Beschäftigte schlagen Alarm  Sorge um die Zukunft der Auricher Kitas

Marion Luppen
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Von Marion Luppen
| 13.02.2023 18:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Betreuung kleiner Kinder ist eine anspruchsvolle und teure Aufgabe. Foto: Puchner/dpa
Die Betreuung kleiner Kinder ist eine anspruchsvolle und teure Aufgabe. Foto: Puchner/dpa
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Die Kuh ist noch nicht vom Eis: Womöglich werden die Auricher Kindertagesstätten doch vom Landkreis übernommen. Beschäftigte und Elternvertreter machen sich Sorgen.

Aurich - Wie geht es weiter mit den Kindergärten, Horten und Krippen in Aurich? Beschäftigte der Kindertagesstätten und Eltern sind immer noch in Sorge um ihre Arbeitsplätze und um die Qualität der Betreuung. Das machten sie am Dienstag im Auricher Ratssaal deutlich. Dort tagte der Sozialausschuss des Rates. Rund 50 Kita-Bedienstete und Elternvertreter waren gekommen, um ihre Befürchtungen zum Ausdruck zu bringen.

Wie ein Damoklesschwert schwebt noch immer die Möglichkeit einer Übernahme der städtischen Kitas durch den Landkreis Aurich über den Beschäftigten. Sie empfinden das als Bedrohung. Helga Koritsch leitet die Kita Wallinghausen. Es werde immer gesagt, dass sich bei einer Übernahme der Kitas durch den Landkreis für Eltern, Kinder und Beschäftigte nichts ändern würde, sagte Koritsch. Das stimme aber nicht. Kolleginnen und Kollegen aus Leer und Schortens wüssten ein Lied davon zu singen. „Sie bangen jetzt.“ Die Arbeitsverträge würden nicht unbedingt eins zu eins vom Landkreis übernommen. „Jetzt stehen wir hier und wissen nicht, wie es weitergeht.“

„Da sind wirklich Zukunftsängste da“

Jannes Thiele leitet den Kindergarten Finkennüst. Er berichtete von Kolleginnen in Elternzeit, die zögerten zurückzukehren, weil sie die Lage nicht einschätzen könnten. „Da sind wirklich Zukunftsängste da.“ Es stelle sich die Frage, ob Arbeitsverträge mit wenigen Stunden pro Woche im Falle einer Übernahme so weiterlaufen könnten. Es gebe außerdem unter den Kita-Beschäftigten in Aurich viele Kinderpflegerinnen und -pfleger – ein Beruf, in dem heutzutage nicht mehr ausgebildet werde und der mittlerweile deutlich schlechter bezahlt werde. Die betroffenen Kolleginnen und Kollegen befürchteten daher Gehaltseinbußen. Außerdem könne ihm niemand verbindlich sagen, ob die dritte Betreuungskraft in den Kitas – in Aurich seit Jahren Standard – im Falle einer Übernahme Bestand hätte.

Magrit Apel leitet die Kita Bodelschwingh. Sie wies auf die vielen Horte in Aurich hin – also Einrichtungen, in denen Schulkinder betreut werden. Sie seien ein freiwilliges Angebot der Stadt Aurich. Familien hätten keinen Rechtsanspruch darauf. Viele seien jedoch darauf angewiesen, weil Grundschulen noch keinen ausreichenden Ganztagsbetrieb böten. „Wir können alle stolz sein, dass wir in Aurich so viele Hortplätze anbieten.“ Im Falle einer Übernahme stelle sich die Frage, ob der Landkreis diese Horte weiterbetreiben würde oder ob er stattdessen die Stadt in die Pflicht nähme, den Ganztagsbetrieb auszubauen.

Immer noch nicht entschieden

Bürgermeister Horst Feddermann (parteilos) bemühte sich, die Gäste zu beschwichtigen. „Jeder weiß, was für ein Schatz Kitas sind“, sagte Feddermann. Auf der anderen Seite müsse man die Diskussion über die Finanzierung führen, „auch wenn sie nicht schön ist“. Der Betrieb von Kitas sei eine freiwillige Aufgabe der Stadt, „und die muss finanziert sein“. Das Land mache Vorgaben und lasse die Kommunen bei der Finanzierung im Stich. Aurich sei jedoch über die Phase des Abgebenwollens hinaus, sagte der Bürgermeister. „Ich sehe das im Moment nicht, dass wir die Kitas an den Landkreis abgeben.“

Dennoch konnte sich Feddermann nicht dazu durchringen, es endgültig auszuschließen. „Uns liegt bislang noch keine ausformulierte Vereinbarung vor. Diese Vereinbarung ist beim Landkreis in der Vorbereitung. Wir warten darauf, dass wir sie bekommen.“ Erst dann könne entschieden werden. Gerhard Wulff (Die Linke) forderte den Bürgermeister auf, „die Hängepartie zu beenden“. Der Rat wolle keine Übernahme der Kitas durch den Landkreis. Dafür gab es Applaus von den Besuchern.

Vorgeschichte mit viel Unruhe

Kurz vor Weihnachten hatten sich die Bürgermeister der Städte und Gemeinden mit der Kreisverwaltung auf eine neue Kita-Vereinbarung geeinigt. Demnach bleibt die Trägerschaft bei den Städten und Gemeinden – auch in Aurich. Der Landkreis beteiligt sich stärker als bislang an den Betriebskosten, langfristig mit 50 Prozent. Der neue Kita-Vertrag soll eine Laufzeit von zehn Jahren haben. Er tritt allerdings erst in Kraft, wenn sämtliche Gemeinderäte und der Kreistag zugestimmt haben.

Das Ganze hat eine Vorgeschichte mit viel Unruhe: Im Februar 2022 hatte Landrat Olaf Meinen (parteilos) für die Bürgermeister völlig überraschend angekündigt, dass der Landkreis zum Jahreswechsel 2022/23 sämtliche Kindertagesstätten im Kreisgebiet übernehmen werde, insgesamt 126 Krippen und Kindergärten zwischen Juist und Wiesmoor, zwischen Baltrum und Großefehn. Damit hatte er Empörung bei Kita-Personal, Eltern und Bürgermeistern ausgelöst.

Zehn Millionen Euro pro Jahr

Alle Bürgermeister waren sich einig, dass die Verantwortung für die Kitas bei den Gemeinden bleiben soll. Der Landkreis müsse sich aber stärker an den steigenden Kosten beteiligen, hieß es. Nachdem sich die Wogen geglättet hatten, begannen die Verhandlungen. Auf der Zielgeraden scherte Feddermann dann plötzlich aus. Er schlug vor, die Trägerschaft für Kindergärten und Krippen nun doch an den Landkreis zurückzugeben. Die finanzielle Belastung für die Stadt bleibe auch unter verbesserten Bedingungen zu hoch.

Das brachte die Auricher Kita-Beschäftigten und Eltern erneut in Aufruhr. In den politischen Gremien der Stadt fand sich keine Mehrheit für die Übergabe der Kitas. Endgültig entschieden ist das aber noch nicht. Bis dahin bleiben Eltern und Beschäftigte in Sorge. Die Stadt hat schon mal nachgerechnet, wie hoch die finanzielle Belastung in Zukunft sein wird: Auch unter den neuen Bedingungen muss sie jährlich knapp zehn Millionen Euro zum Kita-Betrieb zuschießen.

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