Osnabrück E-Autos: Die deutsche Autoindustrie fürchtet den Havanna-Effekt
Neuwagen sind teuer wie nie - und für viele Käufer unerschwinglich. Das hat nur einer noch nicht verstanden, nämlich die Autoindustrie. Doch inzwischen geht die Furcht vor einem Effekt um, der aus Kuba bekannt ist.
Sie erinnern sich sicher auch noch an den ein oder anderen James-Bond-Film mit dem besonderen karibischen Charme. Jedes Mal, wenn der Geheimagent auf Kuba Bösewichte jagte, dann rollten opulente Straßenkreuzer durchs Bild. Sie wissen schon, diese alten amerikanischen Wagen, sehr lang, sehr farbig, mit ganz viel Chrom und großen Kotflügel-Flügeln am Heck. Ein Markenzeichen der Uferpromenade in der Hauptstadt Havanna. Halten Sie karibische Verhältnisse in Deutschland für undenkbar? Ich nicht.
Dieser Gedanke schoss mir durch den Kopf, als ich jüngst ein Autohaus besuchte. Jedenfalls scheinen die Preise, die ich so im Kopf habe, nicht mehr zu den Preisvorstellungen der Hersteller zu passen. Da standen E-Autos für rund 60.000 Euro. Und jetzt kommen wir zur Kuba-Insel zurück: Die Autoindustrie spricht vom Havanna-Effekt. Dahinter steht die Furcht der Hersteller, dass sich ein gewisser, gar nicht so kleiner Prozentsatz der Kunden dem Elektroauto verweigern könnte.
Der Kunde könnte sich - das ist wirklich unerhört! - als aufsässig und dickköpfig erweisen. Der Kunde könnte anfangen zu rechnen und seinen alten, längst abbezahlten und noch gut laufenden Verbrenner einfach weiter nutzen. Er könnte sogar so weit gehen, sich einen Gebrauchtwagen anzuschaffen. Oder der Kunde könnte gar - oh je! - Elektroautos aus chinesischer Produktion erwerben.
So wie auf Kuba, dem Paradies für Oldtimer, aus der Not heraus immer noch alte US-Straßenkreuzer ihren Dienst verrichten, so könnte es auch in Deutschland werden. Der Fahrzeugbestand hierzulande wird bereits jetzt immer älter: Im Schnitt hat ein Wagen derzeit 9,8 Jahre auf dem Buckel, Tendenz steigend.
Viele Autobesitzer hegen und pflegen ihre Autos mehr als früher. Da der schicke Neuwagen als Prestigeobjekt zudem weitgehend ausgedient hat, fällt auch dieser Aspekt weg. Kein Wunder, dass die Preise für gebrauchte Autos derzeit schneller als die für Neuwagen steigen.
Und wie reagiert die Autoindustrie? Sie verschärft überraschenderweise den Trend. Denn die Hersteller lassen gerade preiswerte Kompaktwagen und Kleinwagen aus dem Angebot verschwinden. Das ist absurd. Als Grund nennen sie immer mehr Abgasvorschriften, Assistenz-Systeme und sonstige Technik, die einzubauen ist. Aber es ist vor allem die Hoffnung, mit Hilfe der E-Autos im profitablen Hochpreissegment ordentlich zu verdienen und den Rest - das Gedöns - den anderen zu überlassen. Ein gefährlicher Irrtum. Insbesondere Mercedes fährt diesen Kurs.
Doch die chinesischen Marken kommen gerade erfolgreich mit ihren preisgünstigen E-Autos auf den europäischen Markt. Umgekehrt mussten Tesla und Mercedes in China bereits massiv die Preise senken. Eins scheint sicher: Der Kurs der deutschen Autobauer wird auf die Dauer nicht gutgehen.