Berlin  Prostatakrebs: Was bringt die Früherkennung?

Eva Dorothée Schmid, Daniel Benedict
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Von Eva Dorothée Schmid, Daniel Benedict
| 26.01.2023 12:45 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Schwachpunkt Vorsteherdrüse: Das Prostatakarzinom ist in Deutschland die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Auf unserer Grafik ist die Prostata das herzförmig dargestellte Organ genau in der Mitte, zwischen Blase und Schwellkörpern. Foto: imago-images/UIG
Schwachpunkt Vorsteherdrüse: Das Prostatakarzinom ist in Deutschland die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Auf unserer Grafik ist die Prostata das herzförmig dargestellte Organ genau in der Mitte, zwischen Blase und Schwellkörpern. Foto: imago-images/UIG
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Für Männer ist das Prostatakarzinom die häufigste Krebsdiagnose. Trotzdem geht nur jeder Vierte zur Krebs-Vorsorge. Was die einzelnen Vorsorge-Methoden wirklich bringen, ist umstritten.

Dem Robert-Koch-Institut zufolge erkranken in Deutschland jedes Jahr rund 500.000 Menschen Menschen an Krebs; nach Herzkreislauferkrankungen ist Krebs die zweithäufigste Todesursache. Bei Männern ist das Prostatakarzinom das häufigste Krankheitsbild. Die Überlebenschancen sind hier vergleichsweise hoch. Sie hängen aber vom Zeitpunkt der Entdeckung ab.

Diese Grafik von Statista zeigt die häufigsten Krebsarten bei Männern und Frauen:

Trotzdem nutzen nur knapp 22 Prozent der Männer die ihnen zustehende Krebsfrüherkennung. Zum Vergleich: Frauen gehen mit 48 Prozent fast genau doppelt so häufig zur Krebsvorsorge. Diese Zahlen gehen aus dem Barmer Arzt-Report 2022 hervor. 

Die Deutsche Krebshilfe nennt zwei zentrale Verfahren der Prostatakrebsdiagnose:

Es wurde bisher nicht nachgewiesen, dass die Tastuntersuchung, die die Krankenkassen ab dem 45. Lebensjahr einmal jährlich bezahlen, als alleinige Maßnahme zur Früherkennung von Prostatakrebs geeignet ist, die Zahl der tumorbedingten Todesfälle zu senken. Dies wird darauf zurückgeführt, dass durch die alleinige Tastuntersuchung ein Prostatakrebs meist erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt wird, in dem die Heilungschancen geringer sind.

Der PSA-Test ist die heutzutage empfindlichste Methode, um einen Prostatakrebs frühzeitig zu entdecken beziehungsweise den Verdacht auf Prostatakrebs zu erheben. Er ermöglicht es, den Prostatakrebs mit guter Erfolgsaussicht zu behandeln. Damit wird die Wahrscheinlichkeit, dass Männer an Prostatakrebs sterben, verringert.

Ein unauffälliges Testergebnis stellt zudem eine Beruhigung für den Betroffenen dar.

Allerdings ist auch der PSA-Test nicht unumstritten. Hintergrund ist laut Deutscher Krebsgesellschaft zum einen eine mangelnde Eindeutigkeit des PSA-Werts; zudem bestehe die Gefahr einer Überdiagnose.

Ein erhöhter PSA-Wert ist nur ein Warnhinweis. Um Prostatakrebs sicher nachzuweisen, ist immer die Entnahme einer Gewebeprobe aus der Prostata notwendig, die in den allermeisten Fällen ambulant durchgeführt wird.

Studien haben gezeigt, dass bei Männern, die eine Früherkennungsuntersuchung mit PSA durchführen lassen, öfter Prostatakrebs entdeckt wird als ohne den Test. Ein Teil dieser so entdeckten Tumore wäre ohne die Früherkennungsuntersuchung dem Mann zu Lebzeiten nicht aufgefallen. Das liegt daran, dass manche Prostatakrebsarten auch über viele Jahre „ruhen” können und nicht zu Metastasen oder zum Tod führen.

Dazu kommt, dass die Diagnose und Therapie von Tumoren, die ungefährlich sind, erhebliche psychische und körperliche Folgen hat.

Wie die Stiftung Warentest berichtet, macht nun eine Studie des Karolinska Institutet in Stockholm Hoffnung. Darin wird eine Früh­erkennungs­methode für Prostatakrebs vorgestellt, die Informationen zu Prostata­krebs­fällen in der Familie mit Genanalysen kombiniert. Auf diese Weise soll das Risiko, an einem Prostata­tumor zu sterben, besser einzuschätzen sein als durch das Wissen um die Kranken­geschichte der Familie allein.

Wer weiß, dass er ein hohes Risiko trägt, kann dem Krebs mit regel­mäßigen Unter­suchungen auf die Spur kommen, so die Hoffnung. Denn früh erkannt, lässt sich Prostata­krebs in 80 bis 90 Prozent der Fälle heilen, so die Zahlen des Zentrums für Krebs­register­daten. Allerdings kann es noch Jahre dauern, bis die Methode praxis­reif ist.

Zurzeit kann aufgrund der Studienlage nicht abschließend beurteilt werden, ob der Nutzen oder mögliche Schäden der PSA-gestützten Früherkennung überwiegen. Aus diesem Grund ist der PSA-Test nicht im gesetzlichen Krebsfrüherkennungsprogramm enthalten. Er muss selbst bezahlt werden und kostet etwa 25 Euro.

Die europäische ERSPC-Studie untersucht das Für und Wider des Tests seit 2006. Die Hälfte der teilnehmenden 162.000 Männer wird etwa alle vier Jahre getestet, die andere Hälfte gar nicht. Bisher zeigt sich, dass der Test nur wenige Vorteile bringt.

Die Deutsche Krebshilfe empfiehlt Männern, sich umfassend über die Vor- und Nachteile der Prostatakrebsfrüherkennung zu informieren und im Rahmen einer Beratung mit ihrem Arzt selbst zu entscheiden, ob sie einen PSA-Test durchführen lassen möchten oder nicht.

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Die Prostata oder Vorsteherdrüse umkleidet beim Mann die Harnröhre. Sie produziert einen Teil der Spermaflüssigkeit. Bei der Ejakulation sorgt sie wie eine Weiche dafür, dass nur Sperma, aber kein Urin ausgestoßen wird. Die Prostata ähnelt in Form und Größe einer Walnuss. Weil sie an den Mastdarm angrenzt, kann sie über den Anus ertastet werden. Ihre Stimulation kann zur sexuellen Erregung führen, bis hin zum Orgasmus.

Bei etwa jedem zweiten Mann kommt es ab dem 50. Lebensjahr zu einer Vergrößerung der Vorsteherdrüse. Das schreibt die Deutsche Krebsgesellschaft auf ihrem Beratungsportal. Von der gutartigen Prostatavergrößerung (benigne Prostatahyperplasie) wird der Prostatakrebs unterschieden (maligne Prostatahyperplasie).

Mit 24,6 Prozent ist er bei Männern die häufigste Krebsform; bei den tödlich verlaufenden Erkrankungen liegt er mit 11,6 Prozent an zweiter Stelle. Nur an Lungenkrebs sterben mehr Männer. Jedes Jahr werden laut Robert Koch-Institut in Deutschland mehr als 60.000 Neuerkrankungen registriert.

Je früher ein Prostatakarzinom erkannt wird, desto größer sind die Heilungschancen. Als mögliche Symptome nennt die Deutsche Krebsgesellschaft:

Ob die Ursache der Beschwerden gut- oder bösartig ist, muss ein Arzt feststellen. Das Tückische: Gerade beim Krebs wächst die Geschwulst zunächst meist abseits der Harnröhre – zumindest in 66 Prozent der Fälle. Probleme beim Wasserlassen werden von Betroffenen deshalb erst spät wahrgenommen. Oft haben sich dann bereits Metastasen außerhalb der Prostata gebildet. Eine Vorsorgeuntersuchung sollte also möglichst schnell erfolgen.

Entlastend: Die Chancen stehen gut, dass der Arzt eine gutartige Vergrößerung entdeckt. Bei ihr ist es nämlich umgekehrt: Sie beginnt in der Regel nah an der Harnröhre zu wachsen und macht daher schon früh auf sich aufmerksam.

Die genauen Ursachen des Prostatakarzinoms sind der Deutschen Krebshilfe zufolge noch unerforscht. Als wichtigste Faktoren gelten Alter und Veranlagung.

Für die genetische Veranlagung spricht auch die globale Häufigkeit von Prostatakarzinomen: Bei Männern afrikanischen Ursprungs ist das Krankheitsbild demnach häufiger als bei Menschen mit europäischen Wurzeln; in China und Japan tritt es dagegen eher selten auf.

Einen Zusammenhang sieht die Deutsche Krebshilfe auch mit dem Geschlechtshormon Testosteron: Männer, die in der Jugend einen Hodenverlust erlitten haben, bilden demnach sehr selten ein Prostatakarzinom aus. Wer wegen einer Hodenunterfunktion mit Testosteron behandelt wird, erhöht sein Risiko aber nicht.

Und natürlich gilt unabhängig von der Krebsart: Alkohol und Rauchen erhöhen das Risiko einer Erkrankung.

Gemessen an anderen Krebsarten ist die Sterblichkeit beim Prostatakrebs vergleichsweise niedrig. Neun von zehn Prostatakrebs-Patienten sterben der Deutschen Krebshilfe zufolge an einer anderen Ursache als dem Karzinom. Die Wahrscheinlichkeit, die Diagnose um mindestens fünf Jahre zu überleben, liegt demnach bei 89 Prozent.

Zum Vergleich: Für bösartige Tumoren der Lunge, Leber und Bauchspeicheldrüse nennt das Zentrum für Krebsregisterdaten eine Fünf-Jahres-Überlebensrate von unter 20 Prozent.

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