Osnabrück/Nortrup „Der Verbraucher sollte wissen, ob ihm ein Schimmelkäfer untergejubelt wird“
Godo Röben ist Experte, wenn es um alternative Proteine geht. Der Unternehmer aus Brake berät Firmen wie das Nortruper Unternehmen The Family Butchers, das mit Billie Green eine neue Marke für Fleischalternativen auf den Markt gebracht hat. Nun sind auch Grillen und Getreideschimmelkäfer in Lebensmitteln erlaubt.
Frage: Herr Röben, Sie haben beruflich viel mit Fleischalternativen zu tun. Was kommt bei Ihnen auf den Teller?
Antwort: Ich bin der typische Sonntagsbraten-Esser. So wie früher – Fleisch gibt es sehr selten. Aber da es zum Beispiel noch keine gute Steak-Alternative gibt, greife ich dort auch mal zum tierischen Produkt. Aber Mortadella oder Salami beispielsweise würde ich heute immer aus pflanzlichen Alternativen essen. Einfach, weil es schmeckt.
Frage: Sie beraten viele Firmen, unter anderem The Family Butchers. Gilt dieser gute Geschmack für den Großteil der Alternativprodukte?
Antwort: Leider nein. Ich würde sagen, 20 Prozent aller pflanzlichen Produkte sind wirklich gut und können die tierische Alternative infrage stellen. 80 Prozent sind aber noch nicht da, wo sie sein müssen – weder vom Geschmack, noch in Sachen Rohstoffe aus Deutschland oder Inhaltsstoffen. Da bin ich manchmal schon schockiert, wenn ich etwas Neues aus dem Supermarkt mitbringe, und frage mich, ob das jemand vorher probiert hat. Am Geschmack ist die Branche aber dran. Und der Konsument zwingt einen auch dazu.
Frage: Seit Dienstag (24. Januar 2023) dürfen neben Mehlwürmern und Heuschrecken auch Grillen und Getreideschimmelkäfer zu und in Lebensmitteln verarbeitet werden. Ist der Verbraucher schon so weit?
Antwort: Nein, ich glaube nicht. Jedenfalls nicht in der Masse. Wir brauchen alternative Proteine für unsere Ernährung, gerade die pflanzlichen, da liegt bei uns der Fokus. Aber aus meiner Sicht werden Insekten hier ein Randthema bleiben. In anderen Regionen ist das anders.
Frage: Dennoch machen Krabbeltiere auf dem Speiseplan Schlagzeilen, zum Beispiel damals der Insekten-Burger aus Osnabrück.
Antwort: Stimmt, es gab schon Insekten als Ganze und auch verarbeitet zu Burger-Pattys. Das ist aber, muss man so ehrlich sagen, gefloppt. Der Kunde hat es nicht angenommen und auch in der Proteinwende, an der ich für die Bundesregierung zusammen mit anderen arbeite, spielen Insekten keine große Rolle. Es ist auch nicht so, als würden die Namen der Tierchen – Getreideschimmelkäfer – Lust machen auf Konsum. Die Diskussion darüber zeigt aber, wie breit das Spektrum alternativer Proteine ist.
Frage: Grille und Co dürfen beigemischt werden – auch Fleischalternativen. Doch sie müssen nur in der Zutatenliste angegeben werden...
Antwort: …Ich finde das problematisch. Ich hätte mir gewünscht, dass eine Beimischung prominent auf der Lebensmittelverpackung gekennzeichnet werden muss. Es ist ja nicht schlimm, jeder kann selbst entscheiden. Aber der Verbraucher sollte wissen, ob ihm ein Mehlwurm oder Getreideschimmelkäfer untergejubelt wird.
Frage: Sie sprechen von einer Proteinwende…
Antwort: …Es ist ähnlich wie bei der Elektromobilität: Jeder, der tierische Lebensmittel verarbeitet – vom Fleischer über den Legehennenbetrieb bis zum Landwirt – weiß, dass der Trend zu Fleischalternativen gekommen ist, um zu bleiben. Ich bin davon überzeugt, dass sie langfristig auf einen Anteil von 60 bis 80 Prozent kommen werden.
Frage: Wenn sich jeder damit beschäftigt, wird die Luft für den Einzelnen nicht irgendwann etwas dünn?
Antwort: Nein, überhaupt nicht. Es gibt keinen Markt, der so schnell wächst wie der für Fleischalternativen. Es fließen pro Jahr Milliarden in diesen neuen Markt und um die steigende Nachfrage decken zu können, braucht es alle: die Fleisch- und Wursthersteller, Milchhersteller, die Landwirte, und und und. Es kann mal Umsatzdellen geben, wie aktuell mit den hohen Inflationswerten, aber das ist sicherlich nicht die Regel.
Frage: Bei Platzhirschen wie Beyond Meat hat man jedoch gesehen, wie schnell es bergab gehen kann.
Antwort: Das stimmt. Das Unternehmen wurde finanziell absolut übertrieben bewertet. Das kann nicht passen. Aber der Markt selbst wird riesig. Auch wenn es für Beyond Meat nicht gut läuft, für die Branche bringen solche Unternehmen die notwendige Öffentlichkeit für alternative Produkte. Es kann aber sein, dass auch solche Firmen mal aus der Kurve fliegen und sich übernehmen.
Frage: Wie weit hinken wir in Sachen alternativer Proteinquellen international hinterher?
Antwort: Wir dürfen den Anschluss nicht verlieren. Israel, die USA, Singapur, Kanada oder auch Dänemark sind uns voraus. Wir kämpfen für den Innovationsstandort Deutschland, damit der Ernährungsbranche nicht das Gleiche passiert wie damals, als das Silicon Valley zum High-Tech-Hot-Spot wurde und wir am Ende mit Telefunken, AEG und Nordmende da standen. Der Ernährungswandel hin zu pflanzlichen Proteinen und Clean Meat wird kommen. Und es wäre doch schade, wenn dieser Markt nur von ausländischen Firmen dominiert wird. Damit Unternehmen hier vor Ort und die heimischen Landwirte dabei eine Rolle spielen, braucht es die Politik. Die ist aber gerade wahnsinnig offen.
Frage: Ernährung ist ein Steckenpferd der Start-up-Szene in Osnabrück. Wie steht es denn um das Ökosystem in Sachen Ernährungstrends?
Antwort: Es gibt hier richtig tolle Unternehmen, aber auch bei den Start-ups trennt sich langsam die Spreu vom Weizen. In den vergangenen zwei Jahren wurde wahnsinnig viel Geld in den Markt gepumpt, teils auch zu viel. Jetzt ist das anders.
Frage: The Plantly Butchers, die neue Firma unter dem Dach von The Family Butchers, ist in gewisser Weise auch ein Start-up. Haben Unternehmen, die so spät in den Markt einsteigen, noch eine Chance?
Antwort: Das stimmt, mit Rügenwalder, die ich 2021 verlassen habe, waren wir damals „first mover“, heute hat die Marke rund 30 Prozent Marktanteil. Die Unternehmen, die jetzt dazukommen, zahlen viel Lehrgeld. Sie müssen sehr stark investieren und es vor allem Ernst meinen. Wer nur aus ökonomischen Gründen in den Markt einsteigt, wird scheitern. Bei Plantly Butchers in Osnabrück ist das anders. Dort stehen die Unternehmen komplett hinter der Idee und dazu arbeitet dort ein unglaublich leidenschaftliches Team um Sven Wieken herum – unter anderem auch eine ganze Menge ehemaliger Rügenwalder Kollegen im Team.
Frage: Wo geht die Reise mit Blick auf Proteinalternativen hin?
Antwort: Die Pflanze wird aus meiner Sicht bei uns mit großem Abstand die Nummer eins als Proteinlieferant sein. Wie sich das Thema Clean Meat weiterentwickeln wird, steht noch in den Sternen. Es gibt drei Hürden: die Zulassung seitens der EU, da können noch ein paar Jahre vergehen; die Reaktion der Verbraucher; und der Preis. Die Produktion ist zurzeit viel zu teuer. Solange das so ist, wird Clean Meat in der Masse nicht ankommen.
Frage: Bekommt der Insekten-Burger eine zweite Chance?
Antwort: Ich glaube, beim Verbraucher ist das durch. Oder es wird zumindest kein großer Massenmarkt. Ich habe das auch probiert oder so Heuschrecken zum Knabbern. Das war knusprig und schmeckte auch, aber ich würde es nicht wieder kaufen. Wir sind in Europa anders sozialisiert worden. Wenn andere Nationen den Kopf schütteln, dass wir Schweinefleisch essen, schütteln wir den Kopf, dass dort Insekten gegessen werden. Als Tierfutter haben Insekten aber durchaus eine Chance.
Frage: Wie sieht es mit anderen Trends aus?
Antwort: Auch Pilze sind ein großes Thema und Algen kommen stark. Letztere haben unglaublich tolle Nährwerte und sind ideal, wenn jetzt vermehrt Fisch-Ersatz und Co. vegan in den Markt kommen. Zumal sie schon einen Fisch-Geschmack mitbringen. Der große Nachteil ist, dass Algen wahnsinnig teuer sind. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich das ändert, wenn der Markt größer wird.
Frage: Sind Pflanzen also auch eine sehr günstige Alternative?
Antwort: Ja, das ist der Punkt. Jetzt müssen wir zusammen mit Saatgutherstellern und Landwirten die richtigen Pflanzen finden, die ein gutes Einkommen sichern und eine entsprechende Menge abwerfen. Denn der Marktanteil alternativer Produkte liegt derzeit bei lediglich rund vier Prozent. Es werden also noch deutlich mehr Rohstoffe benötigt. Diese Mengen sorgen auch dafür, dass die Pflanzenwurst günstiger wird als das tierische Produkt. Wenn wir das schaffen, erreichen wir auch die Haushalte mit schmalem Geldbeutel. Hier muss auch die Politik ihren Beitrag leisten und den Mehrwertsteuersatz für pflanzliche Produkte senken.