ADFC-Foto des Monats  Für Fahrräder ist der neue Combi nicht XL

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 25.01.2023 12:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die meisten Kunden stellen ihre Räder rund um die Einkaufswagenbox am Haupteingang ab. Foto: Ortgies
Die meisten Kunden stellen ihre Räder rund um die Einkaufswagenbox am Haupteingang ab. Foto: Ortgies
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Am neuen Combi XL in Aurich gibt es zu wenige und nur altmodische Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Das kritisiert der ADFC.

Aurich - Blockierte Durchfahrten, unsinnige Schilder, marode Wege: Mit dem „Foto des Monats“ weist der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Aurich auf Missstände beim Thema Radverkehr hin. Aber auch positive Beispiele sollen mit der Initiative, die diese Zeitung journalistisch begleitet, dargestellt werden. Der ADFC möchte damit der öffentlichen Debatte über eine bessere Fuß- und Radverkehrs-Infrastruktur Impulse geben und zu Verbesserungen beitragen.

Diesmal hat sich der ADFC bei einem neuen Verbrauchermarkt in Aurich umgeschaut. Unweit der Pferdemarkt-Kreuzung hat die Bünting-Unternehmensgruppe aus Leer am 1. Dezember vergangenen Jahres den ersten Combi XL eröffnet. Mit einer Verkaufsfläche von mehr als 3200 Quadratmetern und einem größeren Sortiment hebt sich das Geschäft von herkömmlichen Combi-Märkten ab.

„Anlagen aus dem letzten Jahrhundert“

Schon am Eröffnungstag war der Redaktion aufgefallen, dass bei der Planung offensichtlich die Bedeutung des Radverkehrs unterschätzt worden war. Mangels Abstellmöglichkeiten standen rund um den Gebäudekomplex Fahrräder wild durcheinander. Bünting-Pressesprecherin Dr. Christiane A. Kolass hatte seinerzeit versprochen, sich das noch einmal anzuschauen. Bei Bedarf werde man zusätzliche Fahrradständer aufstellen. Erfahrungsgemäß komme aber der Großteil der Kunden mit dem Auto.

Am Eröffnungstag des Combi XL, dem 1. Dezember 2022, wurden Räder rund um das Gebäude kreuz und quer abgestellt. Foto: Archiv/Luppen
Am Eröffnungstag des Combi XL, dem 1. Dezember 2022, wurden Räder rund um das Gebäude kreuz und quer abgestellt. Foto: Archiv/Luppen

Nun ist auch dem ADFC die seiner Meinung nach unbefriedigende Situation für Radfahrer aufgefallen. Albert Herresthal vom Vorstand des ADFC-Kreisverbandes Aurich wundert sich. Mit dem ersten Combi XL habe doch in Aurich eine neue Zeitrechnung beginnen sollen, so der Radfahr-Aktivist – mit innovativen SB-Kassen und Self-Checkout beispielsweise. „Auch wir haben uns aufgemacht und erst mal gestaunt“, schreibt Herresthal. „Während ein riesiger Parkplatz Pkw in großer Zahl anlockt, wurde offenbar an Rad fahrende Kundinnen und Kunden nur unzureichend gedacht. Drinnen digitale Technik und draußen Fahrrad-Abstellanlagen aus dem letzten Jahrhundert. Es scheint, als habe Combi eine sehr einseitige Vorstellung über Fortschritt und Zukunft in Ostfriesland.“

„Das ist nicht meine Baustelle“

Mit Fahrrad-Abstellanlagen aus dem letzten Jahrhundert meint Herresthal die berüchtigten „Felgenkiller“ – einfache Fahrradständer, bei denen man das Vorderrad einschiebt und eine Acht riskiert, wenn das Rad umfällt. Der Standard sind heutzutage Anlehnbügel, am besten überdacht. Doch die sucht man am neuen Combi vergebens. Dort steht an der Frontseite – allerdings ziemlich weit weg vom Haupteingang und ohne Überdachung – ein einfacher Fahrradständer mit rund 20 Plätzen. An der linken Seite des Gebäudes gibt es noch mal zehn Plätze.

Rolf und Christine Bronischewski wünschen sich bessere Fahrradständer. Foto: Ortgies
Rolf und Christine Bronischewski wünschen sich bessere Fahrradständer. Foto: Ortgies

Christine und Rolf Bronischewski aus Aurich, die aus Überzeugung nur mit dem Fahrrad unterwegs sind, ärgern sich über diese altmodischen Fahrradständer, wie sie bei einem Ortstermin der Redaktion sagen. Das Rentner-Ehepaar mag zwar den neuen Combi XL, doch die beiden wünschen sich moderne Anlehnbügel, an die sie ihre hochwertigen E-Bikes anketten können. Von Überdachung wollen sie gar nicht sprechen. „Das wäre Luxus“, sagt Rolf Bronischewski.

„Das ist nicht meine Baustelle“

Die meisten Rad fahrenden Kunden stellen ihre Vehikel direkt beim Haupteingang rund um die Einkaufswagen-Box ab, nicht in den Fahrradständern. Der ADFC hat beim Marktleiter nachgefragt. Der habe an den Eigentümer der Immobilie verwiesen, berichtet Herresthal. Eigentümer Wilhelm Schomaker (Dörpen) findet den Hinweis des Marktleiters „etwas eigenartig“, wie er im Gespräch mit der Redaktion sagt. „Das ist nicht meine Baustelle. Ich gehe davon aus, dass Bünting reagiert, wenn sie entsprechenden Bedarf feststellen.“ Erst jetzt kristallisiere sich ja heraus, „wie viele Fahrräder da aufschlagen“. Eine am Montag gestellte Anfrage bei der Bünting-Pressestelle blieb bist Mittwochmittag unbeantwortet.

Auch die Stadt Aurich interessiert sich für das Thema Radverkehr rund um den Combi XL. Ein Verkehrsgutachten sei in Arbeit, sagt Stadtbaurätin Alexandra Busch-Maaß. „Uns ist sehr wohl bewusst, dass der Verkehr dort ein Knackpunkt ist.“ Das Gutachten solle zeigen, wo die Schwachpunkte sind. Dabei geht es allerdings um den fließenden (Rad-)Verkehr, nicht um Abstellmöglichkeiten für Fahrräder. Die sind im Unterschied zu Pkw-Stellplätzen nicht Teil der Baugenehmigung.

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