Kritik am Ja zum Torfabbau  Umweltschützer fürchten scheiternde Renaturierung in Marcardsmoor

Ole Cordsen
|
Von Ole Cordsen
| 27.01.2023 09:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Weil für den Torfaushub auf den Erweiterungsflächen wieder eine Feldbahn zum Einsatz kommen soll, sind bereits Gleise entlang des Grünen Wegs verlegt worden. Fotos: Cordsen
Weil für den Torfaushub auf den Erweiterungsflächen wieder eine Feldbahn zum Einsatz kommen soll, sind bereits Gleise entlang des Grünen Wegs verlegt worden. Fotos: Cordsen
Artikel teilen:

Mindestens eine weitere Klage gegen den Torfabbau in Marcardsmoor zeichnet sich ab. Umweltschützer zeigen sich besorgt und sehen Beeinträchtigungen für die Öffentlichkeit.

Marcardsmoor - Vorbereitungen für den ausgeweiteten Torfabbau in Marcardsmoor sind und werden getroffen, nachdem der Landkreis Aurich vor etwa sechs Wochen den Abbau von gut 52 Hektar auf einer Gesamtfläche von rund 100 Hektar genehmigt hatte. Am Verladeplatz des örtlichen Torfwerks stehen bereits eine Lokomotive und Loren, Schienen sind auf Holzbrettern am Grünen Weg entlang ins Moor verlegt worden. An einer neuen Fassade am Eingang warnt ein Schild vor kreuzendem Schienenverkehr. Die Feldbahn soll die Raupendumper ersetzen, die Torf von den bisher abgebauten Flächen zum Verladeplatz gekarrt haben und deren Lautstärke in der Vergangenheit für Kritik gesorgt hatte – abgesehen davon, dass Feldbahnen im Zweifel mehr Bodenaushub auf einmal transportieren könnten und die schweren Raupengefährte den eigentlich öffentlichen Grünen Weg insbesondere in den regenreichen vorigen Wochen in eine kaum noch passierbare Schlammtrasse verwandelt haben.

Loren und eine Lokomotive stehen bereits auf dem Areal des Torfwerks Marcardsmoor.
Loren und eine Lokomotive stehen bereits auf dem Areal des Torfwerks Marcardsmoor.

Das Vorhaben des Torfwerks Marcardsmoor sowie des Torfhandels Over mit Sitz in Meppen, noch mehr in Marcardsmoor abzugraben, sorgt unterdessen weiter für Kritik. Nachdem mit Ingrid und Ton Aarden zwei direkte Anwohner der künftigen Abbauflächen nach eigenen Angaben Klage gegen den Planfeststellungsbeschluss, quasi die Genehmigung, des Landkreises beim Verwaltungsgericht in Oldenburg eingereicht haben, zeichnen sich weitere Einsprüche ab: So hat der Landesvorstand der Tierschutzpartei Niedersachsen beschlossen, ebenfalls Klage gegen das Projekt einzureichen. Entsprechende Informationen dieser Zeitung bestätigte Diedrich Kleen, Leiter der Regionalgruppe Ostfriesland und Ratsherr in Wiesmoor, auf Nachfrage. „Wir sind momentan noch in der juristischen Klärung, aber der Entschluss steht.“ Weil die Partei bislang nicht am Verfahren beteiligt war und während des Planverfahrens keine Einwendungen gemacht hatte, hat sie eine verlängerte Klagefrist bis zum 9. Februar. Auch Ratsherr Edgar Weiss (Freie Bürgerliste Wiesmoor, kurz: FBW) hatte mehrfach angedeutet, dass es auch aus seinem Umfeld noch juristischen Widerstand gegen die Genehmigung des Plans geben könnte. Man sei weiterhin in der Prüfung der eigenen Möglichkeiten, zu klagen, sagte er. Sowohl die FBW-Fraktion wie auch Kleen für die Tierschutzpartei möchten bei allem, dass die Stadt Wiesmoor die Prozess- und Verfahrenskosten infolge der Klagen übernimmt und haben jeweils am Freitag entsprechende Anträge gestellt. Kleen sagt: „Im Haushalt steht Geld für das Integrierte Gebietsentwicklungskonzept, mit dem die Torfabbau-Anträge verknüpft sind. Ich finde, da ist es demokratisch legitim zu fragen, ob die Stadt auch Kosten für kritische Auseinandersetzung damit übernimmt.“ Die Fraktion der Freien Wähler im Auricher Kreistag, zu der auch FBW-Mitglieder gehören, hat parallel einen Antrag auf Rechtsschutz und Kostenübernahme durch den Kreistag gestellt. „Es ist unser Ziel, diesen klimapolitischen Irrsinn eines neuen Torfabbaus zu beenden“, so Weiss.

Ein Bagger auf einer Torfmiete in Marcardsmoor.
Ein Bagger auf einer Torfmiete in Marcardsmoor.

Droht ein Absacken des Resttorfkörpers wie in Esterweger Dose?

Äußerst scharfe Kritik, wenngleich nicht an eine Klage gekoppelt, richten überdies das Protestbündnis „Bilanz“ aus Aurich sowie die ostfriesischen Regionalverbände der Naturschutzorganisationen Nabu und BUND an der Entscheidung des Landkreises. Sie halten die Abbau-Pläne generell für den „falschen Weg“, wie Johannes de Boer von „Bilanz“ in einer gemeinsamen Mitteilung schreibt. Konkret aber fürchten sie, dass nach Abbau-Ende eine Renaturierung scheitern könnte, weil aus ihrer Sicht die vom Kreis vorgeschriebene Resttorfschicht zu dünn ausfällt. Mehr noch, sie widersprechen aus diesen Gründen der Genehmigungsbehörde in ihrer Einschätzung, dass beim Vorhaben „eine Beeinträchtigung des Wohls der Allgemeinheit“ auszuschließen ist. Nach §68, Absatz 3 des Wasserhaushaltgesetzes darf ein Vorhaben nur dann genehmigt werden, wenn keine Beeinträchtigung zu erwarten ist. Der Kreis Aurich hat in seiner Genehmigung die in der Praxis vergangener Jahrzehnte übliche, aber als Untergrenze fürs Gelingen einer Renaturierung geltende Resttorfschicht von 50 Zentimetern vorgeschrieben. Die Umweltschützer fürchten nun, dass in Marcardsmoor ähnliches passieren könnten wie auf den riesigen ehemaligen Abbaufeldern „Esterweger Dose 1-4“, wo sich die Landkreise Leer, Emsland und Cloppenburg treffen.

Drei Lokomotiven einer Feldbahn im Abbaugebiet Esterweger Dose.
Drei Lokomotiven einer Feldbahn im Abbaugebiet Esterweger Dose.

Dort hatte der Landkreis Emsland bei Messungen festgestellt, dass auf den vor gut zwei Jahren aus dem Abbau genommenen Flächen rund 20.000 Kubikmeter Torf als Restschicht fehlen, die für die Chance auf ein millimeterweises Wiederanwachsen lebender Torfmoose nötig sind, indem der Torfkörper seine wasserstauenden Eigenschaften behält. Umgerechnet entspricht die Menge rund 283.000 handelsüblichen 70-Liter-Blumenerde-Säcken im Baumarkt. Die vorgeschriebene Mindest-Torfstärke von einem halben Meter war dort teilweise um 20 Zentimeter unterschritten worden. Beim verantwortlichen Unternehmen Klasmann-Deilmann, einem der großen Torfabbauer Europas, ist man sich keiner Schuld bewusst. Es sei nicht zu viel Torf abgebaut worden, betont ein Sprecher. Hintergrund der Probleme seien die trockenen Sommer der vergangenen Jahre – mithin der Klimawandel. Dadurch sei die sogenannte Torfzehrung beschleunigt worden. Dabei gelangt Sauerstoff an die trockengelegten Torfböden und beschleunigt deren Zersetzung. Der Torfboden schrumpft zusammen. Dieser Effekt sei auch auf einer zweiten Abbaufläche innerhalb der Esterweger Dose eingetreten, teilt der Sprecher des Unternehmens mit Sitz in Geeste, Landkreis Emsland, mit. Deswegen sei auch dort der eigentlich noch bis 2029 genehmigte Abbau beendet worden.

Ein Bagger auf einer Torfmiete in Marcardsmoor.
Ein Bagger auf einer Torfmiete in Marcardsmoor.

Kritik am „Weiter so“ der Genehmigungspraxis

Der BUND brachte in seinen Einwendungen vor, dass er angesichts der gegenwärtigen und zu erwartenden Klimabedingungen einen Resterhalt des Torfkörpers von mindestens einem Meter für erforderlich hält, „um die ohnehin geringe Chance einer Renaturierung zu wahren“. Der Nabu hatte ebenfalls nach eigenen Angaben ausgeführt, „dass angesichts der immer häufiger von Dürre begleiteten Jahre das geplante Belassen einer wasserstauenden Hochmoortorfschicht mit einer Mächtigkeit von 0,5 Metern über einer Niedermoorschicht von durchschnittlich 0,26 Metern und dem mineralischen Untergrund unzureichend sein wird“. Es sei nicht unwahrscheinlich, dass Trockenrisse in der Restmoorschicht entstehen, „die ein Eintreten von Sauerstoff und eine Freisetzung von CO2 befördern. Diese Trockenrisse schließen sich auch nicht einfach wieder von selbst. Die Torfschicht verliert ihre wasserstauende Funktion“, so der Nabu. Zudem könnte es bei abgesackten Böden passieren, dass Kuppen des zumeist welligen mineralischen Untergrunds „leicht angeschnitten“ werden und dadurch Wasser, das man für die Renaturierung doch aufstauen möchte, heraussickern könnte.

Ein Bagger sowie weitere Gerätschaften an der großen Torfmiete am Verladeplatz des Torfwerks Marcardsmoor.
Ein Bagger sowie weitere Gerätschaften an der großen Torfmiete am Verladeplatz des Torfwerks Marcardsmoor.

Die drei Verbände bezweifeln in ihrer gemeinsamen Presseerklärung, „dass es bei den jetzigen Auflagen gelingen wird, den Bereich des Vorhabens nach erfolgtem Torfabbau zu einem dauerhaften Wiedervernässungsbereich im Sinne einer nachhaltigen Moorentwicklung auszubilden. Ebenso ziehen wir in Zweifel, dass der Torfkörper unter den gegebenen Umständen zu einer Senke für klimaschädliche Stoffe entwickelt werden kann.“ Mit anderen Worten: „Die auf dem Papier formulierten Maßnahmen zum Klimaschutz laufen ins Leere“, schreiben die drei Verbände und ergänzen: „Auch bei den Genehmigungsbehörden muss realisiert werden, dass es angesichts des eingesetzten Klimawandels kein ,Weiter soʻ in der Genehmigungspraxis geben darf.“ Die Abwägung zwischen den privatwirtschaftlichen Interessen der Torfabbauer und dem öffentlichen Interesse am Schutz der Umwelt „ist zu Lasten der Belange von Natur- und Klimaschutz ausgefallen“, befinden die Verbände. Der Landkreis Aurich hat sich auf Anfrage bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert, eine Kontaktaufnahme zum Torfwerk Marcardsmoor gelang nicht.

Der Blick in Richtung Wittmunder Straße und Verladeplatz lässt noch einmal erkennen, wie kaputtgefahren der Grüne Weg zurzeit ist.
Der Blick in Richtung Wittmunder Straße und Verladeplatz lässt noch einmal erkennen, wie kaputtgefahren der Grüne Weg zurzeit ist.

Ähnliche Artikel