Hamburg Neuer Rekord: Bundeswehr warb 2022 mehr als 1700 Minderjährige an
Die Bundeswehr soll wachsen – und dabei helfen auch vermehrt Jugendliche unter 18 Jahren. Um mehr als 40 Prozent ist die Zahl der Rekrutierungen im Vergleich zum Vorjahr angestiegen, jeder zehnte Rekrut 2022 war unter 18. Kritiker sehen einen Verstoß gegen Aufforderungen der UN.
Die Bundeswehr ist auf Messen, in der Schule, auf Festivals oder auch auf der Plattform YouTube präsent. Die Versuche, Nachwuchs zu gewinnen, sind mannigfaltig. Und haben offenbar gerade bei Minderjährigen Erfolg.
Die Bundeswehr hat 2022 einen neuen Rekord bei der Rekrutierung Minderjähriger aufgestellt. Exakt 1773 Jugendliche unter 18 haben im vergangenen Jahr ihren Dienst bei der Bundeswehr aufgenommen. Das sind 43 Prozent mehr jugendliche Rekruten als noch im Vorjahr, einen solchen Anstieg gab es seit Aussetzung der Wehrpflicht noch nie. Ebenfalls Rekord beim Blick auf die Gesamtzahl der Rekrutierten: Beinahe jeder zehnte Rekrut 2022 war minderjährig.
Die Zahlen gehen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Ali Al-Dailami (Linke) hervor. Seit Aussetzen ist die Zahl der rekrutierten Jugendlichen bei der Bundeswehr sprunghaft angestiegen. Etwa 18 Prozent der minderjährigen Rekruten 2022 waren Frauen. Bis zur Volljährigkeit keinen Dienst an der Waffe leiste, nehmen zudem nicht an Wachdiensten und Auslandseinsätzen teil.
Der Linken-Politiker selbst kritisiert die Zahl scharf. „Studien zum britischen Militär belegen eindeutig, dass unter minderjährigen Rekrutinnen und Rekruten psychische Traumata wie posttraumatische Belastungsstörung, Selbstverletzung und Suizid überdurchschnittlich oft auftreten“, teilt er unserer Redaktion mit. Auch seien minderjährige Rekrutinnen besonders häufig sexuellen Belästigungen und Übergriffen ausgesetzt.
„Die Bundesregierung sollte endlich der Aufforderung der UN nachkommen und der Rekrutierung Minderjähriger ein Ende setzen“, so Al-Dailami, der die Anfrage nach eigenen Angaben im Auftrag des Bündnisses „Unter 18 nie!“ gestellt hat. Träger des Bündnisses sind unter anderem Kirchen, Friedensinitiativen und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).
Nach Meinung Al-Dailamis sind die Werbemaßnahmen für junge Menschen auch dem Druck geschuldet, die Bundeswehr personell weiter auszubauen. Bis 2031 soll die Truppe auf 203.000 Soldaten anwachsen.
Das Verteidigungsministerium gibt wenig Anlass für den Glauben, dass sich die Hoffnung der Kritiker erfüllen könnte. Die Bundeswehr stehe bei Schülern hoch im Kurs, teilte es auf Anfrage unserer Redaktion mit. Dabei verwies eine Sprecherin auf das Arbeitgeber-Barometer des Marktforschungsinstitutes „Trendence”, nachdem die Bundeswehr 2022 hinter der Polizei auf Platz 2 der beliebtesten Arbeitgeber stand.
Die Forscher machten in der Vergangenheit dafür zwei Ursachen aus: den generellen Wunsch, im öffentlichen Dienst zu arbeiten und starke Kampagnen, mit denen die Bundeswehr offensiv für sich wirbt.
Mehr als 30 Millionen Euro an Steuermitteln gibt die Bundeswehr jährlich für Nachwuchswerbung aus. Geld, von dem nach Angaben aus dem Ministerium auf Anfrage unserer Redaktion etwa 2,2 Millionen Euro in die Internet-Serie „Semper Talis” gingen, bei der das Wachbataillon beworben wird. Eine Serie, die sich durchaus an junges, wenn auch nicht explizit an minderjähriges Publikum richtet.
Das Ministerium argumentiert nach dem Motto: Der Erfolg gibt recht. „Dass diese Formate bei der Zielgruppe ankommen, spiegelt sich in einem konstant hohen Interesse und jährlichen Bewerbungsaufkommen wieder“, teilt eine Sprecherin mit.
Seit „Semper Talis” sei die Zahl der Abonnenten auf dem staatlichen YouTube-Kanal „Bundeswehr Exklusive“ auf mehr als eine halbe Million Abonnenten angestiegen. Crossmedial, zeitgemäß und innovativ soll die Nachwuchswerbung für die Truppe sein, um im Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern zu bestehen. Der eingeschlagene Weg werde auch 2023 und 2024 fortgesetzt, so eine Sprecherin.
Doch die Bundeswehr bleibt auch ganz analog nahe beim Nachwuchs. Nach Angaben der Bundesregierung plante die Bundeswehr alleine für das letzte Quartal 2022 auf knapp 200 Berufsmessen dabei zu sein. Mehr als 150 Mal wollten Karriereberater, Jugendoffiziere und Truppen bundesweit Schulen und Schüler, teilweise schon aus der achten Jahrgangsstufe.
„Das Militär hat jedoch auf Festivals, Berufsmessen oder im Klassenzimmer nichts zu suchen“, fordert Ali Al-Dailami. Die Bundesregierung müsse die dortigen Werbemaßnahmen endlich unterbinden.
Zu den generellen Kritikern der minderjährigen Rekruten zählt auch die Wehrbeauftragte Eva Högl, wie es deren bislang jüngsten Bericht von 2022 hervorgeht. Allerdings hebt sie auch hervor, dass 2021 gesetzliche Schutzmaßnahmen und besondere Regeln für die Jugendlichen erlassen wurden. Separate Unterkünfte und direkte Ansprechpartner gehören dazu.
Und allein mit minderjährigen Rekruten wird die Bundeswehr personell wohl ohnehin nicht wachsen können. Überdurchschnittlich viele (27 Prozent im Jahr 2021) brechen die Ausbildung innerhalb der ersten sechs Monate wieder ab.