeichen für die Bestandsentwicklung.

Wurde untersucht, ob sich die Maßnahmen tatsächlich positiv auf den Bestand auswirken? Es heißt ja, dass die Krabben relativ unberechenbar sind.

Oberdörffer: Wir müssen von der Vorstellung wegkommen, dass wir den Bestand managen können. Dann würden wir annehmen, die Fischerei wäre der einzige Faktor, der sich auf die Krabben auswirkt. Die Fischerei kann nur das fischen, was die Natur übrig lässt. Bei Krabben ist es aufgrund der kurzen Lebenszeit unmöglich, festzustellen, welchen Effekt eine Maßnahme hat. Die Uni Hamburg hat an einem Modell für die Krabbenpopulation errechnet, dass unsere Maßnahmen einen Effekt haben, wenn alle anderen Parameter konstant sind. Das in der Natur nachzuvollziehen, ist nicht möglich – wir arbeiten ja nicht im Labor.

Werden die gemeldeten Fangmengen ausgewertet?

Oberdörffer: Die Fischer führen ein elektronisches Logbuch, in dem auch die Fangmenge pro Stunde gemeldet wird – das ist unser Richtwert. Sehen wir dabei gewisse Trends, hinterfragen wir die Ursachen. Das hat die Uni Hamburg gemacht und einen Rückgang der Herbstbestände in den nördlicheren Gewässern festgestellt. Solche Schwankungen gab es schon immer. Es kann sein, dass die Winterfischerei eine Ursache ist. Wenn sie mit natürlichen Schwankungen zusammenfällt, kann sie einen Effekt auf den Gesamtbestand haben. Bisher haben sich die Bestände immer wieder erholt, wenn der Fischereidruck nachgelassen hat. Die schlechtesten Jahre waren 1990, 2016 und 2017. 2018 dachten wir noch im ersten Halbjahr, die Krabbe stirbt aus – im zweiten Halbjahr konnten wir uns vor Krabben nicht retten. Daran sehen wir: Wenn die natürlichen Faktoren passen, spielt die Fischerei eine eher untergeordnete Rolle in diesem System.

Wirken sich der Klimawandel und die damit verbundene Temperaturerhöhung im Wattenmeer auch auf den Bestand aus?

Oberdörffer: Direkt auf die Krabbe nicht. Als typischer Bewohner des Wattenmeeres ist sie große Temperaturschwankungen gewohnt. Sie überlebt auch im Sommer in den Pfützen auf den Watten bei 30 Grad und es macht ihr nichts aus, bei Flut wieder in 15 Grad kaltem Wasser zu leben. Aber das ganze System kann sich ändern – wenn sich Nahrungskonkurrenten und Fressfeinde ändern, kann man nicht genau sagen, wie sich diese indirekten Änderungen auf die Krabbe auswirken. Es ist ein ziemlich komplexes System, das wir nicht ansatzweise verstanden haben.

Kann dieses Siegel die Krabbenfischerei zukunftsfähig machen und vielleicht sogar retten?

Oberdörffer: Das Siegel allein wird die Fischerei nicht retten, ist aber ein wichtiger Türöffner für den Absatz. Als typische Küstenfischerei ist der Krabbenfang in der Nordsee die mit Abstand größte deutsche Fischerei, die überhaupt noch übrig ist. Die in den Nordseeküstengewässern erzeugten Mengen von Frischfisch sind überschaubar, es gibt noch eine kleine Zahl von Muschelfischereibetrieben und die Fischerei in der Ostsee wird gerade abgewickelt. Ich hoffe, dass wir zumindest aus den Fehlern in der Ostsee lernen und bei der Nordsee anders und rechtzeitig handeln, um einen Totalzusammenbruch zu verhindern. Das letzte Schiff wurde 2006 neu gebaut und die Zahl der Kutter nimmt immer weiter ab. Die Tendenz ist klar. Effekte wie der Brexit, Corona und die hohen Treibstoffkosten werden den Rückgang beschleunigen. Um die deutsche Kutterflotte wirklich zu retten und zukunftsfähig zu machen, müssen ganz andere Maßnahmen her. Das haben die Fischer allein nicht in der Hand.

Wie geht es beim MSC-Siegel weiter?

Oberdörffer: Wir haben durch die Corona-Pandemie eine Verlängerung bis Juni erhalten. Für die Fischerei bleibt aktuell nicht mehr viel zu tun, sie setzt noch die letzten Auflagen um und verbessert die Datenlage. Wir müssen jetzt mit den Audits beweisen, dass das entwickelte Managementsystem funktioniert. Wir müssen zeigen, dass der Managementplan eben kein Papiertiger ist, sondern auch gelebt wird. Dafür haben wir noch bis Juni Zeit. Das wird sportlich, da der MSC einen streng vorgegebenen Zeitplan hat.

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